Steife Brise und heftige Böen erwartet

Aufziehende Stürme dürften die Börsen im Herbst durchschütteln. (Bild: Shutterstock.com/mgequivalents)
Aufziehende Stürme dürften die Börsen im Herbst durchschütteln. (Bild: Shutterstock.com/mgequivalents)

Der Herbst ist oft stürmisch, auch an den Börsen. Vor allem in der Politik erwartet Burkhard Varnholt von der Credit Suisse in den nächsten Wochen einige Böen. Antizyklisches Anlageverhalten sowie gute Diversifikation seien notwendig.

04.09.2021, 14:46 Uhr

Redaktion: alm

Seit 1917 existiert in den USA eine Schuldengrenze, die vorgibt, wie viele Staatsanleihen das US-Finanzministeriums maximal aufnehmen darf. In der Vergangenheit wurde diese Obergrenze mehr als hundertmal schon nach oben verschoben – meist ohne viel Aufhebens. Denn eine solche Verschiebung bzw. Aussetzung der Schuldengrenze führt weder zu einer Erhöhung der Staatsausgaben, noch autorisiert sie Ausgaben für zukünftige Haushaltsvorschläge. Sie ermöglicht lediglich dem Finanzministerium, bereits politisch verabschiedete Ausgaben zu bezahlen.

"Doch angesichts der Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft werden Erhöhungen der Schuldengrenze, die eine reine Formsache sein sollten, für politische Schaukämpfe instrumentalisiert. Das könnte sich zu einem echten Problem auswachsen: Denn mit der Drohung, der Regierung den Geldhahn abzudrehen, wird auch das unwahrscheinliche, aber schwerwiegende Kollateralrisiko in Kauf genommen, dass die USA in extremis ihre Staatsanleihen nicht mehr bedienen könnten", erklärt Burkhard Varnholt, CIO bei der Credit Suisse Schweiz.

Sollte dieser Fall eintreten, hätte das katastrophale Folgen. US-Staatsschulden sind die wichtigste Anlage der globalen Kapitalmärkte. Die Dominoreaktionen einer formellen Zahlungsunfähigkeit der USA wären gemäss dem Anlagestrategen für das Finanzsystem und für die Weltwirtschaft inklusive der USA verheerend. Bis Ende dieses Monats müssen sich in den USA Senat und Repräsentantenhaus über eine Anhebung der Schuldengrenze von aktuell 22 auf neu 28 Bio. US-Dollar einigen. Denn um diese Summe haben die jüngsten Fiskalgesetze den Finanzbedarf der USA erhöht. Doch das Finanzministerium darf den gesetzlich bereits beschlossenen Verpflichtungen nicht nachkommen, solange es von den beiden zerstrittenen Kongresskammern keine Zustimmung für eine entsprechende Erhöhung der Schuldengrenze erhält. "Gut möglich, dass es dort 2021 erneut zu einem Regierungsstillstand kommen wird. Gewiss werden sich Republikaner und Demokraten dann dafür gegenseitig die Schuld zuweisen. Das Nachsehen haben am Ende die Staatsangestellten – und das Land verliert an internationaler Reputation", warnt Varnholt.

Schutzmechanismen vor "versehentlicher Insolvenz"

Zwei Schutzmechanismen sollen die USA vor einer "versehentlichen Insolvenz" bewahren. Erstens darf das US-Finanzministerium in Zeiten einer Regierungsblockade "ausserordentliche Massnahmen" ergreifen, um Liquidität und Zeit zu gewinnen. Zu diesem Zweck erstellt das überparteiliche Congressional Budget Office (CBO) jeweils Finanzpläne, um der Politik aufzuzeigen, wie lange Geld und Zeit in einem Notfall-Szenario ausreichen würden. Dieses Jahr seien diese Berechnungen jedoch wegen der Pandemie weniger zuverlässig als normal, warnt das CBO und die US-Finanzministerin Janet Yellen. Eine Erhöhung der Schuldengrenze sei deshalb notwendig, um Zahlungsverzögerungen für staatliche Ausgaben und einen Zahlungsausfall der staatlichen Schulden zu verhindern.

Zweitens würde die US-Notenbank (Fed) intervenieren, sollte ein solcher Zahlungsausfall drohen. Denn notfalls könne ein Land, das sich in eigener Währung verschuldet, jeden beliebigen Betrag drucken, um die Schulden zu begleichen, so Varnholt: "Allerdings würden Gläubiger diese Währung anschliessend sehr lange meiden. Wahrscheinlich ist, dass die amerikanische Notenbank im Notfall vorübergehend die Finanzierungsbedürfnisse des Finanzministeriums vollständig über eine speziell geschaffene Fazilität übernehmen würde." Das entspräche einer indirekten Monetisierung und würde sich in einer rechtlichen Grauzone bewegen. Doch es wäre politisch das geringere Übel. Gleichwohl brächte eine solche Intervention hohe Kosten mit sich: Herabstufung von AAA-Ratings, steigende Kapitalkosten, Volatilität an Devisen- und Finanzmärkten, um nur die naheliegenden zu nennen.

Weiterer Government Shutdown erwartet

Seit 1980 kam es in den USA neunmal zu Stillständen der Regierung. Meistens beschränkte sich der Staat bislang darauf, in "nicht systemrelevanten" Geschäftsbereichen, beispielsweise in Museen oder Nationalparks, die Zahlungen einzustellen und Mitarbeitende in unbezahlten Zwangsurlaub zu schicken. Doch bei der letzten Stilllegung der Bundesverwaltung 2018/2019 erhielten vorübergehend insgesamt 800’000 Staatsbedienstete keinen Lohn – darunter auch 420’000 aus "systemrelevanten Bereichen" wie der Polizei, der Feuerwehr oder dem Schulwesen.

"Trotz des politischen und sozioökonomischen Tributs solcher Government Shutdowns legen die knappen Mehrheitsverhältnisse nahe, dass sich das unselige Vabanquespiel in den nächsten Wochen mit unbekanntem Ausgang wiederholen wird. Bei diesem Tauziehen dürfte in erster Linie das umstrittene zweite Infrastrukturpaket über 2.5 Billionen US-Dollar eine Rolle spielen", meint Varnholt.

Ein Herbststurm kommt selten allein

Darüber hinaus kann der CIO bereits weitere Stürme aufziehen sehen. Turbulenzen erwartet er für den Fall, dass Fed-Präsident Jerome Powell im nächsten Frühling unerwarteterweise nicht wieder gewählt werden sollte. Den Wahlen in Deutschland blickt er hingegen entspannter entgegen: "Börsen spiegeln die Erwartungen an Unternehmensgewinne, Zinsen und Währung – meist nehmen Parteiprogramme darauf weniger Einfluss als oft vermutet. So oder so scheint in Berlin eine Koalition von mindestens drei Parteien wahrscheinlich, was die Märkte wiederum mögen, weil es der Politik die Hände bindet", so Varnholt.

Er erwartet zudem, dass weitere Flüchtlingswellen aus Afghanistan und anderen Krisenherden an den Börsen ebenfalls zu spüren sein dürften. Das könnte die Devisenmärkte bewegen, den Euro belasten und einmal mehr den Aufwertungsdruck im Schweizer Franken stärken.

Für Anlegerinnen und Anleger zahlten sich angesichts der aufziehenden Stürme insbesondere gute Diversifikation und ein antizyklischer Anlageprozess aus.

Alle Artikel anzeigen