UBS: Corona-Krise schürt Deflationsrisiken

Die Gastronomie und die Reisebranche leiden unter der Corona-Krise mit am meisten. (Bild: Shutterstock.com/Drazen Zigic)
Die Gastronomie und die Reisebranche leiden unter der Corona-Krise mit am meisten. (Bild: Shutterstock.com/Drazen Zigic)

Die neuen Corona-Massnahmen belasten das Wirtschaftswachstum in der Schweiz deutlich. Laut UBS dürfte die massive Unterauslastung der Wirtschaft das Lohnwachstum und die Teuerung in den nächsten Jahren weiter schwächen und als Folge davon Deflationsrisiken heraufbeschwören. Die Leitzinsen würden noch über Jahre hinweg negativ bleiben.

10.11.2020, 11:13 Uhr

Redaktion: hf

Die Schweizer Wirtschaft dürfte aufgrund der neuen Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus über die Jahreswende deutlich langsamer wachsen als erwartet. Im vierten Quartal sei ein Rückgang des Bruttoinlandprodukts wahrscheinlich. "Eine tiefe Rezession ist jedoch nicht zu erwarten", beurteilt Daniel Kalt, Chefökonom UBS Schweiz, im jüngsten Lagebericht der Bank zur Schweizer Konjunktur. "Ein neuer flächendeckender Lockdown dürfte vermieden werden, da die Behörden besser vorbereitet sind als im Frühjahr und auch bei der COVID-19-Behandlung Fortschritte erreicht wurden."

Falls gegen Mitte des nächsten Jahres ein Impfstoff für die breite Bevölkerung verfügbar wird, sei eine Wiederbelebung des Wachstums wahrscheinlich. Aufgrund des grossen Aufholpotenzials dürfte die Schweizer Wirtschaft auch 2022 robust wachsen. Die UBS-Ökonomen rechnen 2020 mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 4,5% sowie 2021 bis 2022 mit einem Wachstum von 3,2 bzw. 3,1%.

Ungleicher Schaden je nach Branche

Die konjunkturellen Risiken seien allerdings hoch, schränkt die UBS ein. Sollte die Pandemie einen erneuten flächendeckenden Lockdown in der Schweiz und in Europa erfordern, wäre eine zweite schwere Rezession programmiert.

Mit der Eintrübung der Stimmung verstärkt sich die Zweiteilung der wirtschaftlichen Genesung, was man auch als K-förmige Erholung bezeichnet. Gewisse Sektoren trifft die Krise wenig, zum Beispiel die Pharma- und Finanzbranche. Andere wie der Bau haben sich erholt und sind auch von den neuerlichen Massnahmen weniger betroffen. Demgegenüber stehen Branchen wie die Gastronomie und der Reisesektor, denen auch jetzt wieder die Pandemie stark zusetzt. Die UBS-Ökonomen gehen davon aus, dass insgesamt sowohl die Konkurse als auch die Arbeitslosigkeit in den kommenden Monaten deutlich steigen werden.

Negativzinsen bleiben noch lange

Auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) werde aufgrund der konjunkturellen Unsicherheiten im vierten Quartal wieder mehr gefordert sein. Solange der Aufschwung nicht ganz abbricht, dürfte der Franken allerdings nicht stark aufwerten und die SNB müsste nicht wieder regelmässig und mit hohen Volumen am Devisenmarkt intervenieren. Phasen mit Konjunkturängsten könnten die SNB jedoch zwingen, sporadisch in die Märkte einzugreifen. Die Leitzinsen würden noch über Jahre hinweg negativ bleiben, sodass auch die Zinsen von länger laufenden Anleihen selbst bei einer wirtschaftlichen Erholung kaum steigen dürften, sodass auch die Zinsen von länger laufenden Anleihen selbst bei einer wirtschaftlichen Erholung kaum steigen dürften, folgert die Bank.

Ein Grund für die lange Tiefzinsphase ist der Inflationsausblick. Dieser ist von der Covid-19-Krise geprägt, die zu einer massiven Unterauslastung der Wirtschaft geführt hat. Eine Normalisierung wird wohl erst 2024 oder 2025 erfolgen. "Die Unterauslastung dürfte das Lohnwachstum und die Teuerung mittelfristig weiter schwächen und weist auf deflationäre Risiken hin", erklärt Alessandro Bee, Ökonom bei UBS Chief Investment Office Wealth Management.

Inflation erst später ein Thema

Die Corona-Krise hat die Anfälligkeit von globalisierten Wertschöpfungsketten aufgezeigt. Diese zu entglobalisieren, mache die Wertschöpfung zwar stabiler, erhöht aber die Kosten und damit die Preise. Entglobalisierung und Rückzug der Baby-Boomer-Generation aus dem Arbeitsleben können langfristig wieder zu einer höheren Teuerung führen, führt Bee aus. "Die stärksten Inflationsängste sind heute aber mit der in den letzten Jahren geschaffenen Liquidität verbunden." Führte die heute extrem expansive Geldpolitik zu einem starken globalen Wachstum und zu einer Abwertung des "sicheren Hafens" Schweizer Franken, könnte das die Teuerung hierzulande beschleunigen.

Eine extrem expansive Geldpolitik kann allerdings auch das Vertrauen der Investoren in die Währung zerstören, eine Flucht in Realwerte auslösen und so eine Inflationsspirale in Gang setzen. "Solche Szenarien sind in der Schweiz unwahrscheinlich – wenn auch nicht ganz auszuschliessen", relativiert die UBS die Inflationsgefahr. Vorerst werde die Nationalbank ihr Augenmerk eher auf Deflationsrisiken richten.

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