05.08.2026, 09:33 Uhr
Die Lage für Schweizer Unternehmen hat sich zuletzt aufgehellt - und das in beinahe allen Bereichen der Wirtschaft. Laut der jüngsten Konjunkturumfrage der ETH-Forschungsstelle KOF sind die Firmen auch bezüglich...
Vorbei mit Deeskalation: Nachdem Brent nach dem US-Iran-Rahmenabkommen im Juni zeitweise unter 75 US-Dollar gefallen war, notiert die Nordseesorte nun bereits die dritte Handelssitzung in Folge im Plus und handelt über 84 US-Dollar je Barrel. Auslöser ist die anhaltende Unsicherheit über eine tatsächliche Wiederöffnung der Strasse von Hormus – trotz eines sich abzeichnenden Abkommens zwischen Iran und Oman.
Der aktuelle Verhandlungsstand: nahe, aber nicht am Ziel Der iranische Aussenminister Abbas Araghchi erklärte über das Wochenende, eine Vereinbarung mit Oman zur Einrichtung einer Schifffahrtsroute durch Hormus stehe «kurz bevor». Gleichzeitig dämpfte er die Erwartungen: Ein Abkommen mit Oman würde die Wasserstrasse nicht unmittelbar wieder öffnen. Direkte Gespräche mit den USA schloss Teheran vorerst aus und verwies auf Verstösse gegen das im Juni erzielte Interims-Abkommen.
Teheran hält an seinen Bedingungen für eine vollständige Öffnung fest: Ende der US-Marineblockade, Aufhebung der Sanktionen sowie Kompensation für Kriegsschäden. US-Vizepräsident JD Vance sagte, man wolle die Öl- und Gasmengen aus der Golfregion wieder auf Vorkriegsniveau bringen; ein Abkommen erfordere von Iran die Zusage, keine Handelsschiffe mehr zu beschiessen. US-Präsident Donald Trump gab sich zuletzt zurückhaltender und sprach laut Axios von einem «Low-Key»-Ansatz, nachdem er wochenlang mit massiven Angriffen auf Iran gedroht und diese wieder zurückgenommen hatte.
Parallel dazu bleibt die Sicherheitslage in der Region angespannt: Ein weiterer von der Abu Dhabi National Oil Co. betriebener Tanker wurde am Wochenende in Hormus angegriffen. Die vom Iran unterstützten Huthi-Milizen im Jemen reklamierten zudem einen Angriff auf die saudische Jazan-Raffinerie für sich; das saudische Energieministerium bestätigte einen Brand, der frühmorgens gelöscht wurde, äusserte sich aber nicht zur Ursache. Es ist bereits der zweite gemeldete Brand an der Anlage innerhalb eines Monats.
Vor dem Krieg wurden rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Erdgasmengen durch Hormus verschifft. Dass es bislang nicht zu einer extremen Angebotsverknappung gekommen ist, führen Marktbeobachter auf mehrere dämpfende Faktoren zurück: schwache chinesische Nachfrage sowie die Freigabe strategischer Reserven. Die Angebotspuffer gelten jedoch als deutlich abgebaut.
Einschätzung eines Marktteilnehmers Haris Khurshid, Chief Investment Officer bei Karobaar Capital LP in Chicago, bringt die aktuelle Marktlogik auf den Punkt: Solange der Markt die «Möglichkeit» einer Störung und nicht die Gewissheit einer Normalisierung einpreise, bleibe der Ausblick bullish. Erst wenn sich die Warenflüsse tatsächlich normalisierten, dürfte die geopolitische Risikoprämie nachhaltig aus dem Preis weichen.
Washington und Teheran widersprechen sich zudem darüber, wer die Hormus-Verhandlungen eigentlich führt: Die US-Regierung reklamiert eine aktive Rolle für sich, was Iran bestreitet. Am Samstag bekräftigte Teheran erneut seine Bedingungen für eine vollständige Freigabe der Strasse.
Entsprechend werden Basisszenarien nach oben korrigiert. Der zuvor von zahlreichen Beobachtern favorisierte Deeskalationspfad – Brent bei 70 bis 80 US-Dollar zum Jahresende, wie ihn etwa J.P. Morgan Asset Management, LBBW, Goldman Sachs und Morgan Stanley im Juni skizziert hatten – zunehmend in die Ferne. Die von Citigroup unterstellte weitgehende Normalisierung der Hormus-Ströme bis Mitte oder Ende Juli ist nicht eingetreten. Stattdessen bewegt sich der Ölpreis derzeit im «zähen Normalisierungsszenario» früherer Prognosen, das Brent-Notierungen um 90 bis 100 US-Dollar unterstellt, sofern die Durchfahrt durch Hormus weiterhin nur teilweise oder unsicher bleibt.
Union Investment hatte bereits im Frühsommer davor gewarnt, den damaligen Preisrückgang als vollständige Entwarnung zu deuten, da der Wiederaufbau der Lagerbestände deutlich länger dauern dürfte als deren krisenbedingter Abbau. Diese Einschätzung erhält durch die jüngste Preisentwicklung zusätzliches Gewicht.
Für Anleger bleibt damit die Kernbotschaft bestehen: Die Verteilung der möglichen Preispfade ist weiterhin stark rechtsschief. Eine belastbare und dauerhafte Öffnung von Hormus mit zügigem Wiederanlauf der Golfproduktion würde das mittelfristige Überangebotsnarrativ – wie es etwa die LBBW für das vierte Quartal 2026 erwartet – stützen. Jede weitere militärische Eskalation oder ein Scheitern der Iran-Oman-Verhandlungen könnte die Risikoprämie hingegen rasch weiter ausbauen, wie es die jüngsten Kursbewegungen bereits andeuten.