04.03.2026, 09:09 Uhr
Die Schweizer Vorsorgeeinrichtungen haben den Februar 2026 mit Glanz abgeschlossen: Eine durchschnittliche Monatsrendite von 1,3 Prozent trieb den Deckungsgrad privatrechtlicher Kassen auf 122 Prozent, und damit ist...
Die Sperrung der Strasse von Hormus durch den Iran Ende Februar 2026 hat die globalen Energiemärkte in Aufruhr versetzt. Öl der Sorte Brent Crude notiert bei über 82 US-Dollar pro Barrel. Das ist ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vormonat. Gleichzeitig stehen Zentralbanken weltweit vor einem klassischen stagflationären Dilemma: steigende Inflation aufgrund der Ölpreise bei gleichzeitig schwächelndem Wachstum. Eine Analyse
Die Strasse von Hormus ist der weltweit kritischste Energieengpass. Rund 20 Prozent des globalen Ölverbrauchs – fast 20 Millionen Barrel pro Tag – sowie ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels passieren diese schmale Meerenge zwischen Iran und Oman. Nachdem US-israelische Streitkräfte Ende Februar 2026 den Iran angriffen und den Obersten Führer Khamenei töteten, sperrten die Revolutionsgarden die Meerenge. Katar stoppte parallel dazu nach Angriffen auf seine Anlagen die Flüssiggasproduktion.
Die Marktreaktion war unmittelbar: Öl der Sorte Brent Crude kletterte allein am 2. März um 13 Prozent, Öl der Sorte WTI stieg am 3. März um 4,72 Prozent. Auch andere Rohstoffe wurden erfasst: Europäische TTF-Gaspreise sprangen an einem einzigen Tag um +27 Prozent. Gleichzeitig spring Gold von einem Allzeithoch zum nächsten.
Wie geht das weiter? Was sind die Folgen für die Gesamtwirtschaft? Die Finanzhäuser arbeiten mit drei klar definierten Szenarien. Entscheidend ist dabei nicht allein das aktuelle militärische Geschehen, sondern ob und wie lange die Ölversorgung über die Strasse von Hormus beeinträchtigt bleibt.
Amundi hält an seiner Jahreszielspanne von 60–70 US-Dollar pro Barrel fest – aber explizit unter der Voraussetzung, dass die iranische Ölinfrastruktur intakt bleibt und Hormus nicht signifikant blockiert wird. Goldman Sachs hob seine Q4/2026-Prognose um 6 US-Dollar auf 60 US-Dollar pro Barrel an, trotz eines erwarteten globalen Angebotsüberschusses von 2,3 Millionen Barrel pro Tag. JPMorgan bleibt mit einer Brent-Basisprognose von 58 US-Dollar strukturell vorsichtig.
Kritisch für das Angebot: US-amerikanische Shale-Produzenten, auf die die IEA als wichtigste Ausgleichsquelle verweist, können schnell nicht liefern. Scott Sheffield, ein erfahrener Shale-Manager, erklärt gegenüber der Financial Times offen: Produzenten werden das Preishoch nutzen, um Schulden zu tilgen und Aktionäre zu bedienen – nicht um sofort neue Bohrlöcher zu finanzieren. JPMorgan-Analystin Natasha Kaneva beziffert den zeitlichen Rückstand auf mindestens mehrere Monate.
Die Einschätzungen der grossen Finanzhäuser zu den Inflationsfolgen eines anhaltenden Ölpreisschocks sind bemerkenswert konsistent – auch wenn die Akzente unterschiedlich gesetzt werden.
Amundi rechnet damit, dass ein dauerhafter Ölpreis von 100 US-Dollar pro Barrel die globale Inflationsrate um mehr als 0,5 Prozentpunkte anheben würde. Dabei ist der Wachstumseffekt fast noch bedeutsamer: Jeder weitere Anstieg um 10 US-Dollar pro Barrel bremst die globale Wirtschaftsleistung um zusätzliche 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte – ein Zusammenspiel, das klassische stagflationäre Züge trägt.
AllianzGI fokussiert sich auf die Unmittelbarkeit des Transmissionsmechanismus in den USA: Ein nachhaltiger Preisanstieg um lediglich 10 US-Dollar pro Barrel genügt, um die amerikanische Headline-Inflation nahezu sofort um 0,1 bis 0,3 Prozentpunkte zu erhöhen. Die Übertragung erfolgt dabei direkt über Kraftstoffpreise an der Zapfsäule – ohne nennenswerte Verzögerung.
Rabobank legt den Fokus auf die strukturelle Gewichtung im US-Preisindex: Da Energie und Kraftstoffe mehr als 9 Prozent des US-CPI ausmachen, wäre der Inflationseffekt eines Ölpreises von 100 US-Dollar pro Barrel erheblich. Die Bank schätzt, dass ein solches Preisniveau den amerikanischen Verbraucherpreisindex um 0,8 bis 1,5 Prozentpunkte nach oben treiben könnte – eine Bandbreite, die je nach Dauer des Schocks und Zweitrundeneffekten über Transportkosten und Nahrungsmittelpreise noch ausgeweitet werden könnte.
Am weitreichendsten ist die Einschätzung von Mizuho und Reuters: Sollte Rohöl dauerhaft zwischen 100 und 130 US-Dollar pro Barrel notieren, wäre der geldpolitische Spielraum der Fed schlicht erschöpft. In diesem Szenario würden Zinssenkungen nicht nur verzögert, sondern vollständig vom Tisch fallen – und stattdessen ein moderater Zinserhöhungszyklus eingeläutet. Dies wäre eine fundamentale Umkehr der seit Ende 2023 vorherrschenden Lockerungserwartungen.
Zum ersten Mal seit Mitte 2024 wirkt Öl wieder als inflationärer Basiseffekt – statt als Disinflationstreiber. Brent liegt bereits 13 Prozent teurer als vor einem Jahr; der US-PPI für Januar 2026 war deutlich heisser als erwartet. Die durch den Energieschock angetriebene Inflation ist qualitativ anders als nachfragegetriebene Preissteigerungen: Sie trifft breite Verbraucherschichten, wirkt regressiv und ist politisch schwerer zu ignorieren.
Amundi betont, dass die Streuung zwischen Regionen erheblich ist. Europa ist besonders anfällig: tiefe Gaslagerstände, strukturelle Energieabhängigkeit (insbesondere Deutschland) und direkte Abhängigkeit von LNG-Lieferungen aus dem Golf. Asiatische Ölimporteure sehen sich mit verschlechterten Terms-of-Trade und schwächeren Aussenbilanzen konfrontiert. Indien ist trotz seines Netto-Ölimporteur-Status vergleichsweise weniger exponiert: Öl macht nur 6 Prozent des indischen CPI aus.
Die USA bleiben dank ihres Status als weltgrösster Ölproduzent (aktuell 13,6 Millionen Barrel pro Tag) relativ abgeschirmt – und profitieren gleichzeitig von Safe-Haven-Kapitalzuflüssen in Dollar und US-Staatsanleihen.
Der Ölpreisschock stellt insbesondere die US-Notenbank vor ein klassisches stagflationäres Dilemma: Inflation steigt, Wachstum schwächt sich ab. Beide Phänomene verlangen nach entgegengesetzten geldpolitischen Antworten.
Vor dem Ausbruch des Konflikts hatte sich ein Marktkonsens gebildet, der zwei bis drei weitere Zinssenkungen der Fed in 2026 erwartete. Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen war im Februar unter 4 Prozent gefallen – den tiefsten Stand seit Jahresbeginn. Disinflation war das dominierende Narrativ.
Nun steht das Fed nun im politischen Scheinwerferlicht. Die Trump-Administration verfolgt aktiv eine Politik niedriger Ölpreise zur Inflationsbekämpfung. Kein Wunder, sagte der US-Präsident Donald Trump am 4. März auf Truth Social, die Preise würden nach Kriegsende schnell und deutlich fallen. Die US-Marine soll bei Bedarf Tanker durch die Strasse von Hormus eskortieren.
Diese politische Dimension ist für die Fed bedeutsam: Sie schränkt ihren Handlungsspielraum zusätzlich ein. Eine geldpolitisch adequate, aber zu «hawkishe» Reaktion auf die Energieinflation würde die Wachstumsschwäche verschärfen und politisch aufgeladen sein – gerade in einer Phase, in der die Regierung niedrige Preise als Erfolg kommuniziert.
Kommt ein weiterer Punkt dazu: Der bekannte Analyst Mohamed El-Erian bezeichnet den Nahost-Konflikt nun als negativen Schock für die globale Wirtschaft, der die Stagflationsgefahr signifikant erhöht. Das Problem: Bei stagflationären Schocks gibt es keine gute geldpolitische Antwort. Zinserhöhungen bekämpfen die Inflation, verschärfen aber die Wachstumsschwäche. Zinssenkungen stützen das Wachstum, akkommodieren aber Inflation. Die Fed wird sich voraussichtlich für einen dritten Weg entscheiden: Abwarten und Durchschauen – solange die Inflation nicht ausser Kontrolle gerät.
Die zentrale Variable aller Prognosen ist eine einzige: Wie lange bleibt die Strasse von Hormus gesperrt, und wie stark wird die Ölversorgung tatsächlich beeinträchtigt? Solange die Lieferungen faktisch weiterlaufen – auch unter erschwerten Bedingungen –, bleibt es bei einem volatilen Ereignis, nicht bei einem systemischen Schock.
Für die Fed bedeutet das Basisszenario einer raschen Normalisierung: Zinssenkungen werden verzögert, nicht gestrichen. Im mittleren Szenario (Öl dauerhaft bei 100 US-Dollar) wird der Lockerungszyklus weitgehend pausiert. Nur im Risikoszenario einer dauerhaften Hormus-Blockade und eines Ölpreises über 100 US-Dollar für mehrere Monate wäre ein echtes Umdenken der Geldpolitik erforderlich.
Die aktuelle Situation ist primär ein vorübergehender stagflationärer Impuls, kein neuer Öl-Superzyklus. Aber die Geopolitik ist nun strukturell in den Investitionszyklus eingebettet. Volatilität, Streuung und geopolitisches Risikomanagement werden dauerhaft wichtigere Marktkennzahlen bleiben – unabhängig davon, wie dieser Konflikt endet.