BX Swiss: «Anleger bleiben investiert, aber wollen ihre Portfolios robuster aufstellen»

Selektive Risikobereitschaft prägt derzeit das Geschehen an der BX Swiss: David Kunz, CIO der BX Swiss Exchange, erläutert im Interview, was hinter dem differenzierteren Handelsverhalten steht, wo die Unterschiede zwischen Gewinnern und Verlierern im Technologiesektor liegen.

28.05.2026, 10:35 Uhr
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Redaktion: asc

Die Handelsaktivität an der BX Swiss zeigt derzeit eine klare Präferenz für Qualitätstitel, globale Diversifikation und defensive Werte. Was sagt dieses Anlegerverhalten über die aktuelle Marktstimmung aus?

Die Handelsaktivität an der BX Swiss deutet auf eine Marktstimmung hin, die zwar weiterhin konstruktiv, aber selektiver ist. Die Handelsdaten zeigen Interesse an strukturellen Wachstumsthemen wie Technologie, künstlicher Intelligenz und Halbleitern, zugleich aber auch an Qualität, Diversifikation und möglichen Absicherungsbausteinen.

Auffällig ist dabei die Kombination aus Schweizer Qualitätswerten wie ABB, Swiss Re, Alcon, Adecco und Nestlé, breit diversifizierten Welt-ETFs, Edelmetallprodukten sowie ausgewählten Technologie- und Krypto-Instrumenten. Dieses Muster spricht nicht für einen pauschalen Risikoabbau, sondern für eine gezielte Portfoliosteuerung: Wachstumschancen bleiben gefragt, werden aber durch defensive Bausteine und Absicherungsinstrumente ergänzt.

KI- und Technologietitel bleiben stark im Fokus. Gleichzeitig investieren Anleger deutlich selektiver als noch vor einem Jahr. Weshalb wird heute stärker zwischen einzelnen Unternehmen unterschieden?

Der Technologiesektor bleibt für viele Anlegerinnen und Anleger ein zentrales Thema, doch die Marktphase hat sich verändert. Während im vergangenen Jahr häufig bereits die Nähe zu künstlicher Intelligenz, Halbleitern oder Cloud-Infrastruktur ausreichte, um starkes Interesse auszulösen, wird heute genauer geprüft, welche Unternehmen aus diesen Trends tatsächlich nachhaltige Erträge ableiten können.

Im Vordergrund steht deshalb weniger das Thema KI an sich, sondern die Qualität der Umsetzung. Marktteilnehmer achten stärker darauf, ob ein Unternehmen technologische Relevanz auch in Umsatzwachstum, Preissetzungsmacht, wiederkehrende Erträge und solide operative Ergebnisse übersetzen kann. Gleichzeitig spielen Bewertung und Erwartungshaltung eine grössere Rolle: Je höher die Vorschusslorbeeren, desto stärker wird geprüft, ob die Geschäftsentwicklung diese Erwartungen rechtfertigt.

Die Handelsdaten an der BX Swiss deuten entsprechend darauf hin, dass Anlegerinnen und Anleger Technologie weiterhin als wichtiges strukturelles Wachstumsthema betrachten, aber nicht mehr pauschal kaufen. Gefragt sind eher Geschäftsmodelle, bei denen Wachstum, Profitabilität und Planbarkeit in einem überzeugenden Verhältnis stehen.

Microsoft wurde im April klar bevorzugt, während Intel und AMD eher gemieden wurden. Welche Faktoren machen derzeit den Unterschied zwischen Gewinnern und Verlierern im Technologiesektor aus?

Die Handelsdaten zeigen, dass Anleger im Technologiesektor derzeit sehr differenziert vorgehen. Microsoft wurde im April mehrheitlich gekauft, während Intel und AMD überwiegend verkauft wurden. Das deutet darauf hin, dass Marktteilnehmer nicht nur auf das übergeordnete KI-Thema schauen, sondern sehr genau zwischen unterschiedlichen Geschäftsmodellen, Ertragsprofilen und Risikofaktoren unterscheiden.

Bei Microsoft dürfte aus Anlegersicht eine Rolle spielen, dass das Unternehmen in mehreren strukturellen Wachstumsfeldern positioniert ist – etwa Cloud, Software, künstliche Intelligenz und Unternehmensanwendungen – und gleichzeitig über ein breit abgestütztes, wiederkehrendes Ertragsmodell verfügt. Solche Eigenschaften können in einem selektiveren Marktumfeld als Qualitätsmerkmale wahrgenommen werden.

Intel und AMD werden dagegen stärker mit dem Halbleiterzyklus, hohen Investitionen, intensivem Wettbewerb, technologischen Produktzyklen und teils höheren Erwartungen an künftiges Wachstum verbunden. Gerade in Segmenten, die stark von Nachfragezyklen, Margenentwicklung und Investitionsbedarf abhängen, reagieren Anleger sensibler auf Unsicherheiten.

Dabei ist wichtig: Die Handelsaktivität zeigt eine Momentaufnahme des Anlegerverhaltens an der BX Swiss und sagt nichts über die künftige Kursentwicklung einzelner Titel aus. Sie zeigt vielmehr, dass Anlegerinnen und Anleger innerhalb des Technologiesektors zwischen unterschiedlichen Geschäftsmodellen und Risikoprofilen differenzieren.

Nvidia bleibt eines der zentralen KI-Themen an den Märkten. Spüren Sie bei Anlegern bereits erste Ermüdungserscheinungen bei hoch bewerteten KI-Aktien?

Wir sehen bei Nvidia weniger eine grundsätzliche Abkehr vom Thema KI als vielmehr ein ausgeglicheneres Handelsbild. Nvidia zählt nach wie vor zu den stark beachteten Titeln im KI- und Halbleitersegment. Gleichzeitig sind die Erwartungen an viele KI-nahe Unternehmen nach der starken Marktentwicklung gestiegen.

Bei stark beachteten Wachstumswerten reagieren Marktteilnehmer häufig sensibler auf Faktoren wie die Margenentwicklung, Auftragseingänge, Kapazitäten, den Wettbewerb und Aussagen zum weiteren Geschäftsausblick. Dies kann zu Gewinnmitnahmen oder zu einem zurückhaltenderen Handelsverhalten führen, ohne dass das übergeordnete Interesse am KI-Thema grundsätzlich nachlässt.

In den letzten Wochen wurde Nvidia nahezu ausgeglichen gehandelt, mit einem Buy-Anteil von 49 Prozent. Dies muss nicht zwingend als Desinteresse gewertet werden, sondern kann auch Ausdruck einer vorsichtigeren Haltung sein. Es zeigt sich, dass KI-nahe Titel trotz hoher Aufmerksamkeit differenziert gehandelt werden.

Versicherungswerte wie Swiss Re oder Zurich Insurance standen zuletzt hoch im Kurs. Warum gewinnen defensive Qualitätsaktien gerade jetzt wieder an Attraktivität?

Versicherungswerten werden häufig Eigenschaften wie stabile Geschäftsmodelle, solide Kapitalausstattung und regelmässige Ausschüttungen zugeschrieben. Zudem können höhere Zinsen für Teile des Geschäfts unterstützend wirken. Die Handelsdaten zeigen, dass Swiss Re und Zurich Insurance in den letzten Wochen stark nachgefragt waren. Dies spricht für ein erhöhtes Interesse an defensiveren Qualitätswerten, ohne dass sich daraus eine Aussage zur künftigen Entwicklung einzelner Titel ableiten lässt.

Viele Anleger setzen weiterhin auf breit diversifizierte Welt-ETFs. Ist das ein Zeichen dafür, dass trotz geopolitischer Unsicherheiten grundsätzlich weiterhin Vertrauen in die Aktienmärkte besteht?

Ja, allerdings mit einer wichtigen Einschränkung. Die Nachfrage nach Welt-ETFs zeigt, dass Anleger weiterhin langfristig an den globalen Aktienmärkten partizipieren möchten. Gleichzeitig ist die Wahl breit diversifizierter Produkte ein Zeichen dafür, dass viele keine zu konzentrierten Einzelwetten eingehen wollen.

Welt-ETFs stehen für einen pragmatischen Ansatz: Investiert bleiben, aber Risiken über Regionen, Branchen und Währungen breiter streuen. Das passt gut zu einem Umfeld, in dem es zwar Unsicherheiten gibt, aber auch weiterhin strukturelle Wachstumsthemen wie KI, Digitalisierung, Infrastruktur, Gesundheit und globale Konsumtrends bestehen.

Gleichzeitig waren Edelmetalle stark gefragt. Welche Rolle spielen Gold und Silber aktuell im Portfolio vieler Anleger?

Gold und Silber können im Portfolio als mögliche Absicherungsbausteine dienen. Die Nachfrage nach Edelmetallprodukten deutet darauf hin, dass Anlegerinnen und Anleger neben Aktien- und Wachstumsthemen auch Stabilitäts- und Diversifikationselemente berücksichtigen.

Gold bleibt dabei klassischerweise der defensive «Safe Haven». Silber hat zusätzlich eine industrielle Komponente und kann deshalb stärker von Konjunktur- und Technologiethemen beeinflusst werden. Die Nachfrage nach Edelmetallprodukten zeigt, dass Anleger zwar investiert bleiben, aber ihre Portfolios robuster aufstellen möchten.

Energie- und Rohstofftitel verloren zuletzt an Dynamik, während Technologie wieder stärker gesucht wurde. Welche Erwartungen der Anleger spiegeln sich darin wider?

Die rückläufige Handelsaktivität bei Energie- und Grundstofftiteln bei gleichzeitig höherer Aktivität im Technologiesektor kann darauf hindeuten, dass Anlegerinnen und Anleger derzeit stärker zwischen zyklischen, rohstoffnahen Themen und strukturellen Wachstumsthemen unterscheiden.

Energie- und Rohstoffwerte werden häufig von Faktoren wie Rohstoffpreisen, Inflationsentwicklung, Angebotslage und geopolitischen Risiken beeinflusst. Wenn die Handelsaktivität in diesen Bereichen zurückgeht, kann dies darauf hinweisen, dass Marktteilnehmer kurzfristige Impulse aus diesen Themen zuletzt weniger stark gewichtet haben.

Technologiewerte werden dagegen häufig mit langfristigen Themen wie künstlicher Intelligenz, Automatisierung, Cloud-Infrastruktur und Digitalisierung verbunden. Die höhere Aktivität im Technologiesektor spricht daher dafür, dass solche strukturellen Wachstumsthemen weiterhin Aufmerksamkeit erhalten. Gleichzeitig zeigen die Handelsdaten, dass Anlegerinnen und Anleger auch innerhalb des Technologiesektors selektiv vorgehen.

Höhere Zinsen belasten weiterhin zinssensitive Bereiche wie Immobilien. Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung an den Zinsmärkten ein?

Die Zinsmärkte sind nach wie vor ein wichtiger Einflussfaktor für viele Anlageklassen. Veränderungen der Renditen sind insbesondere für zinssensitive Bereiche wie Immobilien, Infrastruktur oder wachstumsstarke Unternehmen mit hohen erwarteten zukünftigen Cashflows relevant, da sie die Finanzierungskosten und das Bewertungsniveau beeinflussen können.

Der weitere Zinspfad dürfte stark von Inflation, Lohnentwicklung, Konjunkturdaten und der Kommunikation der Zentralbanken abhängen. Entsprechend bleibt die Zinssensitivität ein wichtiges Thema bei der Einordnung des Marktumfelds.

Wenn Sie das aktuelle Anlegerverhalten zusammenfassen müssten: Welche Trends und Prioritäten dominieren derzeit die Märkte?

Insgesamt ergibt sich somit ein Marktbild, das von selektiver Risikobereitschaft geprägt ist. Die Handelsdaten zeigen einerseits weiterhin Interesse an strukturellen Wachstumsthemen, andererseits aber auch an Diversifikation, Qualitätswerten und möglichen Absicherungsbausteinen. Sie deuten somit nicht auf einen einseitig defensiven Markt hin, sondern auf ein bewusst gesteuertes Vorgehen in einem anspruchsvollen Umfeld.

Welche Investmentthemen dürften im Jahr 2026 besonders relevant werden?

Für das aktuelle Jahr zeichnen sich mehrere Themen ab, die an den Märkten aufmerksam verfolgt werden dürften. Dazu gehören mögliche Börsengänge. Im Fokus könnten vor allem Unternehmen aus den Bereichen Technologie, künstliche Intelligenz, Dateninfrastruktur, Fintech, digitale Plattformen und Raumfahrt stehen. Als potenzielle IPO-Kandidaten werden am Markt unter anderem SpaceX, Databricks, Stripe, Revolut, Canva, Discord, Anduril sowie KI-nahe Unternehmen wie OpenAI oder Anthropic gehandelt. Zeitpunkt, Börsenplatz und Bewertung sind jedoch vielfach noch unklar.

Daneben bleiben strukturelle Themen wie künstliche Intelligenz, Cloud-Infrastruktur, Halbleiter, Cybersicherheit und Automatisierung relevant. Auch die Geldpolitik, geopolitische Risiken, Deglobalisierung, Verteidigungsausgaben und die Versorgungssicherheit werden weiterhin aufmerksam verfolgt werden. Insgesamt spricht vieles dafür, dass mehrere parallele Themenfelder das Marktumfeld prägen werden, wobei Bewertung, Qualität und Risikomanagement bei der Einordnung eine wichtige Rolle spielen werden.

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