Unterschätztes CO2-Risiko bei traditionellen Aktienanlagen

Bild: Pixabay
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Das CO2-Risiko wird bei traditionellen Aktienallokationen weitgehend unterschätzt. Deirdre Cooper und Graeme Baker von Investec AM sind der Ansicht, dass es bedeutende Investitionsmöglichkeiten bei unentdeckten Unternehmen gibt.

08.05.2019, 13:45 Uhr

Redaktion: rem

Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Meldungen und Reportagen über die Folgen des Klimawandels die Öffentlichkeit aufrütteln. Gleichzeitig wird auch der Ruf an die Adresse des Finanzsektors immer lauter, einen Beitrag zur Reduktion des CO2-Fussabdrucks zu leisten. Deirdre Cooper und Graeme Baker, Portfoliomanager der Investec Global Environment Strategy, sind der Ansicht, dass das CO2-Risiko bei traditionellen Aktienallokationen weitgehend unterschätzt wird und bedeutende Investitionsmöglichkeiten in einem Universum unentdeckter Unternehmen besteht – weit entfernt von traditionellen Aktienallokationen wie dem FTSE 100 oder dem MSCI All Country World Index. Sie nennen vier Anlagethemen, die ihre Investitionsentscheidungen bestimmen und mit denen die Investoren bei ihrer Portfoliokonstruktion einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten können.

Unternehmen, die vom Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft profitieren werden

Um vorherzusagen, welche Unternehmen am meisten von Klimarisiken betroffen sein werden, muss laut Cooper und Baker eine beträchtliche Anzahl von Unbekannten bewertet werden, darunter die globale Nachfrage nach unterschiedlichen Energieträgern, die CO2-Preise und Veränderungen im Konsumverhalten. Es sei daher einfacher, Unternehmen zu definieren, die vom Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft profitieren werden.

"Die Gewinner des Energiewandels sind schnell wachsende Unternehmen, die als Motor für tiefgreifende Veränderungen in der Art und Weise, wie Menschen ihre Energie beziehen und nutzen, sorgen werden."

Erfolgreiche Allokationen von Vermögenswerten für nachhaltiges Wachstum, die auf umfassenden Daten basieren und aus dem globalen Umweltuniversum ausgewählt wurden, sollten nicht nur den Zugang zu Wachstumsunternehmen ermöglichen, sondern auch eine wirksame Absicherung gegen das bestehende Kohlenstoffrisiko eines Portfolios darstellen. Dies könne Investoren ermöglichen, effektive Diversifikationsmöglichkeiten abseits der Anlagen zu schaffen, so die Portfoliomanager.

Royal Dutch Shell, Total und BP – Unternehmen, die strukturell dem Energiewandel ausgesetzt sind

Dieses Thema dreht sich um Unternehmen, die aufgrund ihres bestehenden Geschäfts in den Bereichen Energie, Bergbau oder Schwerindustrie strukturell dem Energiewandel ausgesetzt sind. Viele dieser Unternehmen müssen sich fragen, wie ihre Überlebensstrategie aussehen könnte, wenn ihr Endprodukt immer weniger konsumiert wird - und das in einem Sektor, der zwar bedeutende Cashflows und Dividenden generiert, aber für grosse CO2-Emissionen verantwortlich ist. "Unser Prozess sucht nach Unternehmen, die aktiv Expertise in den Bereichen erneuerbare Energien und integrierte Energielösungen entwickeln und ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln", erklären Cooper und Baker. Dazu dürften ein verstärkter Fokus auf Erdgas, ein deutlicher Rückgang der ölbezogenen Investitionen und der Wille gehören, überschüssige Barmittel in Form von Dividenden und Rückkäufen an die Aktionäre zurückzugeben. Die besten Beispiele dafür sind aus Sicht der Investec-Experten die europäischen integrierten Konzerne wie Royal Dutch Shell, Total und BP.

Alle drei Unternehmen beteiligen sich direkt an Solar-, Wind-, Elektrofahrzeug-, und der Batterietechnologie sowie Biokraftstoffen. Sie wollen ihre Öl- und Gasaktivitäten weg vom kostspieligen Öl hin zum Gas ausrichten. Dazu haben sie sich mit Aktionären und Interessengruppen über die Entwicklung ihrer Geschäftsmodelle, über die Messung von Emissionen und die Ausrichtung am Pariser Klimaabkommen unterhalten.

"Wir glauben, dass ein systematisches Engagement seitens der Aktionäre zu einem wesentlichen Wandel führen kann, wie diese Unternehmen ihr Geschäft führen, und dass dies ein effektiverer Weg ist, das CO2-Risiko zu managen, statt nur CO2-Unternehmen zu verkaufen."

Kohlenstoffrisiko: Messen, entwickeln und überleben – oder verkaufen

Kohle ist heute weltweit teurer als erneuerbare Energien, und diese Kluft wird sich vergrössern. Das unterstreicht sowohl die finanziellen als auch die ökologischen Risiken von Investitionen in Kohle. Kohle exportierende Länder werden laut den Cooper und Baker ebenso betroffen sein wie Bergbau- oder Energieunternehmen. Hochpreisiges Öl und Gas sowie Versorgungsunternehmen, die sich auf Kohlenstoff konzentrieren, werden ebenfalls negativ vom Übergang zu einer CO2-ärmeren Zukunft beeinflusst werden.

"Für diejenigen Energieunternehmen, denen die Fähigkeit oder der Wille zur Entwicklung fehlt, erwarten wir, dass der Energieübergang zunehmend darwinistisch verläuft." Investoren werden sie vermeiden und in einigen Fällen aktiv veräussern."

Wichtig sei, so die Portfoliomanager, dass das Kohlenstoffrisiko nicht nur für Unternehmen besteht, die Öl, Gas und Kohle fördern. Andere Unternehmen, die fossile Brennstoffe als Ausgangsstoffe für die Produktion verwenden, kohlenstoffintensive Lieferketten benötigen oder kohlenstoffintensive Produkte herstellen, seien ebenfalls gefährdet. Dies führe zu der Notwendigkeit einer besseren Offenlegung und besserer Daten von Unternehmen, um ein umfassendes Verständnis der CO2-Emissionen zu gewährleisten.

Die "Green Bubble" vermeiden

Da ein Exposure in Kohle, hochpreisigem Öl und Gas sowie kohlenstoffintensiven Versorgungsunternehmen langfristig nachteilig sei, erwarten die Experten eine Wertvernichtung, für die der Begriff "Green Bubble" angemessen sei. Dabei handle es sich um Unternehmen und Vermögenswerte, die der Dekarbonisierung des globalen Energiesystems ausgesetzt zu sein scheinen, sich aber wirtschaftlich gesehen als unrentabel erweisen werden. Die Herausforderung für Investoren bestehe darin, zwischen "Sustainable Growth" und "Green Bubble" zu unterscheiden: Beide Gruppen sind laut Cooper und Baker den gleichen Branchentrends ausgesetzt, aber sie erwarten sehr unterschiedliche Anlageergebnisse.

"Wir suchen Unternehmen mit strukturellem Wachstum, nachhaltiger Rendite und Wettbewerbsvorteilen, definiert durch Marktanteil und Technologie."

Wie die beiden Portfoliomanager weiter ausführen, werden "Green Bubble"-Unternehmen sich durch niedrige Eintrittsbarrieren, keinen Kostenvorteil und niedrige Renditen auszeichnen. Diese Geschäfte werden ein "profitloses Wachstum" verzeichnen und keine nachhaltigen Renditen für die Aktionäre liefern. Ein gutes Beispiel dafür könnten qualitativ schlechte Solarpanels sein, ebenso wie Teile der Batterie-Wertschöpfungskette.

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