Die europäischen Märkte oder Walzer im Dreiertakt

Die seit Jahresbeginn zu beobachtende Korrektur an den Märkten hat vor allem den starken Anstieg der langfristigen Zinsen in den USA und Europa zur Folge. (Bild: Shutterstock.com/Giulio Benzin)
Die seit Jahresbeginn zu beobachtende Korrektur an den Märkten hat vor allem den starken Anstieg der langfristigen Zinsen in den USA und Europa zur Folge. (Bild: Shutterstock.com/Giulio Benzin)

Seit Jahresbeginn erleidet der europäische Markt ebenso wie die anderen Regionen eine heftige Korrektur. Der Markt wartet auf den Tiefpunkt, der das Startzeichen für eine langfristig neue Positionierung sein wird. Die Experten von Candriam sind davon überzeugt, dass die europäischen Aktien sich im Dreiertakt entwickeln werden.

11.07.2022, 14:52 Uhr

Redaktion: rem

Die seit Jahresbeginn zu beobachtende Korrektur an den Märkten hat vor allem den starken Anstieg der langfristigen Zinsen in den USA und Europa zur Folge. Das Phänomen der hohen Zinsen wirkt sich auf die Bewertungen der Unternehmen aus und in erster Linie auf die so genannten Qualitäts-/Wachstumswerte. "Tatsächlich wird der aktuelle Zeitwert stark beeinflusst, da die zukünftige Bewertung der Cashflows automatisch nach unten korrigiert wird", sagt Geoffroy Goenen, Head of Fundamental European Equity bei Candriam. "Wir erwarten, dass wir bei einem Anstieg der langfristigen US- und europäischen Zinsen um 100 Basispunkte ca. 15% an Bewertung aller Qualitäts-/Wachstumsaktien verlieren. Auch wenn wir eine kurzfristige Übertreibung bei der Entwicklung der langfristigen Zinsen nicht ausschließen können, sind wir der Überzeugung, dass wir uns einem Höchststand nähern."

Absolute Performance

Absolute Performance MSCI Europe (Value), MSCI Europe (Growth) und NASDAQ Composite (Basis 100, Achse) und Gattungssatz 10 Jahre US (Rechtsachse). Quelle: Bloomberg, 14.06.2022
Absolute Performance MSCI Europe (Value), MSCI Europe (Growth) und NASDAQ Composite (Basis 100, Achse) und Gattungssatz 10 Jahre US (Rechtsachse). Quelle: Bloomberg, 14.06.2022

Die Experten von Candriam beobachten jedoch, dass viele Titel, die zum Ende des letzten Jahres übermässig teuer geworden waren, heute wieder relativ attraktiv sind. "Wenn wir in unsere Bewertungsmodelle einen risikofreien Zinssatz von 2,5 %[1] integrieren, erhalten wir ein durchschnittliches Aufwärtspotenzial von rund 20% für unsere Strategie, die in innovative europäische Aktien[2] investiert, die eine eher starke Gewinndynamik zeigen", so Goenen.

Wenn sich die Zinserwartungen der Candriam-Ökonomen bestätigen, halten sie es für mehr als wahrscheinlich, dass wir uns dem Ende dieser ersten Phase des übermässigen Verkaufs nähern. Denn trotz einer Volatilität, die wahrscheinlich anhält, dürften wir in der Nähe des Höchststands der langfristigen Zinsen und der Kerninflation[3] stehen, vor allem in den USA. Die Untergrenze, vor allem bei den Wachstumswerten, dürfte daher rasch erreicht werden und es den Letztgenannten ermöglichen, von einem erheblichen Aufwärtspotenzial zu profitieren. Nicht zu vergessen sei, dass der Teil Qualität/Marktwachstum, wie z. B. innovative Werte, durchschnittlich jährlich zwischen 8% und 10% der Bewertung generiert[4], ohne den Konsens zu übertreffen. Dieselben innovativen Werte neigten zudem dazu, den Markt im Hinblick auf die Gewinne pro Aktie positiv zu überraschen, so Goenen.

Relative Performance MSCI Europe GROWTH Netto-Rendite / MSCI Europe VALUE
Netto-Rendite, Basis 100, über 5 Jahre. Quelle: Bloomberg zum 14.06.2022
Relative Performance MSCI Europe GROWTH Netto-Rendite / MSCI Europe VALUE Netto-Rendite, Basis 100, über 5 Jahre. Quelle: Bloomberg zum 14.06.2022

Growth und Value

Growth-Aktien zeichnen sich im Allgemeinen durch ein höheres Gewinnwachstum aus und sind höher bewertet. Der MSCI Europe Growth Index, der 50% der Marktkapitalisierung von MSCI Europe darstellt, wird durch eine Faktorenanalyse des langfristigen und kurzfristigen Wachstums des Gewinns je Aktie (EPS), des aktuellen Wachstums und des langfristigen historischen Wachstums des EPS und des Umsatzes bestimmt.

Als "Value“ bezeichnete Aktien sind im Allgemeinen im Verhältnis zu ihren Gewinnen oder Vermögenswerten niedriger bewertet. Sie werden für den MSCI Europe Value Index anhand eines Faktorenmodells des Kurs-Buchwert-Verhältnisses, des künftigen KGV und der Dividendenrendite definiert.

Zweite Phase: die Rückkehr des Wachstums

Wie Goenen weiter erläutert, verstärken auf der einen Seite die verschiedenen Massnahmen der Zentralbanken – in erster Linie die Reduzierung ihrer Bilanz aber auch ihre Zinserhöhungen – die Konjunkturabschwächung. Andererseits litten die meisten Länder unter einem zu hohen Verschuldungs- und Defizitniveau. Daher sei es für sie äusserst schwierig, das Wachstum in einem solchen Umfeld zu unterstützen. Die USA hätten grosse Mühe, Ihre Investitionspläne abgesegnet zu bekommen, was ein perfektes Beispiel sei.

In den kommenden Quartalen dürften wir – zusätzlich zu den bestehenden Margenproblemen – ernsthafte Ertragsrisiken zu Gesicht bekommen. Sobald der Anstieg der langfristigen Zinssätze in den Markt integriert sei, sollten wir in einen "normalen“ Gewinnzyklus übergehen, meint Goenen. Einige Unternehmen werden sich seiner Meinung nach natürlich in Bezug auf ihre Gewinne verlangsamen, andere werden sich behaupten, und die grossen Gewinner werden diejenigen sein, denen es gelingt, von den sich beschleunigenden Nischen zu profitieren. "In diesen Basiszyklen entwickeln sich im Allgemeinen die Wachstumswerte überdurchschnittlich, wobei die Selektivität nach wie vor von entscheidender Bedeutung ist. Wir sehen zahlreiche Nischen, die in den kommenden Jahren strukturell zu einer solchen Prognosesicherheit bzw. zu einem Anstieg von Marktanteilen und Gewinnsteigerungen führen dürften; insbesondere für Unternehmen, die in den Bereichen Energiewende, neue Gesundheitstechnologien, Digitalisierung oder Automatisierung der Wirtschaft tätig sind", sagt er.

Dritte Phase: Startschuss für die Zyklen

Der Zeitpunkt für den Startschuss dieser dritten Phase dürfte durch den von den Märkten im weiteren Sinne erreichten Tiefstand bestimmt werden. Dieser Tiefstand werde bestimmen, wann sich Anleger langfristig in einem erneut steigenden Markt positionieren können. Was das Marktwachstum angehe, seien wir wahrscheinlich, wie bereits erläutert, nicht weit von einer Talsohle entfernt. Der Nasdaq, ein perfektes Beispiel für diese Art von Werten, sei von über 16'000 Punkten auf derzeit 11'000[5] gefallen, was vermuten lasse, dass die Korrektur im Grossen und Ganzen hinter uns liege. Wir könnten eine weitere Übertreibung nach unten beobachten, aber die Widerstandsfähigkeit der Gewinne sei hoffentlich bald erreicht, so der Aktienexperte.

"Im Value-Bereich des Marktes erscheinen uns Bergbau- und Erdölunternehmen auf diesem Niveau sehr teuer. Sie integrieren in der Tat historisch hohe Rohstoffpreise, die durch vorübergehende Defizite auf Angebotsebene getrieben werden. Angesichts des derzeitigen globalen Konjunkturabschwungs, der sich 2023 sicherlich fortsetzen dürfte, dürften sich diese Rohstoffmärkte jedoch wieder ausgleichen", meint Goenen.

Zudem sei historisch gesehen festzustellen, dass die Märkte, und insbesondere die zyklischen Werte, eine neue Phase des Konjunkturzyklus 6 bis 12 Monaten vorwegnehmen. Auch wenn das Festlegen eines bestimmten Zeitpunkts weiterhin kompliziert sei, könnten wir dennoch bis Ende 2023 einen Tiefpunkt der Märkte in Betracht ziehen. Es sei jedoch nicht auszuschliessen, dass das geringste Anzeichen einer Beruhigung bei der Inflation, der Politik der Zentralbanken und vor allem der Beschäftigung in den USA kurzfristig eine vorübergehende Erholung der Märkte auslösen könnte. "Diese potenzielle Erholung an der Börse dürfte jedoch als Chance für Gewinnmitnahmen dienen, anstatt als Signal für eine echte nachhaltige Konjunkturerholung interpretiert zu werden", meint Goenen abschliessend.

[1] Das Niveau des risikofreien Zinssatzes wird auf der Grundlage des Engagements in den Unternehmensgewinnen in Europa und den USA berechnet. Der europäische Zinssatz beträgt 2,25 % und der in den USA 3,25 %.
[2] Das durchschnittliche Aufwärtspotenzial aller Werte des Innovationsportfolios und unter Berücksichtigung der Schlusskurse zum 17. Juni 2022.
[3] {2∙Die Kerninflation oder die zugrundeliegende Inflation ist die Schwankung der Kosten für Waren und Dienstleistungen, umfasst jedoch nicht jene des Lebensmittel- und Energiesektors.
[4] {2⇢Die durchschnittliche jährliche Schätzung seit dem 31.12.2016 auf Basis des Innovation-Portfolios vom 17. Juni 2022.
* P/E: Börsenkennzahl, die dem Verhältnis zwischen dem Börsenwert eines Unternehmens und seinen Gewinnen entspricht.
[5] Nasdaq 100: 16 565 Punkte am 27.12.2021; 11 037 Punkte am 16.06.2022.

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