Die neue geldpolitische Realität: Was weltweit steigende Zinsen für die Schweiz und ihre Anleger bedeuten
Das geldpolitische Umfeld verändert sich: Was heisst die neue Realität für Anleger? (Bild: Adobe Stock)
Monatelang drehte sich die Diskussion an den Finanzmärkten um die Frage, wann die grossen Notenbanken mit Zinssenkungen beginnen würden. Diese Woche zeigt sich: Die Zeit des billigen Gelds ist vorüber. Innert dreier Tage fällen gleich drei G7-Notenbanken ihre Zinsentscheide – die Fed in den USA, die Bank of England am Donnerstag, die Bank of Japan am Freitag. Wie sieht die neue Realität aus und wie positionieren sich die institutionellen Anleger?
Das Umfeld sinkender oder stagnierender Zinsen, an das sich viele Anleger in den vergangenen Jahren gewöhnt hatten, weicht einem Regime, in dem strukturell höhere Realzinsen und eine hartnäckigere Inflation zur neuen Normalität werden könnten. Die grossen Notenbanken stellen sich auf die neuen Realitäten ein.
Das ist keine isolierte Fed-Geschichte, sondern eine zunehmend synchronisierte, hawkishe Ausrichtung der Geldpolitik über die gesamte G7 hinweg.
Die US-Notenbank dürfte dabei zum ersten Mal seit Juli 2023 die Zinsen wieder anheben, auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent – der Markt preist dafür eine Wahrscheinlichkeit von rund 90 Prozent ein.
Die Europäische Zentralbank hat bereits am 10. September erhöht, den zweiten Schritt seit Ausbruch des Iran-Konflikts.
Die Bank of Japan dürfte am Freitag mit ihrer zweiten Erhöhung dieses Jahres auf 1,25 Prozent nachziehen – der höchste Stand seit 1995.
Und selbst bei der Bank of England, die traditionell eher auf Lockerung eingestellt ist, hatten bereits drei Mitglieder an der Sitzung Ende Juli für eine Erhöhung gestimmt; ein Schritt so bald wie im November lässt sich laut Bloomberg nicht mehr ausschliessen.
Auch die Bank of Canada bewegt sich in dieselbe Richtung: Sie liess die Zinsen zwar zuletzt unverändert, betonte aber ihre Inflationssorgen so deutlich, dass die am Mittwoch publizierten Sitzungsprotokolle mit Spannung erwartet werden.
Ausgelöst wurde diese zinspolitische Wende durch einen Ölschock im Gefolge des wieder aufflammenden Nahost-Konflikts, verstärkt durch eine überraschend robuste Konjunktur und eine Inflation, die sich hartnäckiger hält, als noch im Frühsommer angenommen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde brachte es in einem Interview mit «Ouest-France» auf den Punkt: Der Inflationsschock werde wohl länger dauern als ursprünglich angenommen.
Der Ölpreis der Sorte Brent notiert klar über 100 US-Dollar pro Barrel und ist seit Anfang September um fast 20 Prozent gestiegen. Der Iran-Krieg und die Zerstörung von Raffineriekapazitäten weltweit, insbesondere in Russland, haben die Energiekosten erhöht und treiben so sämtliche Preise nach oben.
Wie die einzelnen Regionen betroffen sind
USA: Die Gesamtinflation verharrt bei 3,4 Prozent, die von der Fed bevorzugte Kern-PCE-Rate liegt mit 3,3 Prozent sogar 130 Basispunkte über dem Notenbankziel. Fed-Chef Kevin Warsh hatte selbst angekündigt, die Notenbank habe «Arbeit vor sich», sollte sie nicht überzeugt sein, dass sich die zugrunde liegende Inflation klar und rasch genug dem Zielwert nähere – die jüngsten Zahlen liefern dafür keine Entwarnung. Bemerkenswert ist dabei die politische Dimension: Eine Erhöhung dürfte gegen den ausdrücklichen Willen von US-Präsident Donald Trump erfolgen, der öffentlich tiefere Zinsen fordert und erklärte, die USA sollten «die tiefsten Zinsen der Welt» zahlen. Sein Wirtschaftsberater Kevin Hassett stellte zwar klar, man werde die Fed-Entscheidung «zu 100 Prozent» mittragen, liess aber durchblicken, dass weder er noch Trump einen Grund für eine Erhöhung sehen. Genau diese Gemengelage aus Marktdruck und politischem Gegenwind macht die Glaubwürdigkeitsfrage so zentral: Wie Bloomberg Economics es formuliert, sei das Marktsignal eindeutig – Anleger erwarten die Zinserhöhung, und sollte sie ausbleiben, würde Warsh an Glaubwürdigkeit einbüssen. Ein enger Arbeitsmarkt (Arbeitslosenquote 4,1 Prozent) und ein gegenüber steigenden Zinsen bislang immunes KI-Investitionsboom nähren zudem die Debatte, ob der neutrale Zins nicht bei 4 statt bei 3,00 bis 3,25 Prozent liegt – was die aktuelle Geldpolitik trotz der Erhöhungen der vergangenen Jahre eher akkommodierend als restriktiv erscheinen liesse.
Eurozone: Die EZB hat ihre Wachstumsprognosen leicht nach oben revidiert (0,9 Prozent für 2026, 1,4 Prozent für 2027) und rechnet mit einer Inflation von 2,5 Prozent im Jahr 2027 und 2,1 Prozent im Jahr 2028 – beides über dem Ziel. Der Markt preist bereits mehr als 75 Basispunkte an weiterer EZB-Straffung bis Mitte 2027 ein. Die deutsche Inflation lag im August bei 2,9 Prozent, primär energiegetrieben.
Grossbritannien: Hier ist der Druck besonders sichtbar: Die Rendite zehnjähriger Gilts bewegt sich nahe mehrjahrzehntehohen Ständen von rund 5,4 Prozent, die August-Inflation dürfte gemäss Prognosen auf 3,1 Prozent angezogen haben – ein Fünfmonatshoch. Eine Erhöhung am Donnerstag selbst gilt zwar nicht als Basisszenario, doch mit bereits drei Dissidenten für eine Erhöhung an der Julisitzung und simmernden Preisrisiken lässt sich ein Schritt bereits im November nicht ausschliessen. Der Markt preist für das kommende Jahr fast 100 Basispunkte an BoE-Erhöhungen ein – aus Sicht der UBP eher zu viel des Guten.
Japan: Die für Freitag erwartete Zinserhöhung wäre bereits die zweite dieses Jahres und würde den Leitzins auf 1,25 Prozent hieven, den höchsten Stand seit 1995. Gestützt wird dieser Schritt durch den kräftigsten Lohnanstieg seit fast drei Jahrzehnten – die nominalen Löhne wachsen so schnell wie zuletzt 1997 –, während die August-Inflation auf rund 2 Prozent geschätzt wird. Die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen ist bereits auf den höchsten Stand seit 30 Jahren gestiegen.
Die Schweiz: Tiefzinsinsel unter Druck
Für die Schweiz stellt sich die Lage doppelt paradox dar. Einerseits bleibt sie die grosse Ausnahme: Die Inflation liegt bei lediglich 0,8 Prozent und damit klar innerhalb des Zielbands der Schweizerischen Nationalbank (SNB) von 0 bis 2 Prozent, die Arbeitslosenquote liegt über dem Durchschnitt, und die Kapazitätsauslastung in der Industrie ist unterdurchschnittlich. Die UBS geht deshalb davon aus, dass die SNB ihren Leitzins an der geldpolitischen Lagebeurteilung vom 24. September unverändert bei 0 Prozent belässt – als einzige der grossen Notenbanken.
Andererseits zieht die Inflation auch hierzulande spürbar an: Mit 0,8 Prozent hat sie laut Bundesamt für Statistik den höchsten Stand seit fast zwei Jahren erreicht. Das relativiert die Beruhigung durch das breite Zielband ein Stück weit – die Richtung stimmt nicht mehr eindeutig nach unten, sondern zeigt, wenn auch von tiefem Niveau aus, nach oben. Just am Donnerstag, wenn auch die Bank of England ihren Entscheid fällt, veröffentlicht zudem der Bund seine jüngste Konjunkturprognose – ein weiterer Termin, den Schweizer Anleger neben der SNB-Sitzung vom 24. September im Auge behalten sollten.
Verstärkt wird das Bild durch die Marktbewertung: Die Erwartungen für die SNB haben sich innert weniger Wochen erheblich verschoben. Ende August preiste der Markt bis Juni 2027 lediglich eine Erhöhung um 25 Basispunkte ein, mittlerweile sind es rund 60 Basispunkte – eine Verdoppelung der erwarteten Straffung. Ausschlaggebend sind laut UBS-Ökonom Maxime Botteron zwei externe Faktoren: der Ölpreisanstieg und die robusten Konjunkturdaten aus den USA und der Eurozone.
Hinzu kommt ein dritter, für Schweizer Anleger besonders relevanter Faktor: der Franken. Er hat sich seit dem geldpolitischen Entscheid vom Juni gegenüber dem Euro um mehr als 2 Prozent und gegenüber dem US-Dollar um mehr als 1 Prozent abgeschwächt. Das ist bemerkenswert und eigentlich untypisch – in Phasen globaler Marktturbulenzen gilt der Franken traditionell als sicherer Hafen und wertet tendenziell auf, nicht ab. Dass er dieses Mal schwächelt, deutet darauf hin, dass der aktuelle Schock anders wirkt als frühere Krisen: Er ist inflations- und angebotsgetrieben (Öl, Geopolitik), nicht in erster Linie ein Wachstums- oder Vertrauensschock, auf den Kapital klassisch mit einer Flucht in den Franken reagieren würde. Eine anhaltende Frankenschwäche würde zudem importierte Inflation begünstigen und der SNB zusätzlichen Handlungsdruck verschaffen – zusätzlich zur bereits spürbar angezogenen Inlandinflation.
Die UBS hält eine Zinserhöhung bereits am 24. September zwar nicht für ihr Basisszenario, schliesst sie angesichts der Überraschungshistorie der SNB aber auch nicht aus. Im mittelfristigen Basisszenario rechnet sie weiterhin mit einer Anhebung um 25 Basispunkte im Juni 2027, betont jedoch, dass sich die Risiken in Richtung eines früheren Schritts und weiterer Erhöhungen danach verschoben haben. Entscheidend wird sein, wie stark die SNB am 24. September das Gewicht auf Wachstums- versus Inflationsrisiken legt und wie stark sie ihre Bereitschaft zu Devisenmarktinterventionen betont: Bleibt der Fokus auf Wachstumsrisiken und einer erhöhten Interventionsbereitschaft, bleibt die Hürde für eine frühere Straffung hoch. Rückt die Inflation stärker in den Vordergrund, dürfte sich das Bild rasch ändern.
Was das konkret für Anlegerinnen und Anleger in der Schweiz heisst
Die Zinsdifferenz zum Ausland wächst. Während die SNB bei 0 Prozent verharrt, straffen Fed, EZB, BoJ und tendenziell auch die Bank of Canada weiter. Für CHF-Anleger wird das Renditegefälle zu US-Dollar- und Euro-Anlagen damit noch grösser – ein Umstand, der Fremdwährungsanlagen auf den ersten Blick attraktiver erscheinen lässt, gleichzeitig aber das Währungsrisiko erhöht.
Der Sichere-Hafen-Reflex greift diesmal nicht automatisch. Wer darauf setzt, dass der Franken bei globaler Marktvolatilität automatisch aufwertet und damit Kursverluste bei ausländischen Obligationen abfedert, sollte die aktuelle Frankenschwäche als Warnsignal lesen: Dieser Mechanismus funktioniert vor allem bei Wachstums- und Vertrauenskrisen, weniger bei einem angebotsseitigen Inflationsschock wie dem aktuellen.
Die inländische Inflationsdynamik nicht unterschätzen. Auch wenn 0,8 Prozent im internationalen Vergleich tief erscheint, handelt es sich um den höchsten Stand seit fast zwei Jahren. Für die Zinsplanung – etwa bei Hypotheken – lohnt sich ein Blick auf die Richtung, nicht nur auf das Niveau.
Hypotheken- und Finanzierungskosten bleiben vorerst tief. Solange die SNB bei 0 Prozent verharrt, profitieren Immobilienbesitzer und -käufer von einer seltenen Divergenz zu den steigenden Refinanzierungskosten im Ausland. Das kann sich jedoch rascher ändern, als der Markt aktuell einpreist, falls sich die von UBS skizzierten Risikofaktoren (Öl, Produktionslücke, Franken, Inlandinflation) verdichten.
Wandelanleihen, Gold und Duration-Steuerung bleiben taugliche Bausteine. Die international beobachteten Trends – kürzere Duration, selektive Aktienquote, Gold als Diversifikator, Wandelanleihen als Hybrid zwischen Aktien und Anleihen – gelten grundsätzlich auch für CHF-Portfolios, sollten aber um eine bewusste Entscheidung zur Währungsabsicherung von Fremdwährungspositionen ergänzt werden.
Zwei Termine im Kalender markieren. Die Konjunkturprognose des Bundes am Donnerstag und die SNB-Sitzung vom 24. September verdienen besondere Aufmerksamkeit – weniger wegen eines unmittelbaren Zinsentscheids, der mit hoher Wahrscheinlichkeit ausbleibt, sondern wegen der Tonalität zu Wechselkurs- und Inflationsrisiken, die den Kurs für die kommenden Quartale vorzeichnen dürfte.
Fazit: Es gibt kein Entkommen
Die neue geldpolitische Realität ist global und zunehmend synchronisiert: Mit Ausnahme der Schweiz straffen die grossen Notenbanken wieder, statt zu lockern, getrieben von einem Ölschock, einer widerstandsfähigen Konjunktur und einer Inflation, die selbst EZB-Präsidentin Lagarde als länger anhaltend einstuft, als noch vor Kurzem angenommen.
Die Schweiz bleibt dabei die Ausnahme an der Zinsfront – aber nicht die Insel. Der schwächere Franken, die spürbar angezogene Inlandinflation und die bereits deutlich gestiegenen SNB-Zinserwartungen zeigen, dass sich die globale Neuausrichtung längst auch in Schweizer Portfolios bemerkbar macht. Wer hierzulande investiert, tut gut daran, weniger auf das absolute Inflationsniveau zu schauen als auf die Richtung, den Franken und die Tonalität der SNB.
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