US-Staatsverschuldung im Fokus der Anleger

Was heisst die hohe US-Verschuldung für Anleger aus der Schweiz? (Bild: Shutterstock)
Was heisst die hohe US-Verschuldung für Anleger aus der Schweiz? (Bild: Shutterstock)

Während Ökonomen darüber streiten, ob sich Washington aus dem Schuldenberg herauswachsen kann, rücken für Schweizer Anlegerinnen und Anleger vor allem drei Fragen in den Vordergrund: Frankenstärke, Goldnachfrage und die Absicherung von Dollar-Engagements.

28.08.2026, 09:29 Uhr
Finanzplätze | Konjunktur

Redaktion: asc

Der Gesamtbestand der öffentlichen US-Verschuldung («Public Debt Outstanding») lag gemäss Angaben des US-Finanzministeriums am 18. August bei 40,047 Billionen US-Dollar. Fast täglich werden neue Rekordstände erreicht – dass ausgerechnet die runde Marke von 40 Billionen Dollar für Schlagzeilen sorgte, sagt laut Brian Horrigan, Chief Economist bei Loomis Sayles, mehr über die Symbolkraft runder Zahlen aus als über die eigentliche fiskalische Realität.

Zwei Kennzahlen, zwei Botschaften

Horrigan warnt in seiner Analyse davor, den Gesamtbestand unreflektiert zu verwenden. Dieser setzt sich aus der von der Öffentlichkeit gehaltenen Verschuldung und sogenannten «intragovernmental holdings» zusammen – Schuldtiteln, die der Bund bei sich selbst hält, etwa im Social Security Trust Fund. Die tatsächlich marktrelevante Grösse, die von der Öffentlichkeit gehaltene Verschuldung, lag am 18. August bei 32,266 Billionen US-Dollar und wuchs binnen Jahresfrist um mehr als 8 Prozent.

Entscheidend sei nicht die Schwelle selbst, sondern die Richtung: Da die Bundeshaushaltsdefizite strukturell hoch blieben, dürfte die öffentlich gehaltene Verschuldung im Verhältnis zu Bruttoinlandprodukt und Bundeseinnahmen weiter steigen. Mit steigenden Anleiherenditen verschärft sich das Problem zusätzlich, da neu emittierte Schuldtitel höher verzinst werden müssen – eine Dynamik, die Horrigan zufolge auch den neutralen realen Zinssatz («r-star») strukturell anheben dürfte.

«Kein Herauswachsen aus dem Schuldenproblem»

Deutlich pointierter äussert sich Alicia Garcia-Herrero, Chief Economist für die Region Asien-Pazifik bei der französischen Investmentbank Natixis. Sie widerspricht der von US-Finanzminister Scott Bessent vertretenen These, wonach sich die USA durch Investitionen und Wirtschaftswachstum aus der Schuldenlast befreien könnten: Die USA hätten keine Chance, ihr Schuldenproblem allein durch Wachstum zu lösen.

Ihre Begründung ist strukturell: Sozialversicherungsleistungen sind so konstruiert, dass sie automatisch mit dem Produktivitätswachstum steigen – selbst eine Verdopplung KI-getriebener Produktivitätsgewinne würde die Haushaltsbilanz kaum entlasten, weil die Ausgabenverpflichtungen im gleichen Mass mitwachsen. Zudem gilt der aktuell wachstumstreibende Investitionsboom in Rechenzentren und künstliche Intelligenz als vorübergehend und nicht ausreichend, um das strukturelle Ungleichgewicht zu beheben. Ein Grossteil des zuletzt hohen nominalen US-Wachstums sei zudem inflationsgetrieben gewesen – ein Effekt, der die reale Verbesserung der Haushaltsposition überzeichnet.

Auch die Ratingagentur Fitch bestätigte am 13. August zwar das AA+-Rating der USA, wies aber ausdrücklich darauf hin, dass keine substanziellen Massnahmen gegen die Defizite ergriffen würden und die Ausgabenlast durch die alternde Bevölkerung weiter zunehmen dürfte. Die Zinskosten haben sich laut Bloomberg bereits zum drittgrössten Budgetposten nach Gesundheitswesen und Sozialversicherung entwickelt – für das laufende Fiskaljahr belaufen sie sich auf 1,17 Billionen US-Dollar, ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wer kauft die Schulden noch?

Die Sorge, wichtige ausländische Käufer könnten sich zurückziehen, wird von Natixis-Research relativiert. Zwar zeigten offizielle Daten einen Rückgang der japanischen Treasury-Bestände um 5,5 Prozent im Monatsvergleich auf 1'143 Milliarden US-Dollar. Die Flussdaten des japanischen Finanzministeriums zeichnen jedoch ein anderes Bild: Private japanische Investoren blieben im Mai Nettokäufer US-amerikanischer Staatsanleihen, und der gleitende Zwölf-Monats-Durchschnitt bestätigt eine fortgesetzte, wenn auch verlangsamte Akkumulation. Die vielzitierte Erzählung eines «Käuferstreiks» greift demnach zu kurz.

Die Franken-Perspektive: drei Übertragungskanäle

Für Schweizer Anlegerinnen und Anleger mit Referenzwährung Franken ergeben sich aus der US-Schuldendynamik drei konkrete Anknüpfungspunkte.

  • Erstens: der starke Franken als Nebenwirkung der US-Fiskalpolitik. Zweifel an der US-Fiskaldisziplin und wiederholte Angriffe von Präsident Trump auf die Unabhängigkeit der Federal Reserve nähren die Nachfrage nach «harten» Alternativwährungen. Der Franken wertete gemäss einem aktuellen Anlegerbrief von v.Fischer Investas gegenüber dem Dollar um fast 15 Prozent auf. Für die Schweizerische Nationalbank ist das ein Dilemma: Ein starker Franken senkt die Importpreise, verfestigt das ohnehin tiefe Inflationsniveau und erhöht sogar das Risiko deflationärer Tendenzen – weshalb die SNB den Leitzins im Jahresverlauf auf 0 Prozent senkte.
  • Zweitens: Die Währungsfrage wird zur zentralen Stellschraube bei US-Engagements. Die Zürcher Kantonalbank empfiehlt in ihrem Jahresausblick währungsgesicherte Investitionen in globale Anleihen, um Portfoliorisiken zu reduzieren – gerade angesichts der Unsicherheit über die künftige Rolle des Dollars als Reservewährung. Dem steht die Gegenposition entgegen, wonach eine breite Diversifikation über ungehedgte Welt-ETFs jährlich 0,3 bis 0,6 Prozent an Gebühren spart und die Renditechancen bei einer möglichen Dollar-Erholung bewahrt – während erfolgreiches Hedging ein Market-Timing voraussetzt, das in der Praxis kaum dauerhaft gelingt. Für die eigene Portfoliostrategie lohnt sich hier eine differenzierte Abwägung statt einer pauschalen Antwort.
  • Drittens: Gold und Diversifikation als strukturelle Antwort. Sowohl Raiffeisen als auch die Zürcher Kantonalbank und die VZ VermögensZentrum kommen in ihren Ausblicken für 2026 unabhängig voneinander zum gleichen Schluss: Geopolitische Unsicherheiten, hohe Staatsverschuldung und die anhaltende Nachfrage der Notenbanken sprechen weiterhin für Gold als Bestandteil der strategischen Allokation, während Anlagen in Franken aufgrund seiner erwarteten Stärke ebenfalls attraktiv bleiben.

Ansteckungsgefahr für Europa

Die von Bloomberg beschriebene «Doom-Loop»-Dynamik – wachsende Zinskosten treiben weitere Kreditaufnahme an, was wiederum höhere Renditeforderungen der Investoren nach sich zieht – wird von Marktbeobachtern zunehmend auch auf Europa übertragen. Ein Marktkommentar von Aequifin warnt, dass die USA ab 2026 auf jährliche Zinskosten von über einer Billion US-Dollar zusteuern und dass auch Frankreich und Italien für vergleichbare Schuldenstände deutlich höhere Risikoprämien zahlen müssten. Eine Schuldenkrise entstehe dabei nicht durch Zahlen allein, sondern durch verlorenes Vertrauen der Investoren – ein Mechanismus, der sich rasch verselbstständigen kann.

Zwischen der technischen Präzisierung von Loomis Sayles' Brian Horrigan und der zugespitzten strukturellen Kritik von Natixis' Alicia Garcia-Herrero zeigt sich ein Konsens: Ein «Herauswachsen» aus der US-Schuldenlast allein über Wirtschaftswachstum gilt als unrealistisch. Für Schweizer Anlegerinnen und Anleger übersetzt sich diese Erkenntnis unmittelbar in drei Portfoliofragen: Wie stark soll der Dollar-Anteil abgesichert werden, welche Rolle soll Gold in der strategischen Allokation spielen, und wie lässt sich die anhaltende Frankenstärke am besten in die Anlagestrategie integrieren.

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