Finanzielle Lage des Vorsorgesystems: Der Schein trügt

Mit der beschleunigten Alterung der Bevölkerung muss das Vorsorgesystem immer mehr Kapital auszahlen, als es einnimmt. (Bild: Shutterstock.com/Khongtham)
Mit der beschleunigten Alterung der Bevölkerung muss das Vorsorgesystem immer mehr Kapital auszahlen, als es einnimmt. (Bild: Shutterstock.com/Khongtham)

Die starke Performance der Finanzmärkte im Corona­-Jahr lässt die finanzielle Lage des Vorsorgesystems laut dem UBS­-Vorsorgeindex Schweiz robuster erscheinen, als sie langfristig ist. Die Alterung der Bevölkerung schreitet weiter voran, während die Reform­diskussion um die 1. und 2. Säule durch den Lockdown länger andauern wird als geplant.

19.03.2021, 12:15 Uhr

Redaktion: rem

Mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lockdown, der das zweite Quartal 2020 prägte, erreichte der UBS-Vorsorgeindex Schweiz den schlech­testen Stand seit Messbeginn. In den Folgemonaten setzten die Finanzmärkte jedoch zu einer beispiellos starken Aufholjagd an, die den AHV­- und BVG­-Einrichtungen ein unerwartet gutes Endjahresresultat bescherte.

Entsprechend konnte sich der Finanzensubindex erholen und im zweiten Halbjahr positiv zum Gesamtindex beitragen. Der Wirtschaftsindikator war hingegen in allen vier Quartalen stark negativ und insgesamt der grösste Treiber im Jahr 2020, wie aus dem UBS­-Vorsorgeindex Schweiz hervorgeht.

Der Subindex Demografie zeigt, dass sich die Alterung der Bevölke­rung trotz erhöhter Sterberaten – hauptsächlich bei den älteren Generationen – weiter beschleunigt. Ausser­dem dürfte sich laut den UBS-Ökonomen die Migration verlangsamt haben, was die Bevölkerungsstruktur aus Sicht des Vorsorgesystems zusätzlich unvorteilhaft beeinflusst, da zumeist Menschen im Erwerbsalter in die Schweiz kommen und diese oftmals vor dem Rentenalter wieder verlassen.

In Sachen Reformen wurde es zunächst still, da Parlament und Bundesrat AHV­- und BVG­-Anliegen hinter Corona anstellten. Einziger Licht­blick blieb die Annahme der Motion Ettlin, die in naher Zukunft den nachträglichen Einkauf in die Säule 3a ermög­lichen soll.

Vorsorgeindex: Wirtschaftlicher Lockdown hinterlässt deutlich negative Spuren

Quellen: Bloomberg, BFS, EFV, UBS
Quellen: Bloomberg, BFS, EFV, UBS

Eines der schlechtesten Jahre

Der Wirtschaftssubindex wiegt am schwersten auf dem Gesamtindex. Die Schweizer Wirtschaft hatte 2020 eines der schlechtesten Jahre seit hundert Jahren. Gleichzeitig wurden viele Massnah­men zur Abschwächung dieses Schocks eingeführt. Die Kurzzeitarbeit beispielsweise führte dazu, dass die Arbeits­losenquote nur langsam stieg. Dennoch verschlechterten sich die Arbeitsmarktbedingungen. "Die lebenserhaltenden Medikamente sind zudem nicht gratis – die steigenden Staatschulden drücken auf den Nachhaltigkeitsindikator", geben die UBS-Ökonomen zu bedenken. Zusätzlich wurde – wie so oft in Krisenzeiten – der Schweizer Franken verstärkt nachgefragt. Auch wenn die Schwei­zerische Nationalbank (SNB) eine deutliche Aufwertung gegenüber dem Euro zu verhindern vermochte, belastete dies den Wettbewerbsindikator.

Der Immobilienindex ist schon seit Längerem negativ, vor allem weil die Preis­dynamik, wenn auch positiv, kontinuierlich an Schwung verliert. Wie der Vorsorgeindex weiter zeigt, konnte einzig die Wirtschaftsdynamik im zweiten Halbjahr positiv glänzen. Insbesondere im dritten Quartal war eine Euphorie nach dem Lockdown ersichtlich, das vierte Quartal allerdings wurde schon wieder durch erneute Restriktionen gedämpft.

Wirtschaftslage deutlich negativ

Der Subindex Wirtschaftsentwicklung widerspiegelt die für die Vor­sorgesysteme relevanten Veränderungen des generellen Wirtschafts­umfelds in der Schweiz. Quellen: BFS, Bloomberg, UBS
Der Subindex Wirtschaftsentwicklung widerspiegelt die für die Vor­sorgesysteme relevanten Veränderungen des generellen Wirtschafts­umfelds in der Schweiz. Quellen: BFS, Bloomberg, UBS

Vorsorgesystem blutet

Der demografische Trend ist deutlich und auch am klarsten vorhersehbar: Die Alterung der Schweizer Bevölkerung beschleunigt sich stetig. Dies führt zum einen zu einem Vorsorgesystem, das immer mehr Kapital auszahlen muss, als es einnimmt. Zum anderen belastet es die wirtschaftliche Entwicklung, die wiederum zur Sicherstellung der Einnahmen wichtig ist. Teilweise kann dies durch die Migration von Personen im Erwerbsalter aufgefangen werden.

"Wie genau sich nun die Corona­-Krise auf die demografische Entwicklung auswirkt, verlangt eine verlässlichere Datenbasis als zurzeit vorhan­den", so die Experten. Dies, weil die Krise noch nicht völlig überstanden und die langfristigen Folgen noch nicht ganz klar sind. Aktuell sehe es allerdings danach aus, als ob auch Covid­-19 den Trend zu mehr Rentnern und gleichzeitig weniger Erwerbs­tätigen nicht grundlegend verändern werde.

Alterung schreitet weiter voran

Der Subindex Demografie quantifiziert die demografische Entwick­lung in der Schweiz. Da strukturelle Veränderungen bei der Migration und den Lebendgeburten nicht direkt oder erst verzögert in den Altersquotienten einfliessen, werden diese zusätzlich berücksichtigt. Quellen: BFS, UBS
Der Subindex Demografie quantifiziert die demografische Entwick­lung in der Schweiz. Da strukturelle Veränderungen bei der Migration und den Lebendgeburten nicht direkt oder erst verzögert in den Altersquotienten einfliessen, werden diese zusätzlich berücksichtigt. Quellen: BFS, UBS

Finanzen: Der Schein trügt

Die finanzielle Lage der drei Säulen der Schweizer Alters­vorsorge glich in den letzten Quartalen einer Achterbahn­fahrt. Mit dem Einbruch der Finanzmärkte litten die Investitionen des AHV­-Ausgleichsfonds und der Pensions­kassen. Vor allem die Finanzen der 1. Säule konnten im weiteren Jahresverlauf aufholen. Dies sollte aber nicht dar­über hinwegtäuschen, so die UBS-Ökonomen, dass auch mit diesem Ergebnis die neusten Prognosen des BSV ein Versiegen des Ausgleichs­fonds in ungefähr 15 Jahren erwarten.

Auch die Pensions­kassen konnten im Durchschnitt solide Renditen erwirt­schaften und ihre Sollrendite erzielen. Dennoch ist deren Performance gemessen am Rekordjahr 2019 weit weniger eindrucksvoll als die der AHV, weshalb die 2. Säule im Index negativ in allen Quartalen erscheint. "Man konnte 2020 deutlich beobachten, dass viele Menschen in unsi­cheren Zeiten zunächst das freiwillige Vorsorgesparen auf die lange Bank schieben. Wie an der 3. Säule ersichtlich, wurde das freiwillige Vorsorgesparen aber mit dem Aufschwung der Wirtschaft erfreulicherweise schnell wieder aufgenommen", stellen die Experten fest.

Vorsorge-Finanzen: Sollrendite erreicht

Der Subindex Finanzen bildet Veränderungen bezüglich der Nach­haltigkeit der Finanzierung bei der 1., 2. und 3. Säule des Schweizer Vorsorgesystems ab. Quellen: BSV, compenswiss, Pictet, SNB, BFS, UBS
Der Subindex Finanzen bildet Veränderungen bezüglich der Nach­haltigkeit der Finanzierung bei der 1., 2. und 3. Säule des Schweizer Vorsorgesystems ab. Quellen: BSV, compenswiss, Pictet, SNB, BFS, UBS

Verzögerte Reformen

Für alle drei Säulen wird seit Monaten leidenschaftlich über Reformen diskutiert. Bedingt durch die Covid­-19­-Krise gab es im Parlament allerdings wenig Raum, um über konkrete Gesetzesentwürfe zu beraten. Die AHV­-Reform, deren Name "AHV 21" daher stammt, dass sie 2021 schon hätte in Kraft treten sollen, wird nun erst 2021 im Parla­ment behandelt. Die umstrittene BVG­-Reform, deren Botschaft im Frühjahr 2020 an die beiden Räte hätte über­geben werden sollen, wurde mit mehr als einem halben Jahr Verspätung und ohne Anpassung der in der Vernehm­lassung aufgekommenen Kritikpunkte eingereicht. Auch diese Vorlage wird somit erst in den nächsten Monaten debattiert.

"Jedoch fördern diese beiden Vorlagen – vor allem die der beruflichen Vorsorge – nicht das Prinzip, auf dem die drei Säulen beruhen: ein faires Zusammenspiel durch eine umlagefinanzierte 1. Säule, eine kapitalge­deckte 2. Säule und eine freiwillige 3. Säule", sagen die UBS-Ökonomen. Dadurch nehme die Dynamik des Reformindex leicht ab. Einzig in der 3. Säule wurde im Jahr 2020 ein Fortschritt erzielt. Bald schon soll es möglich sein, verpasste Sparbeiträge nachholen zu können, was die Eigenverantwortung stärken werde.

Reformvorhaben durch Corona-Krise verlangsamt

Der Subindex Reformen erfasst Fort­schritte und Rückschritte auf der Regulie­rungsseite, um das Vorsorgesystem nachhaltig zu gestalten. Untersucht werden die Dimensionen Effizienz der Sozialversicherungen, Umvertei­lung zwischen Generationen und Stärkung des Versicherungsprinzips. Quelle: BFS
Der Subindex Reformen erfasst Fort­schritte und Rückschritte auf der Regulie­rungsseite, um das Vorsorgesystem nachhaltig zu gestalten. Untersucht werden die Dimensionen Effizienz der Sozialversicherungen, Umvertei­lung zwischen Generationen und Stärkung des Versicherungsprinzips. Quelle: BFS
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