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«Aktives Management ist am relevantesten in Phasen des Wandels»

Arne Tölsner, seit 2023 Head of Client Group für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Capital Group (Bild: Capital Group / AMAS)
Arne Tölsner, seit 2023 Head of Client Group für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei Capital Group (Bild: Capital Group / AMAS)

Trotz Strukturwandel im Asset Management hält die Capital Group kompromisslos am aktiven Investieren fest – und baut ihre Präsenz in der Schweiz aus. Arne Tölsner, Head Client Group DACH, spricht über das «Capital System», den Vorstoss in aktive ETFs und die neue Private-Credit-Lösung mit KKR, die nun auch qualifizierten Schweizer Anlegern offensteht.

05.06.2026, 08:11 Uhr

Herr Tölsner, erst vor kurzem hat Ihr CEO Mike Gitlin für Europa und Asien eine Wachstumsstrategie ausgerufen: Wie setzen Sie diese in der Schweiz um?

Die Schweiz ist ein Kernmarkt innerhalb unserer Europa-und-Asien-Strategie, und unser Ansatz ist klar auf Partnerschaft ausgerichtet. Kunden suchen heute zunehmend weniger dafür, tiefere Beziehungen mit Managern, die sie nicht nur durch Anlageergebnisse unterstützen, sondern auch bei den weitergehenden Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind. Unser Fokus in der Schweiz liegt daher darauf, diese Partnerschaften langfristig zu vertiefen: durch intensiveres Engagement, Investitionen in unsere lokale Präsenz und die Sicherstellung, dass Kunden auf unsere Strategien in für sie relevanter Form zugreifen können.

Ein Beispiel dafür, wie wir solche partnerschaftlichen Beziehungen aufbauen, ist Capital Learning - ein von Capital Group geführtes Weiterbildungsinstitut, das wir unseren Partnern anbieten, um deren Berater produktunabhängig zu schulen. Dabei unterstützen wir unseren Kunden dabei, ihr Geschäft aktiv weiterzuentwickeln. Auch in der Schweiz haben wir gerade einen erfahrenen Trainer gewonnen, der am 1. Juli in unserem Büro in Zürich starten wird. Als privater, langfristig orientierter Investor verfolgen wir kein Wachstum um des Wachstums willen. Wir bauen unser Geschäft gemeinsam mit unseren Kunden auf – wir unterstützen ihre langfristigen Ziele mit beständigen, forschungsbasierten Anlagelösungen und schaffen darüber hinaus Mehrwert durch Analysen, Weiterbildung und kontinuierlichen Dialog. In der Praxis bedeutet das: präsent, beständig und interessengleich zu sein – nicht nur in der Art, wie wir investieren, sondern auch darin, wie wir Kunden durch unterschiedliche Marktphasen begleiten.

Capital Group gilt als «old school active Investmentmanager», während das aktive Asset Management unter Druck steht. Wie reagiert Capital Group auf die strukturellen Veränderungen in der Branche?

Das hängt davon ab, was mit «old school» gemeint ist. Wenn damit gemeint ist, dass wir uns an langfristigem, forschungsgetriebenem Investieren orientieren – dann ja, das ist ganz bewusst unsere Identität. Aber das bedeutet nicht, dass wir rückwärtsgewandt sind. Im Gegenteil: Genau diese Langfristorientierung erlaubt es uns, weiter vorauszublicken als die meisten. Seit einiger Zeit beschäftigen wir uns intensiv mit dem, was wir als eine tiefgreifende Neuausrichtung der Weltwirtschaft betrachten – über Geopolitik, Lieferketten, Technologie und Kapitalmärkte hinweg – und was dies für Investoren in den nächsten 10 bis 15 Jahren bedeutet. Diese Perspektive prägt unsere Anlageentscheidungen ebenso wie unser Verständnis der sich wandelnden Kundenbedürfnisse.

Unsere Aufgabe ist es, Kunden mit Klarheit und Disziplin durch diesen Wandel zu führen – nicht durch Reaktionen auf kurzfristige Entwicklungen, sondern durch den Aufbau von Portfolios, die aufkommende Chancen nutzen und in unterschiedlichen Marktphasen Bestand haben können. Aktives Management war schon immer am relevantesten in Phasen des Wandels und der Streuung. Und je komplexer das Anlageumfeld wird, desto überzeugender wird unserer Ansicht nach der Fall für durchdachtes, forschungsgeleitetes aktives Investieren – im langfristigen Schulterschluss mit den Kunden.

Ein Markenzeichen und Alleinstellungsmerkmal ist das sogenannte Capital System: Ist das Multi-Portfoliomanagersystem noch zeitgemäss?

Absolut – tatsächlich würden wir argumentieren, dass es heute relevanter ist als je zuvor. Das Capital System ist die Grundlage unserer täglichen Investmentarbeit. Es bündelt die überzeugendsten Ideen mehrerer erfahrener Portfoliomanager in einem einzigen Portfolio. Jeder Manager investiert langfristig, gestützt auf tiefgehende globale Recherche, und wir kombinieren diese unterschiedlichen Perspektiven zu Portfolios, die zugleich hochüberzeugt und gut diversifiziert sind.bDas ergibt ein grundlegend anderes Modell. Es gibt keine Starmanager oder Schlüsselpersonenabhängigkeit – stattdessen bietet das System Kontinuität des Ansatzes, Vielfalt des Denkens und einen widerstandsfähigeren Entscheidungsprozess, der im Portfolio selbst verankert ist. Das fördert auch Beständigkeit: geringere Umschlagshäufigkeit, lange Erfolgsausweise und die Fähigkeit, Kapital im Laufe der Zeit und in grossem Massstab zu verwalten. In einem Umfeld, das durch zunehmende Komplexität und Streuung geprägt ist, ist diese Kombination besonders wertvoll. Man verlässt sich nicht auf eine einzige Sichtweise, sondern schöpft aus mehreren unabhängigen Perspektiven mit gemeinsamer Verantwortung – was hilft, Verzerrungen zu reduzieren und Risiken wirkungsvoller zu steuern. Das Ziel ist letztlich einfach: dauerhaft starke, langfristige Ergebnisse für Kunden zu erzielen. Das Capital System ist der Rahmen, der uns erlaubt, dies konsistent über verschiedene Marktphasen hinweg zu tun.

Welche Rolle spielen ETFs heute in der Capital-Group-Strategie?

Grundsätzlich beobachten wir eine Verschiebung darin, wie Kunden aktive Überzeugungen ausdrücken – über eine wachsende Bandbreite an Vehikeln hinweg. Unsere Aufgabe ist es, dieser Nachfrage zu begegnen, ohne die zugrunde liegende Anlagephilosophie zu verändern. ETFs sind Teil dieser Entwicklung. Sie sind schlicht ein Vehikel – keine Änderung unserer Investmentweise. In den USA und Kanada beobachten wir, dass aktive ETFs zunehmend zum bevorzugten Anlagevehikel für Investoren werden. Unsere ersten aktiven ETFs haben wir 2022 in den USA lanciert. Unser Portfolio von 25 aktiven ETFs in den USA verzeichnet das stärkste organische Wachstum im Markt – in knapp über drei Jahren haben wir ein Volumen von annähernd 140 Milliarden Dollar erreicht. Für uns hat die Zugänglichkeit unserer zentralen, forschungsgestützten Fähigkeiten Priorität – in einer Form, die unseren Kunden am besten entspricht. Wir prüfen laufend, wie wir das in verschiedenen Märkten am besten umsetzen können, geleitet von den Kundenbedürfnissen und unserem langfristigen Ansatz.

Wo wird aktives Management in zehn Jahren den grössten Mehrwert liefern – und wo wird es strukturell an Bedeutung verlieren?

Die Rolle des aktiven Managements in der nächsten Dekade wird davon geprägt sein, wie sich die Märkte weiterentwickeln. Mit dem Wachstum passiver Eigentümerschaft sind die Märkte konzentrierter geworden und kurzfristig bisweilen weniger an Fundamentaldaten ausgerichtet. Das schränkt in Teilen des Marktes die Preisfindung ein – eröffnet aber auch mehr Chancen für Investoren mit langfristiger fundamentaler Sichtweise. Aktives Management entfaltet unserer Ansicht nach den grössten Mehrwert in Phasen der Verwerfung – wenn Märkte eng, teuer oder von kurzfristigem Lärm getrieben sind. In diesen Umfeldern wird die Fähigkeit entscheidend, einen Schritt zurückzutreten, Bewertungen zu beurteilen und eine mehrjährige Perspektive einzunehmen. Gleichzeitig wird es immer Bereiche geben, in denen Investoren schlicht eine breite, kostengünstige Marktexposition anstreben – dort hat das passive Investieren seinen Platz. Am Ende geht es nicht darum, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, sondern darum, wie beides sinnvoll kombiniert wird. Wir sind überzeugt, dass Fundamentaldaten die Ergebnisse langfristig treiben – und genau dort liegt der Vorteil eines disziplinierten, forschungsgetriebenen aktiven Ansatzes.

Capital Group ist für den Bereich Private Markets in einer strategischen Kooperation mit KKR: Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Unsere Partnerschaft mit KKR ist auf einem klaren Kundenbedürfnis aufgebaut – nicht auf einem Wandel unserer Philosophie. Wir sind nach wie vor überzeugt, dass öffentliche Märkte den Kern langfristiger Portfolios bilden, dank ihrer Transparenz, Flexibilität und ihrer bewährten Erfolgshistorie. Private Markets können eine wertvolle Ergänzungsrolle spielen, indem sie das Anlageuniversum erweitern und die Diversifikation stärken. Gemeinsam mit KKR verbinden wir unsere jeweiligen Stärken, um ganzheitliche Lösungen zu entwickeln, die öffentliche und private Anlagen auf durchdachte Weise vereinen – und Kunden dabei helfen, langfristig widerstandsfähigere und ausgewogenere Portfolios aufzubauen. Entscheidend ist dabei, dass wir diesen Ansatz nun auch professionellen und qualifizierten Investoren in der Schweiz zugänglich machen – und ihn so erstmals in der gesamten Region anbieten können. Vor diesem Hintergrund haben wir den Capital Group KKR Global Multi-Sector+ (GMS+) aufgelegt, eine Kreditstrategie, die öffentliche und private Märkte miteinander verbindet: Sie bündelt unsere Expertise in börsennotierten Märkten mit den Private-Credit-Fähigkeiten von KKR in einer einheitlichen Lösung – und erschliesst damit Zugang zu vielfältigen Ertragsquellen bei gleichzeitig höherer Liquidität, als sie im Bereich der privaten Märkte üblicherweise gegeben ist.

Die Schweiz ist ein globaler Asset-Management-Hub. Was muss sich aus Ihrer Sicht verbessern, damit internationale Häuser wie Capital Group hier stärker investieren?

Die Schweiz bleibt eines der führenden globalen Zentren für Vermögensverwaltung, mit einer starken Basis aus Talenten, Stabilität und internationaler Vernetzung. Entscheidend ist letztlich die Schaffung eines Umfelds, das es Unternehmen ermöglicht, langfristig zu investieren – in Menschen, in Fähigkeiten und vor allem in Kundenbeziehungen. Wir sind in die Schweiz gekommen, um zu bleiben. Genf war vor über 60 Jahren unser erstes Büro ausserhalb der USA. Hier haben wir damals auch die Vorläufer der heutigen MSCI-Indizes entwickelt. Diese lange Verwurzelung spiegelt sich auch in unserem Geschäft wider: Wir wachsen seit Jahren stark, sowohl bei Finanzintermediären als auch bei institutionellen Kunden. Wir fühlen uns hier sehr wohl und sehen die Schweiz als Kernmarkt, in den wir weiter investieren wollen.

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