02.04.2026, 08:53 Uhr
Manuel Fuchs ist Head of Wholesale & ETF Distribution Switzerland bei Invesco und verfügt über 20 Jahre Erfahrung in der Vermögensverwaltungsbranche. Zuvor war er bei Credit Suisse und UBS tätig. Im Interview...
Vorteil Schweiz: Was sich derzeit bei Banken und Vermögensverwaltern zwischen Zürich und Genf abspielt, ist nach Einschätzung von Experten eine der bedeutendsten privaten Kapitalumlenkungen der jüngsten Geschichte. Wie nachhaltig ist der Schub? Und was sind die Folgen für den Franken?
Als in den frühen Morgenstunden des 28. Februar 2026 die ersten US-israelischen Raketen über dem iranischen Luftraum einschlugen, begann in den Chefetagen von Genfer Privatbanken und Zürcher Family-Office-Beratern ein anderer Countdown: Wie schnell lässt sich das Kapital der Golf-Elite in Sicherheit bringen?
Die Antwort kam schneller als erwartet. Innerhalb von Tagen, so berichteten Banker und Finanzberater, nahm die Zahl der Anfragen aus der Golfregion zu. Der Krieg, der den Iran in kürzester Zeit erfasste und den Obersten Führer Ali Khamenei das Leben kostete, hatte eine tektonische Erschütterung im globalen Privatvermögen ausgelöst.
In der Folge füllten sich von Genf bis Zürich die Warteschlangen vor den Compliance-Abteilungen mit neuen Klienten. Diese kommen aus Abu Dhabi, Dubai oder Kuwait. «The money transfers are under way», bestätigte Patrick Akiki von PwC Switzerland gegenüber dem Schweizer Sender RTS. Patrik Spiller, Head of Wealth Management bei Deloitte Switzerland, stellt fest, dass Nahost-Vermögen in zunehmendem Mass in der Schweiz gebucht werden.
Der Einbruch, er ist heftiger, und er wirkt nachhaltiger nach, als viele zunächst wahrhaben wollten: Spätestens als Iran in den ersten Kriegstagen mit einer beispiellosen Salve aus Raketen und Drohnen alle sechs Golfstaaten gleichzeitig angriff, kollabierte das Sicherheitsnarrativ der gesamten Region. Flughäfen in Abu Dhabi, Luxusviertel in Dubai, Ölanlagen in Kuwait – kein Gulf Cooperation Council-Mitglied blieb verschont.
«Die Ereignisse des März 2026 haben Entscheidungen beschleunigt, die für viele Golf-Familien und deren Family Offices ohnehin überfällig waren», schreibt Rainer Lindemann, Gründer von Lindemann Law in Zürich, in einer aktuellen Analyse. «Das Ergebnis ist eine strukturelle Verschiebung in den Wealth-Management-Gesprächen – Vermögensschutz und jurisdiktionelle Diversifikation stehen nun ganz oben auf jeder Agenda.»
Während Dubai selbst von iranischen Angriffen getroffen wurde, avancierte die Schweiz zum Magnetpol des flüchtenden Kapitals. Der Schweizer Franken stieg auf sein höchstes Niveau gegenüber dem Euro seit über einem Jahrzehnt. Ein wages Zeichen, fürwahr. SNB-Präsident Martin Schlegel bestätigte öffentlich, dass der Aufwertungsdruck auf den Franken deutlich zugenommen habe – und dass die Zentralbank bereit sei, am Devisenmarkt zu intervenieren. Ein Beweis ist das noch nicht. Paradoxerweise verstärkte genau diese Aussage die Attraktivität der Währung noch weiter. Die Anziehungskraft der Schweiz beruht laut Lindemann auf vier sich gegenseitig verstärkenden Pfeilern: «Langjährige politische Neutralität, eine starke Rechtsstaatlichkeit, eine ausgereifte Privatbanking-Infrastruktur und der Status als Safe-Haven-Währung.»
Die Grössenordnung der Bewegungen ist beachtlich. Die Barpositionen von Privatpersonen und Nicht-Banken aus den Emiraten in der Schweiz haben sich in den vergangenen drei Jahren bereits um rund 40 Prozent erhöht – mit deutlicher Beschleunigung seit Kriegsbeginn. Fast 25 Prozent des in der Schweiz verwalteten Vermögens stammen bereits aus der Golfregion, was weiteres Wachstum strukturell erleichtert, schreibt Lindemann.
Branchenexperten schätzen, dass die neuen Zuflüsse bei anhaltenden Spannungen zig Milliarden US-Dollar erreichen könnten. Das Muster ist dabei historisch konsistent, wie Lindemann erläutert: «Zuflüsse beginnen typischerweise mit liquiden Barpositionen, bevor sie sich in Aktien, Anleihen, strukturierte Produkte und alternative Anlagen diversifizieren.» Der Kapitalweg führt also vom Krisenmodus in langfristige Anlagestrukturen – was die Schweizer Vermögensverwaltung doppelt profitieren lassen würde.
Die entscheidende Frage lautet: Handelt es sich um eine vorübergehende Kapitalflucht oder einen dauerhaften Strukturwandel? Historische Vergleiche sind nur wenige vorhanden. Vieles hängt sicher vom weiteren Verlauf des Konflikts ab, sind Experten überzeugt. Lindemann gibt zu bedenken: Einmal in einer neuen Jurisdiktion ordentlich strukturiertes Kapital kehrt selten zurück.
Der Ansturm birgt auch Risiken für das Schweizer Finanzsystem. Die Geschwindigkeit, mit der Klienten ihr Kapital bewegen wollen, steht in Spannung zu den verschärften regulatorischen Anforderungen. «Ordnungsgemässe Dokumentation, Mittelherkunftsanalyse, grenzüberschreitende Steuerstrukturierung und Strukturprüfungen müssen alle mit der Dringlichkeit Schritt halten, die Klienten verspüren», mahnt Lindemann.
Für das Schweizer Finanzökosystem ist der Moment eine Bewährungsprobe und eine Chance zugleich: Wer die Compliance-Prozesse schnell und sauber abwickelt, bindet Vermögen, das eine Generation lang bleibt. Wer zögert oder scheitert, verliert es an Singapur oder Hongkong – die einzigen zwei Jurisdiktionen, die gemeinsam mit der Schweiz alle fünf Safe-Haven-Kriterien gleichzeitig erfüllen.