Negativzinsen: Die SNB ist unter Druck

Senkt die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstag die Zinsen noch weiter? (Bild: Pixabay)
Senkt die Schweizerische Nationalbank (SNB) am Donnerstag die Zinsen noch weiter? (Bild: Pixabay)

Am Donnerstag verkündet die Schweizerische Nationalbank ihren Zinsentscheid. Der politische Druck gegen eine weitere Zinssenkung hat deutlich zugenommen. Wann ist der Schaden so gross, dass bei den Negativzinsen Gegensteuer gegeben werden muss, fragt die Bankiervereinigung.

18.09.2019, 13:35 Uhr

Autor: René Maier

Die Märkte erwarten, dass der geldpolitische Ausschuss des Federal Reserve (Fed) heute das Zielband für die Leitzinsen um 25 Basispunkte auf 1,75-2% senken wird. Es wird auch interessant sein zu sehen, inwiefern die Fed in ihrer Sitzung auf den Schockanstieg des Ölpreises infolge der Drohnenangriffe auf zwei grosse Ölproduktionsstätten in Saudi-Arabien sowie auf die explosive geopolitische Lage am Golf Bezug nehmen wird.

US-Präsident Donald Trump fordert unabhängig von den politischen Entwicklungen schon seit längerem von Fed-Chef Jerome Powell, die Leitzinsen stark zu senken und sogar in den negativen Bereich zu drücken, um gleichlange Spiesse mit dem Rest der Welt zu schaffen – insbesondere mit Europa und Japan.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bereits letzte Woche mit ihrer erneuten Lockerung der Geldpolitik vorgelegt. Sie hat die Strafzinsen (Negativzinsen) für Banken, die Gelder bei der EZB parkieren wollen, von -0,4% auf -0,5% verschärft und das Anleihekaufprogramm wieder aufgenommen, um Staaten zu günstigem Geld zu verhelfen und um die zu tiefe Teuerung anzuheizen. Ab dem 1. November wird die EZB monatlich Papiere für 20 Milliarden Euro erwerben - ein Ende der Käufe legte der EZB-Rat nicht fest. Die Leitzinsen bleiben in der EU bis auf weiteres bei 0%.

Was macht die SNB?

Morgen Donnerstag verkündet die SNB ihren vierteljährlichen Zinsentscheid. Wird sie den Leitzins, der derzeit bei -0,75% liegt, noch weiter ins Minus drücken? Der Aufwärtsdruck auf den Franken ist nach dem EZB-Entscheid jedenfalls ausgeblieben, im Gegenteil, der Franken ist gegenüber dem Euro sogar schwächer geworden.

Grundsätzlich arbeitet die SNB mit drei Massnahmen, um eine Aufwertung des Frankenkurses zu verhindern. Erstens setzt sie Negativzinsen ein. Diese sollen eine negative Zinsdifferenz zum Euroraum sicherstellen und den Franken für Anleger und vor allem ausländische Investoren unattraktiv machen. Die Negativzinsen beeinflussen aber auch die Binnenwirtschaft stark. Sie belasten einerseits die Vorsorgesysteme und die Sparer und belohnen auf der anderen Seite Kreditnehmer. So haben die tiefen Zinsen die Nachfrage nach Hypotheken beflügelt, weshalb die Verschuldung der privaten Haushalte und die Gefahr einer Überhitzung des Immobilienmarktes gestiegen sind.

Zweitens ist die SNB am Devisenmarkt aktiv. Wenn die Risikoaversion an den Finanzmärkten steigt und die Anleger Fluchtwährungen wie den Franken suchen, verkauft die SNB Franken und kauft Euro oder auch US-Dollar. "Diese Deviseninterventionen sind zielgerichtet und wirksam. Aber sie haben die Bilanzsumme der SNB in eine schwindelerregende Höhe steigen lassen, weshalb die Gewinnausweise der Nationalbank sehr volatil geworden sind", sagt Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse der St.Galler Kantonalbank (SGKB).

Drittens interveniert die SNB kommunikativ. Dies sei extrem wichtig, denn gute Geldpolitik sei zu 99% auch einfach gute Kommunikation, betont Hilb Paraskevopoulo. "Hier könnte die SNB etwas ‘näher an den Menschen’ argumentieren. Das könnte das Verständnis und mittelfristig das Vertrauen in die Geldpolitik stärken. Dies wäre wünschenswert, denn das Vertrauen der Wirtschaftsakteure in die SNB ist die Basis dafür, dass geldpolitische Massnahmen überhaupt wirken."

Kritik von der Bankiervereinigung

Und dieses Vertrauen in die SNB ist angekratzt. Herbert J. Scheidt, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg), hat sich am Bankiertag von letzter Woche ausführlich über die grosse Last geäussert, welche die Negativzinsen der Wirtschaft und der Schweizer Bevölkerung aufbürden. "Andauernde Negativzinsen bewirken massive strukturelle Schäden", sagte er. "Negative Zinsen treiben die Preise in nahezu allen Anlageklassen – zumindest nominal – und wir beobachten zahlreiche sogenannte Asset Bubbles." Zudem blieben in der Schweizer Wirtschaft die erhofften zinsinduzierten Wachstumsimpulse aus. Rentable Unternehmen investierten bei Negativzinsen nicht mehr als bei tiefen Zinsen. Hingegen würden künstlich am Leben gehaltene nicht rentable Unternehmen langfristige Schäden für die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Wirtschaft verursachen. Und schliesslich würde ein nochmaliges Herabsetzen der Zinsen die Problematik der Altersvorsorge in jedem Fall weiter verschärfen. "Wir bei der Bankiervereinigung stellen deshalb die Frage in den Raum, wann der Schaden so gross ist, dass bei den Negativzinsen Gegensteuer gegeben werden muss", sagte Scheidt.

Banken ächzen unter Negativzinsen

Die Summe aller Negativzinsen der Banken in der Schweiz bei der SNB beläuft sich laut SBVg pro Jahr auf ca. 2 Milliarden Franken. Dieser Betrag entspricht rund 5 Prozent der Bruttozinseinnahmen und sei damit ein massiver Eingriff in die Rentabilität der Banken. Scheidt rechnete weiter vor, dass dagegen US-amerikanische Banken allein in diesem Jahr schätzungsweise von rund 30 Milliarden US-Dollar risikofreiem Zinsertrag profitierten. Und auch in der Euro-Zone würden die Banken massive Subventionen erhalten. "Wie sollen die Schweizer Banken im internationalen Wettbewerb bestehen, wenn sie durch Negativzinsen und ungleich härtere Regulierungsvorschriften derart behindert werden", fragte Scheidt rhetorisch. Das würden die internationalen Kapitalmärkte leider auch so sehen und die Schweizer Banken abstrafen.

Wird die SNB den Zinssatz also weiter senken? Es wäre ein sehr starkes Signal und würde die Möglichkeiten der Nationalbank, zukünftig auf Krisen zu reagieren, zusätzlich einschränken, sagt Caroline Hilb Paraskevopoulos von der SGKB. Zudem wäre das Risiko gross, dass eine weitere Zinssenkung vor allem die Binnenwirtschaft und die Sparer belasten würde, während es für ausländische Investoren kaum noch eine zusätzliche abschreckende Wirkung hätte.

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