Wie Investoren die Biodiversität schützen können

Wildbienen sind bedroht. Sie tragen wesentlich zur Artenvielfalt und einem gesunden Ökosystem bei. (Bild: Shutterstock.com/Cherryblossom)
Wildbienen sind bedroht. Sie tragen wesentlich zur Artenvielfalt und einem gesunden Ökosystem bei. (Bild: Shutterstock.com/Cherryblossom)

Auf den ersten Blick mag das Thema weit weg von den Sorgen an den Anlagemärkten sein. Doch das effiziente Management des Naturkapitals ist für die zukünftige Stabilität unserer Volkswirtschaften unerlässlich, sagt Linda Lehmann, Senior Investment Specialist der Genfer Privatbank Gonet.

06.07.2022, 15:04 Uhr

Redaktion: hf

Biodiversität ist in den biologischen Wissenschaften ein Bewertungsmassstab für die Fülle unterschiedlichen Lebens in einem bestimmten Landschaftsraum oder in einem geographisch begrenzten Gebiet. Die biologische Vielfalt bietet der Menschheit das, was Wissenschaftler als Ökosystemleistungen bezeichnen, erläutert Linda Lehmann von der Banque Gonet.

Die Ökosystemleistungen

Es gibt deren vier: Versorgungs-, Regulierungs-, Unterstützungs- und soziokulturelle Leistungen. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Wenn es nicht gelingt, diese von der Natur erbrachten Leistungen zu erhalten, wird es schwierig sein, die 17 Ziele der Uno für nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

Lehmann weist auf den jüngsten Living-Planet-Bericht hin, der eine erhebliche Verschlechterung der durchschnittlichen Artenvielfalt zeigt: Diese ist seit 1970 um 68% zurückgegangen. Dieser Indikator basiert auf der Tatsache, dass die Populationsgrösse einer Art abnimmt, bevor sie verschwindet (vgl. Grafik).

Globaler Living Planet Index 1970 bis 2016

Quelle: WWF Living Planet Report 2020
Quelle: WWF Living Planet Report 2020

Es gibt fünf grosse Bedrohungen, die für die Erosion der biologischen Vielfalt verantwortlich sind: Landnutzungsänderung, Überausbeutung natürlicher Ressourcen, Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten.

Viele Berichte zeigen, wie sehr die Menschheit und die biologische Vielfalt voneinander abhängig sind. Ein Anfang dieses Jahres veröffentlichte WEF-Bericht zeigt, dass der Verlust der biologischen Vielfalt über einen Zehnjahreshorizont das drittgrösste Umweltrisiko darstellt – nach dem Klimawandel und extremen Wetterereignissen.

Wissenschaft warnt schon länger

Eine andere, vom WWF veröffentlichte Studie schätzt die Kosten der Untätigkeit in Bezug auf die Erhaltung des Naturkapitals für die Weltwirtschaft bis 2050 auf zehn Billionen US-Dollar. Umgekehrt würde die Umsetzung von Schutzmassnahmen einen Nutzen in Höhe von 230 Mrd. US-Dollar bringen.

Interessant ist es zu sehen, wie Wissenschaftler im Laufe der Zeit an die Frage der Erhaltung der biologischen Vielfalt herangegangen sind. Dazu gehört beispielsweise Dame Georgina Mace, eine britische Wissenschaftlerin, die sich auf die Auswirkungen des Verlusts der biologischen Vielfalt spezialisiert hat.

Während man sich in den 1960er- und 70er-Jahren für die Natur per se interessierte, standen die 80er- und 90er-Jahre im Zeichen des Schutzes der Natur vor vom Menschen verursachten Schäden. Danach wurde in den Jahren 2000 bis 2005 das Konzept der Ökosystemleistungen entwickelt. Ab 2010 schliesslich entstand der Gedanke der Interdependenz und des gegenseitigen Interesses. Die genannten Zahlen sprechen für sich selbst.

Wie investieren? Vier Optionen

Auf den ersten Blick mag es schwierig erscheinen, sich Anlagelösungen vorzustellen, die sich speziell auf die biologische Vielfalt konzentrieren, sagt die Investmentspezialistin der Genfer Bank. Das würde bedeuten, dass man der Natur auf der Grundlage zuverlässiger und vollständiger Daten einen Wert zuweisen könnte. Das Thema ist erst im Entstehen begriffen, obwohl die Dringlichkeit bekannt ist und von Wissenschaftlern bereits seit den 1960er Jahren betont wird.

"Dennoch gibt es mehrere Investitionsansätze, die als komplementär betrachtet werden können", führt Lehmann weiter aus: Der naheliegendste ist der Ausschluss von Aktivitäten, die die biologische Vielfalt zerstören können – vor allem umweltverschmutzende Industrien oder solche, die mit der Abholzung von Wäldern verbunden sind.

Die zweite, nicht ausschliessliche Option besteht darin, Unternehmen zu belohnen, die zur Erhaltung oder Wiederherstellung von Ökosystemen beitragen, ohne dass dies notwendigerweise im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit steht.

Die dritte Option besteht darin, Unternehmen zu ermitteln, deren Geschäftsmodell auf die Erhaltung der Ökosysteme ausgerichtet ist und die sich für die Zusammenarbeit mit Interessengruppen einsetzen, deren Werte und Visionen übereinstimmen.

Die vierte Option schliesslich ist eine Mischung aus den drei vorangegangenen Optionen, die in Form einer Investition in einen thematischen Fonds für die biologische Vielfalt erfolgen kann. Auch da gibt es mehr oder weniger puristische Ansätze und damit mehr oder weniger Anfälligkeit für Marktschwankungen.

Keine Rechtfertigung für Nichtstun

Es ist schwierig, kotierte Unternehmen zu finden, die sich in erster Linie mit der Erhaltung oder Wiederherstellung von Ökosystemen befassen. Die vorhandenen Lösungen sind zwar noch nicht sehr zahlreich, aber sie stehen dennoch im Mittelpunkt eines Themas, das in den nächsten Monaten an Bedeutung gewinnen dürfte: Im Dezember findet die Uno-Klimakonferenz COP15 statt, die der biologischen Vielfalt gewidmet ist und der Einführung zunehmend strengerer Vorschriften für die Unternehmen zur Berichterstattung über ihre Auswirkungen.

Angesichts der Komplexität der Aufgabe, die gegenseitigen Auswirkungen zwischen Mensch und Natur zu bewerten, gilt es, bescheiden zu bleiben. Es ist Teil einer umfassenderen Debatte, die immer kritischer über nachhaltige Fonds geführt wird. Selbstverständlich können Daten und Methoden noch verbessert werden. Aber dies rechtfertigt nicht, die Hände in den Schoss zu legen und auf die perfekte Lösung zu warten, um nicht von den Kritikern des Greenwashing an den Pranger gestellt zu werden.

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