Was tun gegen die Inflation?

Die Notenbanken sind gefordert, doch langfristig hilft nur eine Ausweitung des Angebots. (Bild: Shutterstock.com/Andrii Yalanskyi)
Die Notenbanken sind gefordert, doch langfristig hilft nur eine Ausweitung des Angebots. (Bild: Shutterstock.com/Andrii Yalanskyi)

Die Inflation ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wie kann die Wirtschaftspolitik darauf reagieren? Mit einer Angebotspolitik zur Ausweitung des Produktionspotenzials, sagt Prof. Jens Südekum vom Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE). Der beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien sollte eine der obersten Prioritäten sein, für den Klimaschutz und aus geopolitischem Interesse.

05.07.2022, 16:53 Uhr

Redaktion: hf

Die Welt ist mit einer Reihe von Angebotsschocks konfrontiert. Ausser dem Ukrainekrieg sind das besonders die gewaltigen Disruptionen im globalen Güterverkehr infolge der strikten Null-Covid-Politik in China. Und das Ende der Fahnenstange könnte noch nicht erreicht sein. "Es drohen weitere heftige Preissprünge in den kommenden Monaten – etwa im Fall eines russischen Lieferstopps beim Gas oder bei den Lebensmitteln durch kriegsbedingte Ernteausfälle und gezielte Angebotsverknappungen von Russland."

Die Worte stammen von Jens Südekum, Professor am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE). Seine Analyse "Was tun gegen die Inflation?" ist in der Zeitschrift "Wirtschaftsdienst" erschienen und neu auf der Plattform "Ökonomenstimme" aufgeschaltet.

Ungleiche Verhältnisse in den USA und in Europa

Für die Antwort zieht Südekum zunächst einen Vergleich mit den USA herbei, wo die globale Teuerung ihren Ausgang nahm. Auch die USA sind mit Angebotsschocks konfrontiert, aber dort findet zusätzlich eine stark von der Nachfrageseite getriebene Entwicklung statt. Angefacht wurde das durch die expansive Coronapolitik der Präsidenten Trump und Biden, die extrem voluminöse Hilfs- und Konjunkturprogramme von mehr als 5 Bio. US-Dollar auf den Weg gebracht haben. "Dieser überdimensionierte Stimulus, der weit oberhalb der geschätzten Output-Lücke lag, führte zu einer konjunkturellen Überhitzung, einem leer gefegten Arbeitsmarkt und einer veritablen Lohn-Preis-Spirale."

Die europäische Inflation ist dagegen anders gelagert, so der Wirtschaftsfachmann. Auf der Nachfrageseite erlebten wir zwar auch eine Normalisierung nach der Pandemie und spürten die Auswirkungen des US-Konsumbooms. Aber eine vergleichbare Überhitzung der inländischen privaten Nachfrage finde hier nicht statt. Verfügbare Haushaltseinkommen wurden im Pandemieverlauf zwar durch die europäischen Staaten abgesichert, aber nicht wie in den USA überkompensiert.

Keine Lohn-Preis-Spirale auf dem alten Kontinent

Die Summe aller (nationalen und europäischen) fiskalischen Stimuli war weniger als halb so gross wie in den USA und entsprach annäherungsweise der Output-Lücke. "Für eine Lohn-Preis-Spirale fehlt in Europa deshalb weiterhin die Evidenz", erklärt Südekum.

Aktuell drohe eher das Gegenteil: massive Reallohnverluste, weil die realisierten Nominallohnsteigerungen (die 2022 im Durchschnitt der Eurozone bei ca. 3% liegen dürften) weit hinter der Inflationsrate zurückbleiben. Kurzum: "Europa hat, aufgrund der höheren Abhängigkeit von russischer Energie, vor allem mit einer viel unmittelbareren Angebotsinflation zu tun, die in viele Wirtschaftsbereiche ausstrahlt."

Diese Diagnose hat zuallererst Konsequenzen für die Geldpolitik. Doch was soll die Europäische Zentralbank gegen die aktuelle Teuerung ausrichten? Sie kann weder chinesische Lieferketten reparieren noch für sinkende Energiepreise sorgen, gibt Südekum zu bedenken.

EZB muss wachsam sein

Natürlich müsse die EZB achtsam sein, damit es nicht zu einer "Entankerung der Inflationserwartungen kommt." Eine geldpolitische Normalisierung sei deshalb angezeigt. Aber keine Vollbremsung, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf das gesunkene Niveau des Angebots zurechtzustutzen.

Auch in der Fiskalpolitik wäre ein solcher Kurs fatal. An den aktuell hohen Preisen würde sich kurzfristig kaum etwas ändern, aber zur Inflation würde sich eine hausgemachte Rezession gesellen. Die zielführende Antwort in der gegenwärtigen Situation besteht für den Ökonomen darin, die Folgen der Inflation sozial abzufedern und durch geeignete Angebotspolitik sukzessive abzubauen.

Entlastungspakete helfen kurzfristig

Für das erste Element – die Abfederung – hat die deutsche Regierung bereits Entlastungspakete im Umfang von über 30 Mrd. Euro auf den Weg gebracht.

Im Idealfall sollten diese Pakete so konstruiert sein, dass Preissignale ungestört zur Wirkung kommen, um entsprechende Sparanreize nicht zu verwässern. Dafür sollten Menschen mit geringen Einkommen gezielte Transfers erhalten, da sie am stärksten unter den gestiegenen Preisen leiden.

Langfristig muss das Angebot steigen

Zum langfristigen Abbau der Inflation tragen die Entlastungspakete aber nichts bei. "Hier ist die zweite Säule wichtig – eine Angebotspolitik zur Ausweitung des Produktionspotenzials", fordert Südekum. Der beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien sollte eine der obersten Prioritäten sein, nicht nur für den Klimaschutz, sondern auch aus geopolitischem Interesse.

Die Investitionsagenda der Ampelkoalition in Deutschland sieht diese Projekte unverändert vor, gerät aber in Gefahr, wenn die Fiskalpolitik jetzt wegen falsch interpretierter Inflationsursachen auf einen restriktiven Kurs umschwenkt. Sie war keine Inflationstreiberin und wird es auch zukünftig nicht werden. Denn die Investitionen wirken sich schon mittelfristig auf der Angebotsseite aus und führen zu einer Entspannung der Angebotsengpässe und damit der Inflation, hält der Wirtschaftswissenschafter – auf mittlere Sicht einigermassen beruhigend – fest.

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