Die Finanzwirtschaft der nächsten Generation

Judith Vogt von Vogt Consult.
Judith Vogt von Vogt Consult.

Das Banking von morgen wird nicht mehr das Gleiche sein wie heute. An der Konferenz Finance 2.0 wurden die Spielzeuge der Generation X, der auf die Baby-Boomer folgende Generation, vorgestellt. Judith Vogt von Vogt Consult berichtet für Fondstrends vom Anlass.

15.10.2013, 11:27 Uhr

Redaktion: jv

Während noch Zwei Drittel der Baby-Boomer ihr Vermögen fremdmanagen lassen, managt die Hälfte der Generation X ihr Vermögen selbst. Sie wollen sich selbst engagieren und kontrollieren. Gute Anlagevorschläge sind heute im Netz oft einfacher und schneller zu finden als von der Bank. Internet, Twitter, Mobiltelefon und E-Mail werden wichtiger als der direkte Kontakt zum „Bankbeamten“. Die Beratung der Banken hat Platz, wenn sie massgeschneiderten Service bietet. Die Generation X ist an schnelle Informationsverarbeitung gewöhnt. Die Nachrichten des Private Bankers nach seiner Zeitungslektüre morgens um 10 Uhr sind kalter Kaffee für die neuen Kunden. Braucht die neue Generation überhaupt noch Banken? Eine Vielzahl neuer Spielzeuge und Plattformen, die im Folgenden kurz vorgestellt werden, drängt die Banken immer mehr ins Abseits.

Vom Service zum Self-Service

Wettbewerbsvorteile hat heute der, der sich von der Masse abheben kann. Der „Star-Ansatz“ ist wieder „in“. Lange genug haben wir uns mit der schlechten Performance der Banken abgefunden und dafür auch noch hohe Gebühren bezahlt. Wir brauchen keine Superdesign-Einladungen zum Hockeyspiel per Post – ein sms genügt. Der „Advisor“ vom Unternehmen „additiv“ ist so eine Applikation für das Mobiltelefon. Via Microsoft Outlook kann der Bankberater seinen Kunden individuelle Produktempfehlungen, Beratungsangebote oder Einladungen zu Events direkt auf das Smartphone oder Tablet senden. Hat der Kunde Interesse an einer Kaufempfehlung, kann er mit einem Click Kaufen oder Verkaufen. Womit wir beim Thema Trading wären. Brauchen wir zum Kaufen und Verkaufen von unseren Lieblingsaktien überhaupt noch eine Bank? Eine der sogenannten “Social Trading” Plattformen ist wikifolio. Auf Wikifolio.com können Profi- und Laienhändler ihre Handelsideen mit anderen Nutzern teilen und daraus ein eigenes Finanzprodukt erstellen. Die Anzahl der Nutzer von Social Trading Plattformen hat heute bereits die Vier-Millionengrenze überschritten.

Die Dienstleistung „MyDepotCheck“ bietet ihren Nutzern die Erstellung ihres persönlichen Anlegerprofils in fünf Minuten. Das persönliche Anlegerprofil kann dann mit dem aktuellen Depot verglichen werden. Im Anbietervergleich erhalten die Nutzer Anlagevorschläge geeigneter Finanzdienstleister. Der Vergleich richtet sich an Anleger, die bereits investiert sind und eine objektive Vergleichsmöglichkeit zu anderen Anbietern suchen oder an Anleger, die sich rasch und unkompliziert einen Überblick über die verfügbaren Angebote verschaffen wollen. Die Dienstleistung ist für Nutzer kostenlos, Anbieter bezahlen eine jährliche Listing-Gebühr und MyDepotCheck erhält von Anbietern eine Leadgebühr, wenn die Nutzer Informationsunterlagen anfordern. MyDepotCheck ist unabhängig von Werbung oder Investoren und berücksichtigt alle relevanten Anbieter gleichermassen.

Nicht nur Investieren, sondern auch Finanzieren kann über die Community im Internet schnell und unkompliziert erledigt werden. „Crowdfunding“ ist das Stichwort. Es setzt sich aus den englischen Wörtern „crowd“ für Masse und „funding“ für Finanzierung zusammen. Die Kommunikation zwischen Geldgeber und -nehmer wird über eine Plattform im Internet realisiert. In der Regel veröffentlicht der Geldnehmer über diese Plattform eine Ausschreibung zu seiner Idee, die er nicht selbst finanzieren kann. Kapitalgeber sind eine Vielzahl von Personen, die sich auf entsprechenden Plattformen im Internet finden, um verschiedene Projekte zu unterstützen. Häufig vertretene Kategorien sind: Design, Kunst, Mode, Musik, Film, Foto, Ausstellungen, Theater, Essen & Trinken, Journalismus sowie Sport.

Risiken und Nebenwirkungen

In der Kategorie Musik warb Rapper „50 Cent“ kürzlich mit einer Empfehlung für eine bestimmte börsenkotierte Firma. Einige seiner Anhänger, auch „Followers“ auf Twitter genannt, folgten seiner Empfehlung und profitierten vom 70%-Gewinn an einem Tag. Es ist nicht sicher, ob auch der letzte Anhänger, der kaufte, profitierte. Mit der Meinungsführerschaft steigt die Relevanz. Die Stimmung gibt die Richtung an. Die Aggregation die Prognose. Das Internet ist nur bedingt reguliert. Gewinn macht, wer den Durchblick hat. Wie schützt man sich vor Betrügern auf dem Internet? Genauso wie im Geschäft mit den als konservativ bekannten Banken: mit gesundem Menschenverstand.

Die Finanzwirtschaft der nächsten Generation ist anders. Effizienz, Transparenz und leicht zugängliche Finanzprodukte sind gefragt. Moderne Technologien ermöglichen signifikante Neuerungen für Anbieter und Nutzer gleichermassen. So wie der PC nicht von den Schreibmaschinenherstellern erfunden wurde, so könnten Banken in Zukunft das Nachsehen haben und junge, dynamische Start-Ups frische, unkonventionelle Perspektiven bieten.

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