Die Erholung ist auf Kurs – Omikron zum Trotz

Der weltweite Warenfluss sollte laut Esty Dwek von FlowBank in der ersten Hälfte von 2022 wieder in die Gänge kommen. (Bild: Shutterstock.com/SasinTipchai)
Der weltweite Warenfluss sollte laut Esty Dwek von FlowBank in der ersten Hälfte von 2022 wieder in die Gänge kommen. (Bild: Shutterstock.com/SasinTipchai)

Der Wirtschaftsaufschwung dürfte 2022 etwas verlangsamt weitergehen, ausserdem sollte die Inflation allmählich zurückgehen. Die grössten Chancen macht Esty Dwek von FlowBank in diesem Kontext bei zyklischen Werten und Tech-Aktien aus.

10.12.2021, 06:02 Uhr

Redaktion: alm

Es sei noch zu früh, um abzuschätzen, inwiefern die neue Virusvariante die Marktperformance in 2022 verändern wird, gibt Esty Dwek, CIO von FlowBank, zu bedenken. Dennoch erwartet sie, dass Omikron die monatelange Konjunkturerholung nicht rückgängig machen wird, aber verzögern könnte. Denn sowohl die Beta- als auch die Delta-Varianten haben weniger Schaden angerichtet als ursprünglich erwartet, zudem können mRNA-Impfstoffe innert wenigen Monaten modifiziert werden.

Die Lieferkettenengpässe werden laut Dwek allerdings noch für einige Zeit bestehen bleiben, da China weiterhin eine Null-Covid-Strategie verfolgt. Das dürfte das lokale Wachstum bremsen. "Da jedoch die meisten asiatischen Länder allmählich lernen, mit dem Virus zu leben, und weltweit immer mehr Menschen geimpft sind, gehen wir davon aus, dass diese Störungen im Laufe des ersten Halbjahres 2022 abklingen werden", so Dwek. Bereits jetzt gebe es Verbesserungen in einer Reihe von Sektoren. "Die Engpässe verkomplizieren die aktuelle Situation zwar, den Wirtschaftsaufschwung werden sie aber wahrscheinlich nicht zum Erliegen bringen", ergänzt sie.

Inflation sollte 2022 zurückgehen

Bis zu den Nachrichten über die Omikron-Variante war die Inflation die grosse Sorge an den Finanzmärkten. Diese werde so schnell zwar nicht verschwinden, dennoch erwarten laut Dwek wegen der neuen Situation weniger Marktteilnehmende eine galoppierende Inflation und als Folge eine aggressive Straffung der Geldpolitik der Federal Reserve.

Schliesslich hänge die weitere Entwicklung der Inflation von der Fed ab. Deren Chef Jerome Powell dürfte eher handeln als seine Vorgängerin, sollte sich die Inflation als hartnäckiger erweisen als bisher angenommen. "Wir glauben jedoch nicht daran, dass bereits im nächsten Frühsommer die Zinsen erhöht werden – auch nicht, wenn Omikron nicht aufgetaucht wäre. Die fiskalische Unterstützung wird trotz Bidens Ausgabenprogramms zurückgehen und der Wirtschaftsaufschwung dürfte nächsten Sommer enden, weshalb sich das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte abschwächen sollte. Das dürfte für die Fed kein Grund für eine Zinserhöhung sein", erklärt die Expertin. Ausserdem erwarte sie, dass die Inflation 2022 zurückgeht, da Lieferkettenunterbrechungen langsam abklingen, die Lagerbestände wieder aufgebaut werden und die aufgestaute Nachfrage nachlässt.

Dazu komme, dass Zinserhöhungen wahrscheinlich nicht die Lösung für die aktuellen Herausforderungen seien. "Der derzeitige Inflationsdruck ist angebotsgetrieben und kann damit nicht über die Zinsen gesteuert werden. Zudem verfügen die Verbraucherinnen und Verbraucher über Billionen von zusätzlich Erspartem – höhere Kreditkosten hätten in diesem Umfeld kaum eine Wirkung", so Dwek. Höhere Preisniveaus dürften die Nachfrage viel eher beeinflussen. Und nicht zuletzt mache die Fed normalerweise keine Politik. Daher werde sie so kurz vor den Zwischenwahlen im November kaum die Zinsen aggressiv erhöhen.

Abhängigkeit von China belastet europäische Aktien

Die Aktienrenditen könnten in den kommenden Jahren tiefer ausfallen als in den vergangenen Jahren. Dennoch gebe es dank guten Fundamentaldaten und anpassungsfähigen Unternehmen weiteres Aufwärtspotenzial. Zudem sei noch nicht der gesamte Aufschwung eingepreist. Das sollte zyklische Werte unterstützen. Vor allem Energie, Rohstoffe und Finanzwerte könnten vor dem Hintergrund eines kalten Winters und einer sich erholenden Industrieproduktion profitieren.

"Dieser Umstand dürfte auch den europäischen Vermögenswerten zugutekommen, die strukturell einen Value-Bias haben", sagt Dwek. Wegen der stärkeren Wachstums- und Ertragsaussichten in den USA könnten sie allerdings hinter den US-Pendants zurückliegen. Dazu komme, dass die europäischen Märkte ein starkes chinesisches Wachstum brauchen, das aber in den kommenden Quartalen ausbleiben könnte.

Dasselbe gelte für Schwellenländeraktien. Mit ihnen könne zwar vom globalen Aufschwung profitiert werden, sie seien aber weiterhin von China abhängig. Darüber hinaus dürfte die Nachfrage nach Schwellenländeraktien aufgrund der Entwicklungen in der Türkei, Russland und Brasilien begrenzt sein.

Auf zyklische Werte und Tech-Aktien setzen

Aus diesen Gründen mache eine Barbell-Strategie mit zyklischen Werten auf der einen und Tech-Aktien auf der anderen Seite Sinn. Zur Abrundung des Portfolios empfiehlt Dwek Investments in Rohstoffe. Besonders bei Rohöl erhole sich die Nachfrage, zudem bleibe das Angebot begrenzt. Und auch Basismetalle dürften von einer Normalisierung der Produktionsketten profitieren.

Weiter sollte der US-Dollar unter anderem dank eines stärkeren Wachstums in den USA als anderswo profitieren. Die Performance eines Portfolios könne zudem auch mit Kryptowährungen gesteigert werden. Denn immer mehr institutionelle Investoren steigen in die Anlageklasse ein, die auch für Private immer einfacher zugänglich wird. "Es sind aber grosse Schwankungen und starke Korrekturen von einzelnen Kryptowährungen zu erwarten", warnt Dwek.

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