12.02.2026, 09:35 Uhr
Knall in der Asset-Management-Industrie: Der britische Vermögensverwalter Schroders wird für 9,9 Milliarden Pfund (entspricht laut Reuters 13,5 Milliarden US-Dollar) vom US-amerikanischen Asset-Manager Nuveen...
Lange galt die Vergemeinschaftung von Staatsschulden in Europa als rote Linie – insbesondere in Deutschland. Jetzt kehrt das Thema mit Wucht zurück: Bundesbankpräsident Joachim Nagel öffnet sich Eurobonds, und die Europäische Zentralbank (EZB) plädiert offen für einen dauerhaften gemeinsamen Schuldenmarkt. Was heisst das für den Euro – und für die Schweiz?
In der Staatsschuldenkrise ab 2010 standen Eurobonds als Symbol für eine weitgehende Haftungsgemeinschaft der Eurostaaten. Länder wie Griechenland, Portugal oder Italien hofften auf niedrigere Zinsen dank gemeinsamer Anleihen, während Deutschland und mehrere nördliche Mitgliedstaaten vor allem steigende eigene Finanzierungskosten und «falsche Anreize» für hochverschuldete Länder fürchteten.
Die damalige Bundesregierung lehnte Eurobonds scharf ab; Kanzlerin Angela Merkel sprach 2012 davon, es werde «keine vollständige Schuldenunion geben, solange ich lebe».
Aus deutscher Sicht wäre eine umfassende Schuldengemeinschaft einer «Kollektivierung von Risiken» gleichgekommen, bei der soliden Haushaltsführung an Bedeutung verliert. Stattdessen setzte man auf temporäre Rettungsfonds (EFSF, ESM) und am Ende auf die berühmte «whatever it takes»-Ansage der EZB, die mit Ankündigungen wie OMT und später QE die Märkte beruhigte.
Die Botschaft der Eurokrise: Gemeinsame Haftung ohne gemeinsame Fiskalpolitik und klare Regeln galt politisch als gefährlich – und blieb deshalb auf dem Papier.
Mit der Corona‑Pandemie kam 2020 ein Bruch: Unter dem Eindruck des beispiellosen Einbruchs vereinbarten die EU‑Staaten den Wiederaufbaufonds NextGenerationEU über 750 Milliarden Euro, finanziert durch gemeinsame Anleihen der EU‑Kommission. Erstmals nahm die EU in grossem Stil gemeinsame Schulden auf, um Zuschüsse und Kredite an Mitgliedstaaten zu vergeben – ein Schritt, der von vielen als «Eurobonds light» interpretiert wurde.
Bis zum Ende der Laufzeit wird die EU damit voraussichtlich rund 1 Billion Euro an ausstehenden Anleihen haben – ein Markt, der zunehmend als sicherer europäischer Referenzzins wahrgenommen wird. Ökonomen sehen darin den Keim eines europäischen «Safe Asset», das langfristig mit US‑Treasuries konkurrieren könnte und die Finanzarchitektur des Euroraums verändert.
Formal ist NextGenerationEU befristet, politisch aber hat das Instrument einen Tabubruch markiert: Plötzlich ist gemeinsame Verschuldung nicht mehr rein theoretisch, sondern real – und funktioniert bislang ohne gravierende Marktverwerfungen.
Nagel und EZB: Warum das Thema jetzt zurückkommt
Vor diesem Hintergrund erhalten die jüngsten Signale aus Frankfurt besonderes Gewicht. Bundesbankpräsident Joachim Nagel betont, Europa müsse für globale Investoren attraktiver werden – ein grosser, liquider Markt für sichere europäische Assets könne dabei helfen. Angesichts der verschärften Sicherheitslage – von Russlands Angriffskrieg bis zur Debatte über europäische Verteidigungsfähigkeit – spricht er von einer «anderen Realität» als zur Zeit der Eurokrise und zeigt sich offen für gemeinsame Schulden, sofern sie klar zweckgebunden und streng kontrolliert sind.
Parallel fordert die EZB nach Berichten von «Politico» und «Handelsblatt» in einem vertraulichen Papier eine dauerhafte gemeinsame Schuldenaufnahme in Form von Eurobonds. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken, grosse gemeinsame Investitionsprogramme in Verteidigung, Klimaschutz und Digitalisierung zu finanzieren und einen echten europäischen Referenzmarkt für sichere Anleihen zu etablieren. Forschungsarbeiten und EZB‑Analysen betonen, dass ein dauerhaftes EU‑Bond‑Programm die Rolle des Euro als Reservewährung stärken und Fragmentierungsrisiken im Staatsanleihemarkt reduzieren könnte.
Damit verschiebt sich die Frontlinie: Während in der Eurokrise die Politik (v.a. Frankreich, Südeuropa) für Eurobonds warb und Notenbanker eher bremsten, kommt der Impuls nun zentral von der EZB und – bemerkenswert – der Bundesbank.
Die Bundesregierung hält offiziell an ihrer skeptischen Linie fest und wies erst vor wenigen Tagen Forderungen von Emmanuel Macron nach einem neuen, auf Wettbewerbsinvestitionen zielenden Schuldeninstrument zurück. Aus deutscher Sicht bleibt die Gefahr, dass eine dauerhafte Schuldengemeinschaft Fehlanreize setzt, solide Haushalte bestraft und politische Konflikte über fiskalische Disziplin institutionalisiert.
Gleichzeitig steht Deutschland vor einem Dilemma: Die geopolitische Lage, der Bedarf an massiven Investitionen in Verteidigung, Industrie‑Transformation und Infrastruktur sowie der Wunsch nach «strategischer Autonomie» Europas sprechen für grössere gemeinsame Finanzierungsrahmen. Ohne eine Form von europäischer Schuldengemeinschaft oder zumindest einen stabilen Safe‑Asset‑Markt dürfte es schwer werden, das notwendige Volumen zu tragbaren Kosten zu mobilisieren.
Nagels Vorstoss kann vor diesem Hintergrund als Versuch gelesen werden, die deutsche Position zu modernisieren, ohne die Prinzipien fiskalischer Solidität preiszugeben: Ja zu gemeinsamen Schulden – aber nur klar begrenzt, zweckgebunden, regelgebunden und unter starker Aufsicht.
Die Konturen einer «Schuldengemeinschaft 2.0» zeichnen sich damit ab: Kein unbegrenzter Haftungsverbund wie in manchen Eurokrisen‑Szenarien, sondern klar befristete oder zweckgebundene Programme (z.B. Verteidigung, Energie‑ und Klimasicherheit, kritische Infrastruktur). Ziel ist es, einen tiefen, liquiden Markt für sichere EU‑Anleihen zu schaffen, der Investoren weltweit anzieht und die Fragmentierung in nationale Risikoprämien reduziert.
Für die politische Debatte bedeutet das: Die alte Schwarz‑Weiss‑Gegenüberstellung «Schuldengemeinschaft oder nationale Verantwortung» weicht einem nuancierteren Modell, in dem gemeinsame Verschuldung als Instrument der strategischen Handlungsfähigkeit verstanden wird – nicht als Blankoscheck.
Ob es dazu kommt, entscheidet sich nicht in den Zentralbanken, sondern in den Hauptstädten. Doch dass ausgerechnet EZB und Bundesbank das Thema jetzt wieder auf die Tagesordnung setzen, zeigt: Die Frage der Schuldengemeinschaft ist zurück – und sie ist weniger eine Eurokrisen‑Marginalie als ein Kernpunkt europäischer Wirtschafts‑ und Sicherheitsarchitektur im neuen Jahrzehnt.
Aus Schweizer Sicht wirkt die Debatte um eine europäische Schuldengemeinschaft gleichzeitig nahe und fern. Als Nicht-EU-Mitglied steht die Schweiz nicht in der Haftungskette möglicher Eurobonds, ist aber als exportorientierte Volkswirtschaft, bedeutender Investor und Finanzplatz stark von der Stabilität des Euroraums abhängig. Eine geordnete, regelgebundene Form gemeinsamer EU-Verschuldung könnte aus Schweizer Perspektive die Finanzierungsbasis Europas verbreitern, die Rolle des Euro als Reservewährung stärken und damit zu einem stabileren Umfeld für Handel, Wechselkurse und Kapitalströme beitragen.
Umgekehrt würde ein politisch zerstrittener oder halbherziger Schritt in Richtung Schuldengemeinschaft – ohne klare Governance und fiskalische Anker – das Risiko neuer Vertrauenskrisen im Euroraum erhöhen und damit auch für die Schweiz die Unsicherheit in Bezug auf Wachstum, Zinsniveau und Frankenstärke verstärken.