5G-Konflikt zwischen USA und China spaltet globale Lieferketten

5G bietet insbesondere bei aktivem Management langfristig attraktive Investitionschancen. (Bild: Shutterstock.com/Suwin)
5G bietet insbesondere bei aktivem Management langfristig attraktive Investitionschancen. (Bild: Shutterstock.com/Suwin)

Weltpolitische Spannungen und der Handelskonflikt zwischen den USA und China könnte die 5G-Lieferketten künftig aufspalten. Die sind bislang noch recht übersichtlich – Huawei aus China beherrscht die 5G-Infrastruktur, Qualcomm aus den USA die Chip-Herstellung. Das ist jedoch schon bald passé, ist Yan Taw Boon von Neuberger Berman überzeugt.

26.06.2020, 10:32 Uhr

Redaktion: alm

Die immer grössere wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung von 5G zeigt sich schon darin, dass selbst in dieser ereignisreichen Zeit sehr viel darüber berichtet wird. Schon vor der Coronakrise hiess es aus der Branche, dass Home Office, Connected Entertainment und Telemedizin boomen würden, sobald sich 5G etabliert habe. Durch Corona ist die Nachfrage aber schon jetzt explodiert, denn die Erfahrungen mit schwachen 4G-Verbindungen haben die 5G-Einführung noch dringlicher gemacht. So die Beobachtungen von Yan Taw Boon, Portfoliomanager des Neuberger Berman 5G-Connectivity-Fonds.

Zugleich geht der Konflikt zwischen den USA und China in die nächste Runde. Einmal mehr geriet das chinesische Unternehmen Huawei, einer der weltweit führenden Anbieter von 5G-Infrastruktur, ins Visier: Die US-Regierung versucht jetzt noch intensiver, Huawei von seinen weltweiten Zulieferern abzuschneiden. Nicht-amerikanische Unternehmen brauchen jetzt eine Genehmigung, um US-Technolgien und US-Software an Huawei liefern zu dürfen. Auch ist Huaweis CFO Meng Wanzhou letzten Monat mit ihrem Versuch gescheitert, ihre Auslieferung von Kanada an die USA zu verhindern, wo man ihr Betrug und die Verletzung von Sanktionen vorwirft.

Huawei ist gewappnet

Doch diese Spannungen sind nichts Neues. Erstmals war Wanzhou vor gut 18 Monaten festgenommen worden und bereits vor über einem Jahr haben die USA ihr eigenes 5G-Unternehmen Qualcomm gezwungen, sich Lieferungen an Huawei genehmigen zu lassen. Huawei nutzt daher schon jetzt weniger Qualcomm-Chips und entwickelt mit seiner Tochtergesellschaft HiSilicon eigene. Sie sollen von asiatischen Produzenten wie Taiwan Semiconductor Manufacturing hergestellt werden.

Weil die neuen US-Exportkontrollen das erschweren könnten, hat Huawei aber auch seine Beziehungen zu anderen chinesischen Chip-Herstellern und -Entwicklern wie MediaTek und Unisoc ausgebaut. "Es gibt kaum Zweifel daran, dass vor allem die 5G-Chips von MediaTek von ähnlicher Qualität sein werden wie die der internationalen Wettbewerber", kommentiert Boon diese Qualcomm-Alternative.

5G-Allianz gegen China

Gleichzeitig macht gerade die chinesische Chip-Produktion anderen Ländern Sorgen. So ist die starke Abhängigkeit von Huawei bei der 5G-Infrastruktur ein welt- und sicherheitspolitisch sensibles Thema. Am ausgeprägtesten sind die Bedenken in Grossbritannien und Kontinentaleuropa, wo die integrierte Mobiltechnologie schon weit fortgeschritten ist. Gerade erst hat Grossbritannien mitgeteilt, die Rolle von Huawei bei 5G erneut prüfen zu wollen. Das Land brachte eine "5G-Allianz der Demokratien" ins Gespräch, um weniger chinesische Technologie zu nutzen. Deshalb ist Boon überzeugt: "Die bislang sehr übersichtliche weltweite Lieferkette – Huawei beherrschte die 5G-Infrastruktur, Qualcomm die Chip-Herstellung – könnte deshalb bald passé sein. Denkbar ist eine Aufteilung nach Ländern und auch eine noch weitere Fragmentierung ist nicht auszuschliessen."

Unter den Chip-Entwicklern und -Herstellern dürften chinesische Firmen weiter vom Rückzug von Qualcomm profitieren. Zudem glaubt Boon, dass sich die asiatischen Unternehmen von der zusätzlichen Bürokratie nicht abschrecken lassen und Huawei weiter beliefern werden. Letzteres könnte den Unternehmen, welche die von Huawei hinterlassene Lücke in der europäischen 5G-Infrastruktur füllen, Vorteile bringen.

Huawei dürfte bei der 5G-Infrastruktur in China führend bleiben. In Europa bieten sich durch die jüngsten Entwicklungen neue Chancen für Nokia und Ericsson. Aber auch für Samsung entstehen neue Möglichkeiten – vielleicht sogar in Europa und den USA – höchstwahrscheinlich aber in Indien und dem übrigen Asien.

5G-Investitionen mit enormem Potenzial

Wem das alles zu kompliziert erscheint, sollte sich eines klarmachen: 5G wird durch diese Entwicklungen vom gleichen eisernen Vorhang geteilt wie die übrige digitale Welt – mit Google, Facebook, WhatsApp und Amazon auf der einen Seite und Baidu, Tencents WeChat und Alibaba auf der anderen.

All dies macht 5G zu einem besonders komplexen, vielfältigen und dynamischen Investment-Thema, das passive 5G-Anlagen erschwert. "Damit Anleger vom 5G-Megatrend profitieren können, halten wir ein aktives Management für sinnvoll, da das 5G-Investmentuniversum rasant wächst und sich weiterentwickelt", sagt Boon. Dazu sind umfassende Branchenkenntnisse sowie ein Verständnis der 5G-Wertschöpfungskette wichtig. Denn nur so können Unternehmen identifiziert werden, die fähig sind, aus 5G Kapital zu schlagen. Gemäss Boon gehören dazu auch Unternehmen, die nicht im Technologiesektor tätig sind und 5G-bezogene Produkte herstellen, wie zum Beispiel Medical-Connected-Healthcare- oder Mobile-Insurance-Angebote.

Schätzungen zufolge wird 5G bis 2035 Wirtschaftspotenziale in Höhe von 13,2 Bio. US-Dollar freisetzen und über 22 Mio. Arbeitsplätze schaffen. Auf Basis dieser Prognose ist Boon überzeugt, dass die 5G-Konnektivität potenziell eines der grössten und wichtigsten Wachstums-Investitionsthemen seit Jahrzehnten ist.

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