Nullzins und Rekordvolumen: Der Wandelanleihen-Boom lebt von der KI-Euphorie

Der KI-Boom führt zu einem verstärkten Einsatz von Wandelanleihen (Bild: Adobe Stock)
Der KI-Boom führt zu einem verstärkten Einsatz von Wandelanleihen (Bild: Adobe Stock)

Der KI-Boom führt zu einem enormen Kapitalbedarf, der sich nicht nur bei den rekordhohen IPOs und hohen Verschuldungs-Deals bemerkbar macht. Auch der Markt für Wandelanleihen steuert 2026 auf ein historisches Jahr zu. Unternehmen weltweit griffen so stark wie nie zuvor zu diesem hybriden Finanzierungsinstrument – und immer öfter zahlen sie dafür gar keinen Zins mehr. Was heisst das für die institutionellen Anleger und wie ist die Situation in der Schweiz?

02.09.2026, 08:23 Uhr

Redaktion: asc

Die Fakten sind gegantisch. Allein die weltweiten Ausgaben für Rechenzentren werden bis 2050 voraussichtlich 31,6 Billionen US-Dollar erreichen, um den weltweit wachsenden Bedarf an KI zu decken – ein Investitionsboom, der laut dem Beratungsunternehmen PwC in der Geschichte beispiellos ist.

Rekordjagd bei Nullzins-Wandlern

Weltweit wurden nach Angaben des Datenanbieters Dealogic in diesem Jahr bereits Wandelanleihen mit Nullzins im Umfang von 72 Milliarden US-Dollar begeben. Damit ist der bisherige Rekord von 73 Milliarden US-Dollar aus dem Gesamtjahr 2025 in Reichweite – und dürfte laut Berichten der «Financial Times» bis Jahresende übertroffen werden. Zinslose Wandler machen mittlerweile rund 41 Prozent der gesamten Emissionstätigkeit bei Wandelanleihen aus.

Der Mechanismus dahinter: Wandelanleihen enthalten eine Call-Option, die den Anlegern das Recht einräumt, ihre Forderung zu einem festgelegten Kurs in Aktien umzutauschen. Je höher die Volatilität der zugrundeliegenden Aktie, desto wertvoller diese Option – und desto eher sind Investoren bereit, auf laufende Zinszahlungen zu verzichten. Nicolas Crémieux, Leiter Wandelanleihen bei Mirabaud Asset Management, bringt es gegenüber der FT auf den Punkt: Wer ein volatileres, damit wertvolleres Optionsrecht verkauft, kann dafür weniger Zins bieten.

Alphabet lanciert grösste Transaktion in der Geschichte

Der eigentliche Motor hinter dem Boom ist der gewaltige Kapitalbedarf der KI-Branche. Unternehmen, die Milliarden in Rechenzentren und Chipkapazitäten investieren, nutzen Wandelanleihen zunehmend als Finanzierungsroute – gerade weil ihre Aktien stark schwanken und Investoren im Gegenzug für den Verzicht auf Zinsen auf künftige Kursgewinne setzen. Zu den prominenten Beispielen zählen der Halbleiterkonzern ON Semiconductor, der im Mai 1,3 Milliarden US-Dollar zu null Prozent platzierte, sowie der Netzwerkausrüster Ciena, der im Juni knapp 2,9 Milliarden US-Dollar ohne Zinskupon einsammelte.

Auch gestiegene Zinsen an den klassischen Anleihemärkten spielen eine Rolle: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte 2026 von 4,15 auf 4,66 Prozent. Für Emittenten wird die klassische Fremdfinanzierung damit teurer – ein Anreiz, über Wandelanleihen die Zinskosten zu drücken: Die Zinserwartungen aus den Jahren 2020/21 hätten sich als dauerhaft zu tief erwiesen, weshalb Unternehmen heute stärker nach Wegen suchten, Finanzierungskosten und Verwässerung zu minimieren.

In den USA – dem mit Abstand grössten Markt für Wandelanleihen – waren bis Ende letzter Woche bereits über 113 Milliarden US-Dollar begeben worden, wie Barclays Research vorrechnet. Das ist der höchste je gemessene Wert für einen vergleichbaren Zeitraum und nähert sich dem Allzeithoch von 120 Milliarden US-Dollar aus dem Gesamtjahr 2025. Die Quartalszahlen des Analysehauses Numerix unterstreichen das Tempo: Im ersten Quartal 2026 wurden weltweit 56,1 Milliarden US-Dollar über 78 Transaktionen platziert, im zweiten Quartal folgten bereits 84,6 Milliarden US-Dollar über 96 Deals – ein Plus von 67 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und der höchste je gemessene Quartalswert.

Ankerpunkt war die Wandelvorzugsaktie von Alphabet: Der Google-Mutterkonzern platzierte im Rahmen einer 84,75 Milliarden US-Dollar schweren Eigenkapitalaufnahme zur Finanzierung seiner KI-Infrastruktur eine mit 6,25 Prozent verzinste «Mandatory Convertible Preferred Stock» im Volumen von 19,3 Milliarden US-Dollar – laut Numerix die grösste Wandeltransaktion der Geschichte. Anders als die eingangs beschriebenen Nullzins-Wandler zahlt dieses Instrument zwar einen laufenden Coupon, wandelt sich aber nach rund drei Jahren zwingend in Aktien und zeigt damit, wie selbst Grosskonzerne mit soliden Bilanzen zunehmend auf aktiennahe statt klassische Fremdfinanzierung setzen, um ihre milliardenschweren KI-Investitionen zu stemmen.

Der Preis der «Nullzins-Strategie»

Der Verzicht auf Zinszahlungen ist für Unternehmen nicht kostenlos. Steigende Anleiherenditen zwingen Investoren dazu, für zinslose Papiere eine höhere Kompensation einzufordern – in der Regel über einen tieferen Wandlungspreis, also einen kleineren Aufschlag auf den Aktienkurs zum Ausgabezeitpunkt. Um die bestehenden Aktionäre vor Verwässerung zu schützen, kaufen viele Emittenten parallel einen sogenannten Capped Call von einer Bank: Steigt der Aktienkurs über den Wandlungspreis – bis zu einer vereinbarten Obergrenze –, gleicht die Bank die Differenz in bar oder in Aktien aus. Finanziert wird dieser Schutzmechanismus aus dem Emissionserlös, was die Kosten der Transaktion insgesamt erhöht.

Zwei aktuelle Beispiele verdeutlichen die Struktur: Der Internet-Infrastrukturkonzern Cloudflare begab im August Wandelanleihen über 2,5 Milliarden US-Dollar zu null Prozent Zins, mit einem Wandlungspreis 60 Prozent über dem Schlusskurs vom Vortag und einem Capped Call bis 175 Prozent über dem Ausgabepreis. Der Halbleiter-Zulieferer Amkor Technology platzierte im April 1,15 Milliarden US-Dollar ohne Kupon, mit einem Aufschlag von 52,5 Prozent und einem Capped Call bei 100 Prozent. Insgesamt wurden 2026 bereits Deals über 68 Milliarden US-Dollar mit solchen Antiverwässerungsstrukturen abgeschlossen – ein Rekordwert. Ohne diese Absicherung, so Carrell von Schroders, würden die Kupons rasch auf rund 2 Prozent steigen. Crémieux warnt zugleich: Die tiefen Kupons funktionieren nur, solange die Volatilität hoch bleibt. Kühlt sie ab, dürften sich die Konditionen für Emittenten wieder verschärfen.

Europa: kräftige Erholung nach mageren Jahren

Auch der europäische Markt hat sich 2026 spürbar belebt. Nach einer mehrjährigen Schwächephase – ausgelöst durch Verwässerungsängste der Emittenten und eine gewisse Zurückhaltung der Investoren gegenüber kreditgebundenen Aktieninstrumenten – gilt 2025 bei Marktteilnehmern als Wendepunkt. Das Emissionsvolumen in der EMEA-Region lag laut Dealogic-Daten im ersten Quartal 2026 bei 3,73 Milliarden US-Dollar über elf Transaktionen, nach 1,69 Milliarden US-Dollar im Vorquartal. Zu den grösseren Deals zählten MTU Aero Engines, Vinci und Snam.

Für das Gesamtjahr 2025 wird das europäische Emissionsvolumen von Calamos auf rund 14,2 Milliarden US-Dollar respektive 12 Prozent des globalen Marktes beziffert – deutlich hinter den USA und mittlerweile auch hinter Asien, wo unter anderem chinesische Grosskonzerne wie Alibaba verstärkt Wandelanleihen begeben.

Marktteilnehmer verweisen zudem auf eine anziehende Sekundärmarkt-Performance und ein zunehmendes Bedürfnis institutioneller Investoren, ihre Portfolios stärker Richtung Europa zu gewichten. Auch qualitativ hat sich der Markt verändert: Der Anteil von Investment-Grade-Emissionen am Gesamtvolumen ist von 14 Prozent Anfang 2021 auf rund 40 Prozent bis Anfang Mai 2026 gestiegen – ein Trend, der laut Bantleon zunächst in den USA einsetzte und sich nun global fortsetzt.

Allerdings bleibt die relative Grössenordnung eindeutig: Im zweiten Quartal 2026 entfielen laut Numerix auf EMEA lediglich 7,3 Milliarden US-Dollar respektive 14 Transaktionen – gerade einmal rund ein Neuntel des nordamerikanischen Volumens von 64,2 Milliarden US-Dollar. Auch der Analysedienst Dealogic bestätigt das Bild: Bis Ende Juli 2026 entfiel auf die EMEA-Region nur ein Anteil von rund 7 Prozent am globalen Emissionsvolumen, während Nordamerika knapp 65 Prozent und die Region Asien-Pazifik – getrieben von Grossemittenten wie Alibaba – bereits 28 Prozent stellte. Europa erholt sich damit zwar spürbar, bleibt aber strukturell ein kleinerer und sektoral breiter aufgestellter Markt: Statt einer KI-Konzentration wie in den USA dominieren hier Industrie-, Energie- und Infrastrukturemittenten wie MTU Aero Engines, Vinci und Snam.

Schweiz: kleiner, aber lebendiger Nischenmarkt

Der Schweizer Frankenmarkt für Wandelanleihen bleibt im internationalen Vergleich winzig. Gemäss dem Anleihen-Explorer der SIX Swiss Exchange sind aktuell erst acht in Franken denominierte Wandelanleihen ausstehend, unter anderen von Cembra Money Bank, Cicor Technologies, Idorsia, DocMorris Finance, Peach Property Group und Basilea Pharmaceutica. Dennoch gibt es 2026 gleich mehrere bemerkenswerte Bewegungen – und sie zeigen, dass sich der globale Nullzins-Trend durchaus auch am kleinen Schweizer Markt festmachen lässt.

Das prägnanteste Beispiel liefert der Immobilienkonzern Swiss Prime Site. Ende Februar platzierte das Unternehmen 350 Millionen Franken an vorrangigen, unbesicherten Green Convertible Bonds mit Fälligkeit 2032 – zu einem Zinskupon von null Prozent. Die Anleihe wurde zu 100 Prozent des Nennwerts ausgegeben und wird zum gleichen Wert zurückbezahlt, was einer Rendite bis Verfall von exakt 0,0 Prozent entspricht. Die Wandlungsprämie wurde zunächst in einer Bandbreite von 20,0 bis 27,5 Prozent vermarktet und schliesslich bei 24,0 Prozent fixiert, was einem Wandlungspreis von 179.56 Franken je Aktie entspricht – bei einem Referenzkurs von 144.81 Franken. Der Nettoerlös dient teilweise der Refinanzierung eines bestehenden Wandeldarlehens über 275 Millionen Franken sowie der Finanzierung grüner Immobilienprojekte gemäss dem unternehmenseigenen Green-Financing-Framework. Swiss Prime Site beweist damit, dass Nullzins-Wandelanleihen längst nicht nur ein US-Tech-Phänomen sind, sondern auch für etablierte, nicht auf KI ausgerichtete Schweizer Emittenten mit solider Bonität funktionieren – vorausgesetzt, Aktienprofil und Investorennachfrage passen.

Als Gegenpol dazu zeigt der Fall DocMorris, wie stark der wirtschaftliche Nutzen einer Wandelanleihe vom Verhältnis zwischen Aktienkurs und Wandlungspreis abhängt. Bei der 2026 fälligen, mit 6,875 Prozent verzinsten Wandelanleihe des Online-Apothekers lag der Wandlungspreis von 24.25 Franken je Aktie deutlich über dem aktuellen Kurs des Papiers. Die Optionskomponente blieb damit wertlos, und nachdem bereits über 87 Millionen Franken des ursprünglichen Nominalvolumens von rund 95 Millionen Franken zurückgekauft worden waren, kündigte das Unternehmen im Februar die vorzeitige Rückzahlung des Rests zum Nennwert an. Wo die Aktienoption nicht liefert, bleibt am Ende schlicht die klassische Kredit- und Rückzahlungslogik entscheidend – ein Erinnerungsposten dafür, dass auch Nullzins-Strukturen kein Selbstläufer sind.

Daneben gibt es auch am kleineren Ende des Marktes Bewegung: Im Mai kündigte die Basler Kineo Finance eine sogenannte Going-Public-Wandelanleihe im Volumen von 20 bis 30 Millionen Franken an, mit fünfjähriger Laufzeit und einem Kupon von 3 bis 3,5 Prozent – begleitet von der Helvetischen Bank als Lead Manager. Die Anleihe erlaubt es Investoren, sich bereits vor einem allfälligen Börsengang oder SIX-Listing des Unternehmens zu positionieren. Historisch ist dieser Weg an der Schweizer Börse nicht neu: Auch der Luzerner Milchverarbeiter Emmi machte einst über eine Wandelanleihe den ersten Schritt an die Börse.

Insgesamt verzeichnete SIX im ersten Halbjahr 2026 ein starkes Emissionsgeschäft über alle Fremdkapitalinstrumente hinweg, inklusive eines «bedeutenden Emissionsvolumens im Fixed-Income-Bereich». Die Börse erwartet für die zweite Jahreshälfte eine anhaltend robuste Nachfrage nach Kapitalaufnahmen. Für den Wandelanleihenmarkt im engeren Sinn bleibt die Schweiz damit ein Nischenspieler ohne breiten, KI-getriebenen Emissionszyklus – die Aktivität ist einzelfallgetrieben und reicht von der grossvolumigen, nachhaltigkeitsbezogenen Refinanzierung eines Immobilienkonzerns bis zur kleinvolumigen Going-Public-Anleihe eines Basler Finanzdienstleisters.

Ausblick: Volatilität als Schlüsselvariable

Analysten verschiedener Häuser – von Mirabaud über Schroders bis Bantleon – sind sich in der Grundeinschätzung einig: Solange die Aktienmarktvolatilität rund um KI-Titel hoch bleibt, dürfte die Emissionstätigkeit bei Wandelanleihen stark bleiben, und Nullzins-Strukturen dürften ihren Anteil am Markt behaupten oder sogar ausbauen. Das globale Segment erzielte 2025 laut FTSE Global Convertible Vanilla Hedged Index eine Rendite von 21,4 Prozent in US-Dollar und hat sich 2026 laut mehreren Vermögensverwaltern bislang ähnlich robust entwickelt.

Gleichzeitig mehren sich mahnende Stimmen. Berichten zufolge geben Investoren, die im aktuellen KI-Boom auf Wandelanleihen setzen, zunehmend Schutzklauseln auf, die sie unter normalen Marktbedingungen einfordern würden – ein Muster, das zuletzt während der Pandemie in ähnlicher Form zu beobachten war. Je stärker der Ertrag vom klassischen Bond-Coupon zur reinen Aktienoptionalität verschoben wird, desto mehr nähert sich das Instrument wirtschaftlich einer Aktienposition mit nachrangigem Kreditschutz an – mit entsprechend geringerer Verlustabsicherung, sollte die Volatilität einbrechen oder eine breitere Korrektur bei KI-Bewertungen einsetzen. Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das: Die klassische Faustregel «Bond-Sockel plus Aktien-Chance» gilt 2026 nur noch mit Einschränkungen. Emittentenqualität, Wandlungsprämie, Capped-Call-Struktur und die Kreditanalyse des jeweiligen Namens werden wichtiger als in früheren, couponstärkeren Marktphasen.

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