Wenn Angst ein Signal wird: Was Profis aus den Markt-Indikatoren lesen

Bulle oder Bär: An den Finanzmärkten häufen sich Kaufsignale (Bild: Shutterstock)
Bulle oder Bär: An den Finanzmärkten häufen sich Kaufsignale (Bild: Shutterstock)

VIX über 30, Creditspreads in Bewegung, Sentiment auf Jahrestief – die Märkte senden gleichzeitig antizyklische Kaufsignale. Eine Analyse der historischen Muster und aktuellen Datenlagen.

15.04.2026, 08:43 Uhr
Anlagestrategie

Redaktion: asc

Es ist paradox, aber gut dokumentiert: Steigt das Angstbarometer der Märkte, steigen die Chancen für geduldige Investoren. Der VIX – der CBOE Volatility Index, der die implizite 30-Tages-Volatilität von S&P 500-Optionen misst – hat sich in den vergangenen Wochen erneut als einer der verlässlichsten antizyklischen Indikatoren überhaupt erwiesen.

Am 27. März überschritt er die Marke von 31,65, getrieben von eskalierenden Spannungen rund um die Strasse von Hormuz und wachsender Skepsis über die Ertragsrealität von KI-Investitionen. Seitdem hat er sich um rund ein Drittel zurückgezogen und notiert aktuell bei rund 18,36 – während der S&P 500 auf 6.967 gestiegen ist.

30 Jahre Datenlage: Die Statistik spricht eindeutig

Das alte Profi-Mantra lautet: «When VIX is high, it's time to buy – when VIX is low, it's time to go.» Doch was ist daran wahr und wie ist das Signal heute zu lesen? Zuerst die Analyse aus berufenen Mund: Grace Peters, Co-Global Head of Investment Strategy bei JPMorgan Private Bank, hat in der Financial Times die Datenlage ausgewertet und kommt zu einem klaren Befund: In 724 Instanzen, in denen der VIX in den vergangenen 30 Jahren oberhalb von 30 schloss, erzielten Investoren, die den S&P 500 kauften, in 70 bis 83 Prozent der Fälle positive Renditen – mit durchschnittlichen Gewinnen von 12,4 Prozent nach sechs Monaten.

Die Bandbreite der Ergebnisse ist dabei erheblich. Die schlechteste Ein-Monats-Rendite lag bei minus 27,7 Prozent, die beste bei plus 26,6 Prozent. Über sechs Monate erstreckt sich die Spanne von einem Rückgang um 37,9 Prozent bis zu einem Anstieg von 52,7 Prozent. Der Zeithorizont macht den entscheidenden Unterschied: Nach einem Monat lagen 70 Prozent der Instanzen im positiven Bereich, nach drei Monaten 76 Prozent, nach sechs Monaten 83 Prozent.

Noch schärfer ist die Statistik bei extremen Spikes. Laut Wells Fargo lagen nach einem VIX-Anstieg über 40 die S&P 500-Renditen im Durchschnitt mehr als 30 Prozent höher – gemessen über zwölf Monate; seit 1990 war der Markt nach solchen Ereignissen in mehr als 90 Prozent der Fälle ein Jahr später im Plus rechnet The Motley Fool nach.

Eine wichtige Einschränkung gibt es: Nicht jeder VIX-Spike ist gleich zu lesen. Extreme Niveaus über 50 zeigen laut Daten eine 66,7-prozentige Wahrscheinlichkeit negativer Drei-Wochen-Renditen – der unmittelbare Nachgang eines solchen Prints ist oft chaotisch, auch wenn mittelfristig die Aufwärtsbewegung kommt. Der aktuelle Kontext – ein VIX, der die 30 kurz berührt und sich normalisiert hat – entspricht also historisch dem günstigsten Muster.

Was Profis neben dem VIX beobachten

Institutionelle Investoren verlassen sich nie auf ein einzelnes Signal. Der VIX wird standardmässig kombiniert mit: Put-Call Ratio (extreme Absicherungsnachfrage ab >1,0), Fear & Greed Index (Kaufzone: Werte unter 25), Marktbreite (Anteil der Aktien über dem 200-Tage-Durchschnitt) sowie Creditspreads als Bestätigungsindikator aus einem vollständig separaten Markt. Der VIX ist also nur dann handlungsrelevant, wenn er durch komplementäre Indikatoren aus vollständig separaten Marktbereichen bestätigt wird. Das Grundprinzip lautet: Je mehr unabhängige Signale gleichzeitig in dieselbe Richtung zeigen, desto höher die Konviktionsstufe. Hier eine kurze Übersicht zu den weiteren Signalen.

Put-Call Ratio: Extremes Absicherungsbedürfnis als Kontrarien-Signal

Das Put-Call Ratio setzt die Zahl gehandelter Put-Optionen (Absicherung gegen fallende Kurse) ins Verhältnis zu Call-Optionen (Wette auf steigende Kurse). Ein Wert über 1,0 bedeutet: Mehr Anleger sichern sich ab als spekulieren auf Kursgewinne – das klassische Zeichen von Angst und Pessimismus (Investing.com Academy). Die Kontrarien-Logik ist dabei direkt: Ein Put-Call Ratio deutlich über 1,0 signalisiert nicht nur Angst, sondern oft eine Übertreibung nach unten – und damit mögliche Bodenbildung (Finanzwissen.de). Profis lesen das Signal deshalb nicht als Bestätigung der Gefahr, sondern als Indiz für eine Erschöpfung des Verkaufsdrucks.

Der SPX Put-Call Ratio notiert aktuell bei 1,06 – damit klar über dem neutralen Wert von 1,0 und im historisch erhöhten Bereich (YCharts/CBOE). Vor einem Jahr lag er noch bei 1,27, was zeigt, dass sich die Absicherungsaktivität zwar normalisiert hat, aber weiterhin über dem Gleichgewichtsniveau bleibt. Die Botschaft dahinter: Institutionelle Investoren sind noch immer mehrheitlich in Defensivpositionen – der Markt hat die Angst noch nicht vollständig eingepreist, aber auch nicht abgeschüttelt. Für Kontrarier ist das ein ambivalentes Signal: Klar erhöhter Pessimismus, aber noch kein extremes Überverkaufsniveau wie im April 2025, als der VIX auf >50 schoss und die Put-Nachfrage explodierte.

Fear & Greed Index: Sentiment aus sieben Quellen verdichtet

Der von CNN entwickelte Fear & Greed Index aggregiert sieben unabhängige Marktindikatoren zu einem einzigen Wert. Neben VIX und Put-Call Ratio fliessen Marktmomentum (S&P 500 vs. 125-Tage-Durchschnitt), Safe-Haven-Nachfrage (Anleihen vs. Aktien), Junk-Bond-Spreads und die Marktbreite ein (CNN Markets). Die Kaufzone für antizyklische Profis liegt bei Werten unter 25 – dem Bereich «Extreme Fear". Entscheidend ist dabei die Eigenschaft des Index als Frühindikator für Sentiment-Umkehrungen: Er signalisiert nicht den exakten Boden, aber er zeigt an, wenn der Markt systematisch überverkauft ist (Finanzwissen.de; Investing.com Academy).

Das Bild hier ist deutlicher. Der CNN Fear & Greed Index kollabierte innerhalb eines Monats von 44 (leichte Angst) auf 15 – tiefes «Extreme Fear-Territorium». Ausgelöst durch die Eskalation des Iran-Konflikts und wachsende Sorgen über eine AI-Infrastruktur-Blase im Private-Credit-Markt. Zum Vergleich: Beim «Liberation Day-Schock» im April 2025 fiel der Index auf 4 – das war eines der tiefsten Werte seit der Indexeinführung. Der aktuelle Wert von rund 15 signalisiert: Der Markt ist klar überverkauft, aber das absolute Panik-Extrem wurde noch nicht erreicht. Für institutionelle Investoren mit einer 6–12-Monats-Perspektive ist ein Fear & Greed-Wert unter 25 historisch eine der zuverlässigsten Einstiegszonen – eine Erkenntnis, die auch eine Studie in Finance Research Letters für den Zeitraum 2011–2024 empirisch bestätigt.

Marktbreite: Der Blick unter die Oberfläche

Während der S&P 500 als Index durch wenige Schwergewichte getrieben sein kann, zeigt die Marktbreite, gemessen als Anteil der Aktien, die über ihrem 200-Tage-Durchschnitt notieren, was der breite Markt wirklich macht. Fällt dieser Wert auf unter 20 Prozent, signalisiert das einen flächendeckenden Ausverkauf, der fundamentale Substanz vernichtet. Steigt er danach wieder über 40 Prozent, interpretieren viele institutionelle Systeme das als erstes technisches Bestätigungssignal für eine Trendwende. Eine Divergenz zwischen breitem Markt und Index-Performance gilt dabei als besonders starkes Warnsignal in beide Richtungen.

Der aktuelle Stand liefert ein historisch aufschlussreiches Bild. Nach der Zoll-Eskalation durch das Weisse Haus am 2. April war der Anteil der S&P 500-Aktien über ihrem 200-Tage-Durchschnitt auf rund 16 Prozent eingebrochen. Das entspricht laut der Capital Group eines der tiefsten Niveaus seit Jahren. Das ist tiefer als während der COVID-Krise und markiert technisch klares Überverkauf-Territorium. Zum Vergleich: Im Februar 2026, als der S&P 500 noch nahe Rekordhoch notierte, hatte die Advance-/Decline-Linie neue Allzeithochs erreicht und die Marktbreite war breit und gesund (Onvista, Februar 2026).

Seither hat eine Erholung eingesetzt: Ende April 2025, nach einem analogen Zoll-Schock, war die Marktbreite innerhalb von Wochen von 16 Prozent auf 64 Prozent zurückgesprungen, so die Capital Group. Das ist das Muster, auf das institutionelle Investoren jetzt warten: Die Rückkehr der Marktbreite über 40–50 Prozent gilt für viele Quant-Modelle als erstes technisches Bestätigungssignal, dass der Boden hinter uns liegt – und nicht nur eine kurzfristige Erholung in einem anhaltenden Abwärtstrend. Der S&P 500 selbst notiert mit einem YTD-Verlust von -0,42 Prozent nahe der Nulllinie, was die Spreizung zwischen Index-Oberfläche und tatsächlicher Marktbreite besonders deutlich macht.

Creditspreads: Zwei Märkte erzählen verschiedene Geschichten

Hier wird es interessant. Während High-Yield-Spreads seit Anfang 2026 strukturell erhöht, aber noch vergleichsweise eng geblieben sind – IG-Spreads lagen bei rund 74 Basispunkten, HY-Spreads bei rund 250 Basispunkten – hat sich im Private-Credit-Segment eine bemerkenswerte Dislokation entwickelt.

BDC-Spreads (Business Development Companies, börsennotierte Vehikel mit direktem Exposure in Private Credit) sind in wenigen Wochen um rund 90 Basispunkte auf rund 260 bps gestiegen. Das Bemerkenswerte: Breite IG-Corporates bewegten sich im gleichen Zeitraum kaum. Diese Divergenz zwischen dem Private-Credit-Fenster und dem öffentlichen Kreditmarkt ist kein systemisches Warnsignal, sondern ein sektorspezifisches Dislokationsmuster – ausgelöst durch verschiedene Ereignisse:

  • Flow schlägt Fundamentals. Retail-Investoren ziehen Kapital aus Private-Credit-Vehikeln ab – getrieben von Sorgen um AI- und Software-Debt. Der Grund der Rückzugs-Welle: Private-Credit-Portfolios haben rund 20 Prozent Exposure in Software/SaaS. Da SaaS-Private-Debt zwischen 2022 und 2025 von 60 Milliarden auf 480 Milliarden US-Dollar explodiert ist und KI nun die Cashflows dieser Borrower direkt bedroht, reagieren Anleger breit – nicht selektiv.
  • Redemption-Kaskaden in Non-Traded Vehikeln. Grosse Evergreen-Fonds wie Blue Owls OCIC verzeichneten über 20 Prozent Rücknahmen, OTIC sogar über 40 Prozent. Das triggert Gating-Mechanismen, die neue Subscriptions stoppen und strukturell negative Flows erzwingen – ein selbstverstärkender Prozess.
  • Refinanzierungsdruck. Viele BDCs emittierten günstige Schulden in 2020–21, die nun zu deutlich höheren Raten refinanziert werden müssen – das drückt Earnings und erhöht die Spread-Sensitivität des gesamten Sektors.

Für 2026 erwartet PineBridge Investments generell eine Ausweitung der IG-Spreads, getrieben durch einen massiven Anstieg des langlaufenden Bond-Angebots – Capital-Market-Prognosen reichen bis zu 2,25 Billionen Dollar, ein Anstieg von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das verändert den technischen Druck auf den Kreditmarkt strukturell.

Ist das eine Chance oder strukturelles Risiko? Die ehrliche Antwort der Experten: Es kommt auf die Selektion an. State Street Global Advisors spricht von «rising stress, not systemic disruption». Die Marktkräfte sind also real, aber ungleich verteilt. Mit 260 bps sind BDC-Spreads erhöht, aber noch weit vom historischen Peak von 387 bps im März 2023 entfernt. Institutionelle Manager wie Income Research & Management kaufen bewusst in die Volatilität hinein – mit Fokus auf kurzlaufende, hochqualitative BDC-Bonds. Andere warten bewusst noch ab.

Fazit: Das Signal-Tableau liest sich konstruktiv

Selten stehen so viele unabhängige Indikatoren gleichzeitig in der Nähe ihrer historischen Kauf-Territorien. Der ganze Prozess ist jedoch sehr schnell abgelaufen. Beispiel: Der Fear & Greed Index ist innert weniger als zwei Wochen von seinem Jahrestief von 14 Anfang April auf 47 zurückgekehrt. Auf der anderen Seite hinken die Signale Marktbreite und BDC-Spreads dieser Sentiment-Erholung noch hinterher, was typisch ist: Creditmärkte und technische Indikatoren brauchen länger, um sich zu normalisieren, als reine Stimmungsindizes.

Sicher ist: Das klassische Muster einer sentiment-getriebenen Bodenbildung läuft aktuell durch. Die «Maximale Angst»-Phase scheint hinter uns zu liegen, aber die technische Bestätigung. Institutionelle Investoren mit einer 6–12-Monats-Perspektive beginnen in dieser Phase typischerweise gestaffelt zu akkumulieren – nicht, weil alle Risiken verschwunden sind, sondern weil der Markt beginnt, bessere Nachrichten schlechter einzupreisen, als es die Realität rechtfertigt. Das ändert nichts an der Notwendigkeit, zu selektieren. Nicht jede Dislokation ist ein Angebot. Manche sind ein Warnsignal. Die Aufgabe des disziplinierten Investors ist es, den Unterschied zu erkennen – und dann konsequent zu handeln.

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