Versorger – Profiteure der Energiekrise in Europa?

Nord Stream II bestimmt den Gaspreis in Europa wesentlich mit. (Bild: Sutterstock.com/Frame Stock Footage)
Nord Stream II bestimmt den Gaspreis in Europa wesentlich mit. (Bild: Sutterstock.com/Frame Stock Footage)

Bereits seit September 2020 sind die Strompreise an den Terminbörsen stetig gestiegen. Tiefpunkt war im März 2020, weil die Industrie und die Mobilität coronabedingt stillstanden. Kostete die Tonne CO2 2021 im Durchschnitt noch 56 Euro pro Tonne, sind es aktuell bereits über 80 Euro. Viele Analysten erwarten laut Hagen Ernst von DJE Kapital einen weiteren Anstieg auf über 100 Euro pro Tonne.

08.02.2022, 10:40 Uhr

Redaktion: rem

"Um bis 2030 eine Reduzierung des CO2-Ausstosses in Europa um 55% zu erzielen, ist ein weiterer Preisanstieg politisch gewollt und soll durch eine stetige Verknappung der CO2-Zertifikate bewirkt werden. Hinzu kommt, dass die europaweite Gasknappheit sowie die Abschaltung deutscher Atomkraftwerke dazu geführt haben, dass wieder mehr Strom aus Kohlekraftwerken produziert wurde, welche wiederum mehr CO2-Zertifikate benötigen. Erschwerend hinzu kommen steigende Preise bei wichtigen Rohstoffen", erklärt Hagen Ernst, stellvertretender Leiter Research & Portfoliomanagement bei der DJE Kapital.

Ukraine-Krise und Nord Stream II bestimmen den Gaspreis

Ein Barrel Rohöl der Sorte Brent verteuerte sich vom "Corona-Tief“ von ca. 20 Dollar auf aktuell 90 Dollar. Der Gaspreis explodierte vor allem infolge geringerer Gaslieferungen aus Russland auf in der Spitze 180 Euro/MWh im Dezember und liegt aktuell bei ca. 92 Euro/MWh, einem immer noch sehr hohen Niveau. Sicherlich sollte sich der Gaspreis spätestens ab April wetterbedingt etwas normalisieren, ob er aber wieder auf ein Niveau von 30-60 Euro/MWh – so die Einschätzung vieler Marktteilnehmer – zurückkommt, bleibt abzuwarten. "Im Wesentlichen wird die Entwicklung des Gaspreises vom weiteren Verlauf der Ukraine-Krise sowie der Genehmigung von Nord Stream II abhängen. Sollte es zur Entspannung in der Ukraine-Krise sowie einer Genehmigung von Nord Stream II kommen, hätte das eine Normalisierung des Preisniveaus zur Folge", sagt Ernst.

Wie er weiter ausführt, sind und bleiben Europa und hier vor allem Deutschland nach wie vor in besonderem Ausmass von russischem Gas abhängig: So bezog beispielsweise Deutschland 2020 mehr als 55% seines Erdgasbedarfs aus Russland. Ein Ausfall bzw. ein Boykott russischen Gases kann weder durch den zweitgrössten Lieferanten Norwegen, der ca. 30% des benötigten Gases liefert, noch durch Flüssiggas-Importe aus den USA ausgeglichen werden. Sollten also in Folge des Ukraine-Konflikts Gaslieferungen aus Russland in grösserem Umfang ausfallen, ist mit erneut stark steigenden Gaspreisen zu rechnen, mit entsprechenden preissteigernden Auswirkungen auf den Strompreis. "Eine Eskalation im Ukraine-Konflikt würde die Energiekrise in Europa wohl massiv verschärfen", betont Ernst.

"Nicht nur der Ukraine-Konflikt, sondern auch der Ausfall einiger französischer Atomreaktoren gefährden die Versorgungssicherheit."

Zusätzlich verschärft worden ist die Energiekrise in Europa laut dem Experten durch den temporären Ausfall wichtiger Nuklearreaktoren bei Électricité de France (EdF). Atomstrom ist mit einem Anteil von 30% gegenüber 15% im weltweiten Durchschnitt immer noch das Rückgrat der europäischen Stromproduktion. Mehr als die Hälfte des Atomstroms kommt aus Frankreich. Atomstrom ist nach dem europaweiten sukzessiven Ausstieg aus der Kohleverstromung einer der letzten verbliebenen verlässlichen Erzeugungsquellen. Nach ungeplanten Stillständen und Revisionen bei Reaktoren in Civaux und Choox, musste EdF die Produktionsprognose für 2022 deutlich senken. Statt 330-360 TWh wird man nur 300-330 TWh Nuklearstrom liefern können. Die Ankündigung hat zu einem temporären Anstieg des Forward-Strompreises auf über 500 Euro/MWh für das 1. Quartal 2022 geführt.

Aktuell stehe der Forward-Kontrakt für Grundlaststrom bei 200 Euro/MWh, einem Niveau, welches weder für die Industrie noch für den Endverbraucher tragbar und daher nicht nachhaltig sein dürfte, so Ernst. Allerdings seien die Forward-Kontrakte für 2023 mit 120 Euro/MWh sowie für 2024 mit 90 Euro/MWh ebenfalls auf sehr hohen Niveaus. Zwar sei – sofern es nicht zu einer Eskalation im Ukraine-Konflikt komme – mit einer Normalisierung des Gaspreises zu rechnen, jedoch sei die Stromversorgung in Europa nach wie vor angespannt, insbesondere im Falle eines vorgezogenen Kohleausstiegs. Nuklearstrom aus Frankreich sei das Rückgrat der Grundlasterzeugung in dieser Dekade. Die Reaktorflotte sei aber mit einem Durchschnittsalter von 35 Jahren nicht mehr die jüngste. Es ist daher nach Ernsts Ansicht nicht auszuschliessen, dass weitere ungeplante Stillstände in den Folgejahren erforderlich sein werden.

Europäische Stromversorger sollten vom hohen Strompreis profitieren

Vor diesem Hintergrund sollte der Strompreis auf hohem Niveau verharren, meint er. Hiervon würden dann vor allem europäische Stromerzeuger wie Fortum, Verbund, RWE oder Uniper profitieren. RWEs Stromerzeugung fokussiere sich zwar mittlerweile auf erneuerbare Energien mit langfristig vertraglich festgesetzten Erzeugerpreisen. Jedoch sei die RWE-Aktie im Gegensatz zu den anderen Versorgern bislang nicht so stark gestiegen und profitiere zumindest teilweise von hohen Strompreisen. So sei in diesem Jahr knapp 10% der RWE-Stromproduktion für 2022 nicht "abgehedged" und könne zu sehr hohen Preisen im Spotmarkt verkauft werden. Zudem sei ein Teil der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien (14-17 TWh) frei verfügbar und könne am Markt ebenfalls zu hohen Preisen verkauft werden. Ferner besitze RWE einen deutlichen Bewertungsabschlag zu anderen Stromerzeugern aus erneuerbaren Energien, welcher sich im Falle eines vorgezogenen Kohleausstiegs reduzieren könne, erläutert Ernst.

Von der angespannten Lage bei der Stromerzeugung könnten auch Hersteller von Windturbinen oder Gaskraftwerken profitieren. So habe z.B. Siemens Energy jahrelang unter der Investitionsrückhaltung europäischer Stromversorger in Gaskraftwerke gelitten, weil es sich nicht mehr rechnete. Die Belegschaft musste abgebaut werden. Nun müsse die Politik aber handeln, um die Versorgungssicherheit in Europa nicht zu gefährden. Für einen vorgezogenen Kohleausstieg ist laut dem Experten der Bau neuer Gaskraftwerke als Brückentechnologie erforderlich: "Hier müssen festvergütete Kapazitätsmärkte analog zu Grossbritannien geschaffen werden, um sichere Investitionsrahmenbedingungen zu schaffen. Zudem ist ein schnellerer Ausbau der erneuerbaren Energien geboten. Hierfür benötigt man sowohl Solar als auch Wind. Beide Erzeugungsarten ergänzen sich gut, da Sonne vor allem im Sommer scheint, während Wind vor allem im Winter weht. Sowohl bei erneuerbaren Energien, vor allem Offshore Wind, als auch bei Gaskraftwerken, ist Siemens Energy gut positioniert. Die nächsten Quartale könnten jedoch aufgrund der aktuell noch schlechten Auftragslage und einiger hausgemachter Probleme in der erneuerbaren-Sparte Siemens Gamesa weiter schwierig bleiben."

Ausserordentlich gute Gewinnperspektive bei europäischen Öl- und Gastiteln

Ausserordentlich gut stelle sich aktuell die Gewinnperspektive bei den europäischen Öl- und Gaswerten dar: Equinor aus Norwegen beispielsweise dürfte aufgrund der hohen Gaspreise im 4. Quartal 2021 ein historisches Rekordergebnis einfahren. Equinor könne in gewisser Weise als Hedge-Investment gesehen werden, wenn es zu einer Eskalation im Ukraine-Konflikt komme, so Ernst. Kein anderes europäisches Öl- und Gasunternehmen dürfte eine so hohe Sensitivität zum Gaspreis haben wie Equinor.

Doch auch breiter aufgestellte europäische Öl- und Gaskonzerne wie BP, Royal Dutch Shell oder Total Energies profitierten von den hohen Öl- und Gaspreisen und dürften nicht nur sehr gute Zahlen für das 4. Quartal 2021 liefern, sondern auch im Gesamtjahr 2022 erneut hohe Gewinne generieren. Der freie Cash Flow dürfte dabei im Gesamtjahr 2021 einen historischen Rekordwert erreicht haben und könnte 2022 sogar noch übertroffen werden.

"Europas Öl-Multis stecken gerade in einem massiven Umbau, weg vom traditionellen Geschäft hin zu erneuerbaren Energien. Bis 2030 könnten diese bis zu 40% ihrer Investitionen in erneuerbare Energien stecken, etwas mehr als viermal so viel wie heute", sagt der stellvertretende Leiter Research & Portfoliomanagement bei der DJE Kapital. Durch die aktuell sehr hohe Mittelgenerierung könne diese Transformation auch problemlos finanziert werden und im Vergleich zu einstigen Grossprojekten im Öl- und Gasgeschäft seien die Investitionen in Wind- und Solarparks etc. auch nicht besonders gross.

"Der europäische Öl- und Gassektor wird inzwischen aus ESG- und Nachhaltigkeitsgründen von vielen institutionellen Anlegern gemieden. Rein aus dem Investitionsblickwinkel bleibt die Branche aber sehr spannend, denn ins klassische Öl- und Gasgeschäft wird wenig investiert, was auch für längerfristig hohe Ölpreise spricht. Darüber hinaus sind die Investitionen in erneuerbare Energien nicht so gross wie ehemalige Investitionen in grosse Öl- und Gasprojekte. Relativ gesehen sind Unternehmen wie Equinor oder Totalenergies bei der Transformation schon relativ weit fortgeschritten und in ihrer Branche auch mit am besten bzgl. der ESG- und Nachhaltigkeitskriterien bewertet", sagt Ernst abschliessend.

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