23.07.2026, 18:45 Uhr
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Leitzinsen am Mittwoch unverändert belassen und damit sechs Wochen nach der ersten Zinserhöhung seit fast drei Jahren eine Verschnaufpause eingelegt. Für die...
Die Europäische Zentralbank dürfte an ihrer Sitzung vom 9. und 10. September 2026 den Einlagensatz um 25 Basispunkte auf 2,50 Prozent anheben – die zweite Erhöhung in Folge nach dem Schritt vom Juni. Der Zinsentscheid selbst gilt als weitgehend eingepreist; die eigentliche Frage für die Märkte ist, ob die EZB damit ihren Straffungszyklus vorerst abschliesst oder eine weitere Anhebung im Dezember offenlässt.
Auslöser der erneuten Zinswende ist ein Energiepreisschock im Zusammenhang mit der Eskalation im Nahen Osten. Die jüngsten Entwicklungen sind hier noch gar nicht mitberücksichtigt: Die Inflation im Euroraum kletterte schon im August von 2,9 auf 3,3 Prozent, wie Eurostat-Zahlen zeigen. Der Energiepreisanstieg von 14,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr – nach 10,3 Prozent im Juli – bleibt der Haupttreiber. Die Kerninflation ohne Energie und Lebensmittel liegt mit 2,4 Prozent zwar deutlich tiefer, aber immer noch über dem Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank; die Dienstleistungsinflation beträgt 3,0 Prozent.
Die EZB hatte bereits im Juni ihre Zinspause abrupt beendet und alle drei Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben, nachdem die geopolitischen Verwerfungen im Nahen Osten die Energiepreise weltweit nach oben getrieben hatten. In einer im März veröffentlichten Szenarioanalyse hatte die EZB selbst gewarnt, dass eine länger andauernde Blockade der Strasse von Hormus die Inflation im Extremfall auf 3,5 bis 4,4 Prozent treiben könnte. So weit ist es bislang nicht gekommen, die Risiken bleiben aus Sicht der Notenbank aber klar nach oben gerichtet.
Im EZB-Rat mehren sich die Stimmen für eine weitere Straffung. Das slowenische Ratsmitglied Primož Dolenc sieht angesichts der überraschenden Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft im Euroraum weiterhin Argumente für einen Zinsschritt im September – das aktuelle Zinsniveau gelte als weitgehend neutral und bremse die Konjunktur kaum.
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hatte bereits im Frühsommer signalisiert, dass eine weitere Zinserhöhung nötig werden könnte, sollte sich die Inflationsaussichten nicht deutlich verbessern; aus heutiger Sicht hat sich die Lage eher verschärft als entspannt.
An den Märkten rechnet Konrad Kleinfeld, Leiter Fixed Income Distribution EMEA für SPDR ETFs bei State Street Investment Management, mit einer Anhebung auf 2,50 Prozent als wahrscheinlichstem Szenario. Die eigentliche Bedeutung der Sitzung liege für ihn weniger im Zinsschritt selbst als in den Signalen zum weiteren geldpolitischen Kurs.
Auch die Analysten der DekaBank erwarten in ihrer Publikation «Volkswirtschaft Prognosen» eine weitere Anhebung um 25 Basispunkte. Sie verweisen darauf, dass die vom EZB-Rat im Juli als «Zinspause» kommunizierte Entscheidung keine Verbesserung des Inflationsausblicks gebracht habe; unklar bleibe, wie viel weitere Straffung im Rat für nötig gehalten werde.
Die Ökonominnen und Ökonomen von ING rechnen ebenfalls mit 25 Basispunkten und begründen dies mit der grösseren Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft im Euroraum. Gleichzeitig sehen sie aber auch Argumente gegen eine längere Serie weiterer Erhöhungen, da ein grosser Teil des aktuellen Inflationsschubs von den Energiepreisen ausgeht.
Eine Reuters-Umfrage vom 3. September unter 65 Volkswirtinnen und Volkswirten kommt im Mittel zum gleichen Schluss: eine Anhebung um 25 Basispunkte auf 2,50 Prozent.
Da die Anhebung auf 2,50 Prozent von den Märkten laut LSEG-Daten mit rund 99 Prozent Wahrscheinlichkeit erwartet wird, dürfte sie kaum unmittelbare Kursbewegungen auslösen. Das eigentliche Risiko liegt in einer hawkishen Überraschung – etwa höher als erwarteten Inflationsprojektionen oder einem expliziten Hinweis auf weitere Schritte im Dezember.
Bei kurzlaufenden Euro-Staatsanleihen dürften die Renditen mit dem Leitzins tendenziell mitziehen. Bei langlaufenden Titeln ist die Wirkung uneindeutiger: Höhere Inflationserwartungen belasten, schwächere Wachstumsaussichten können hingegen stützend wirken. Investment-Grade-Kredite leiden unter dem gestiegenen risikofreien Zins, während sich Spreads bei aufkommenden Wachstumssorgen ausweiten könnten. Bei Aktien sind besonders lang bewertete Wachstumswerte und Immobilientitel exponiert, da höhere Diskontsätze deren Bewertung stärker belasten.
Für die Schweiz stellt sich die Lage deutlich entspannter dar. Die Jahresteuerung stieg im August zwar von 0,4 auf 0,8 Prozent, bleibt aber klar innerhalb des SNB-Zielbands von 0 bis 2 Prozent. Die SNB hat entsprechend erheblich mehr Spielraum, ihren Leitzins bei 0 Prozent zu belassen, selbst wenn die EZB auf 2,50 Prozent erhöht.
Die wichtigste Übertragung läuft über den Wechselkurs: Ein grösserer Zinsvorsprung des Euroraums macht Euro-Anlagen relativ attraktiver und dürfte den EUR/CHF-Kurs tendenziell stützen. Ein stärkerer Euro erleichtert wiederum die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Schweizer Exporteure – besonders gegenüber dem wichtigsten europäischen Absatzmarkt. Gleichzeitig steigt die importierte Inflation leicht, was angesichts der aktuell niedrigen Schweizer Teuerung eher einen Ausgleich als ein akutes Risiko darstellt.
Für Schweizer Portfolios ergeben sich mehrere praktische Konsequenzen: CHF-Anleihen dürften über globale Zins- und Kapitalmarktkanäle mitziehen, was auch am Frankenmarkt Durationsrisiko schafft – selbst bei unverändertem SNB-Leitzins. Bei Euro-Anleihen verbessert sich der Carry für ungesicherte Positionen, wobei Hedge-Kosten und Zinsdifferenz für CHF-Anleger zentral bleiben. Exportorientierte Schweizer Aktien können von einem festeren Euro profitieren, während zinssensitive Segmente wie Immobilien und hoch bewertete Wachstumswerte empfindlicher auf global steigende Diskontsätze reagieren. Für die SNB nimmt eine restriktivere EZB tendenziell Druck von der Frankenaufwertung – geldpolitische Eigenständigkeit bleibt angesichts des grossen Inflationsabstands aber die wahrscheinlichere Linie.
Für die Markteinschätzung dürften vier Punkte entscheidend sein: die Richtung der neuen Inflationsprojektionen für 2026 und 2027, die Wortwahl zum weiteren Vorgehen – datenabhängige Pause oder Offenhalten weiterer Schritte –, die Gewichtung von Energie- versus Kern- und Dienstleistungsinflation sowie die Reaktion des EUR/CHF-Kurses. Im wahrscheinlichsten Szenario hebt die EZB auf 2,50 Prozent an, kommuniziert vorsichtig restriktiv und lässt die Tür für Dezember offen – ein Verlauf, der für Euro-Kurzläufer moderat positiv, für lange Anleihen und hoch bewertete Aktien aber anspruchsvoll wäre. Eine explizite Ankündigung weiterer Erhöhungen wäre demgegenüber das eigentliche Risikoereignis für Anleihe- und Aktienmärkte.