Wenn das gute Gewissen in die Irre geleitet wird

Daniel Brühwiler, CEO von Global Strategic Capital.
Daniel Brühwiler, CEO von Global Strategic Capital.

Immer mehr Anleger investieren verantwortungsbewusst in nachhaltig agierende Unternehmen. Dabei lohne es sich aber, genau hinzuschauen, denn nicht alle nachhaltigen Finanzprodukte vermögen ihr Versprechen zu halten, findet Daniel Brühwiler von Global Strategic Capital.

17.05.2019, 16:41 Uhr

Redaktion: rem

Der Markt für nachhaltige Anlagen wächst in der Schweiz signifikant. Gemäss der Schweizer Marktstudie "Nachhaltige Anlagen 2018" von Swiss Sustainable Finance (SSF) sind bereits rund CHF 390 Milliarden nachhaltig angelegt. Nachhaltige Anlagen sind damit im Standardgeschäft angekommen und erfreuen sich einer kontinuierlich wachsenden Aufmerksamkeit aller Akteure am Finanzmarkt.

"Nachhaltiges Investieren ist leider auch zu einem Modebegriff geworden", sagt Daniel Brühwiler, CEO von Global Strategic Capital. Die Finanzwelt spreche in diesem Zusammenhang gerne von "Green Money" oder von "Sustainable Investments" und reagiere damit auf ein wachsendes Bedürfnis nach entsprechenden Anlageprodukten. Investitionen im Rahmen sogenannter ESG-Kriterien (Environment, Social Responsibility, Corporate Governance) stehen hoch in der Gunst der Anleger, verbinden sie doch die langfristige ökonomische Wertschöpfung mit dem Konzept der ökologischen und sozialen Verantwortung sowie der ethischen Unternehmensführung. Die Idee dahinter ist sinnvoll: Anleger und Finanzinstitute sollen verantwortungsvoll investieren. Banken und spezialisierte Finanzinstitute sollen dafür die entsprechend nachhaltigen Finanzinstrumente zur Verfügung stellen, erläutert Brühwiler.

ESG-Kriterien mit einem zuweilen fragwürdigen Ansatz

Das ESG-Anlageuniversum steht für Unternehmen, die ökologische Aspekte und die Prinzipien der Nachhaltigkeit beachten und anwenden. Vor diesem Hintergrund hat beispielsweise das amerikanische Analysehaus Dow Jones einen Index (DJSI – Dow Jones Sustainability Index) etabliert, der die Wertentwicklung der weltweit führenden Unternehmen in Punkto unternehmerische Nachhaltigkeit misst. Die DJSI-Indikatoren gelten als wichtige Benchmarks für die Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen auf Grundlage ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Indikatoren.

Brühwiler weist darauf hin, dass sich in besagtem Index allerdings aktuell Unternehmen wie UBS, Peugeot, Allianz, Siemens und Roche, aber auch Titel aus dem Tabakbereich (British Tabacco), alkoholische Getränke (Diageo u.a. mit den Marken Johnnie Walker, Smirnoff und Captain Morgan), Erdölbereich (Schlumberger) und auch aus der Rüstungsindustrie finden. Die Titel in diesem Sustainability Index werden nach einem "Best-in-Class"-Ansatz selektioniert. "Die besten ihrer Kategorie auszuwählen macht Sinn und dagegen kann nichts eingewendet werden. Investoren, die nachhaltig investieren wollen, müssen sich aber über die Zusammensetzung eines entsprechenden Index oder der davon abgeleiteten Produkte im Klaren sein", empfiehlt der CEO von Global Strategic Capital.

Gezielter Ausschluss von Branchen mit Lücken

Neben dem "Best-in-Class"-Ansatz hat sich auch der "Exclusion"-Ansatz etabliert. Bei diesem Ansatz soll bewusst in Investments aus der Waffen-, Tabak-, Alkohol- oder Casino-Industrie verzichtet werden. Gleiches gilt für Unternehmen, die mit Tierversuchen arbeiten oder Firmen, die ihre Produktion auf fossile Energieträger ausgerichtet haben. "Dieser Ansatz ist eigentlich klar und nachvollziehbar", findet Brühwiler. Störend hingegen sei, dass genau in Titel aus diesen Bereichen im oben beschriebenen "Best-in-Class"-Ansatz investiert werde.

Finanzinstitute würden ihre jeweiligen ESG-Angebote intensiv und zuweilen sehr kreativ bewerben. So würden nachhaltige Anlagen etwa unter phantasievollen Labels wie beispielsweise dem "Climate Awarness Index" einer Investmentbank zusammengefasst und den Anlegern, die verantwortungsvoll investieren wollen, verkauft. "Just in diesem Index finden sich dann paradoxerweise Titel grosser Automobil- oder Tourismuskonzerne", kritisiert Brühwiler. Inwieweit solche Investments im Rahmen einer nachhaltigen und ökologischen Strategie Sinn machen, müsse jeder Anleger für sich selbst beantworten.

Eine verbreitete Einteilung der Kriterien für nachhaltige Anlagen erfolgt in ökologische, soziale und in Corporate-Governance-Kriterien. "Dabei werden diese aber nicht immer genau differenziert. Auch variieren die konkreten Kriterien und Massstäbe für nachhaltige Anlagen von Investor zu Investor: Es empfiehlt sich deshalb ein genauer Blick auf die bereits getätigten Anlagen", schliesst Brühwiler seine Betrachtung.

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