Bitcoin zieht an: Was hinter der jüngsten Rally steckt

Der Bitcoin steigt wieder an. Was steckt hinter dem Trend? (Bild: Shutterstock)
Der Bitcoin steigt wieder an. Was steckt hinter dem Trend? (Bild: Shutterstock)

Bitcoin hat in den vergangenen zwei Wochen eine der stärksten Bewegungen seit Monaten hingelegt – ausgelöst durch eine Entscheidung des US-Finanzministeriums. Seither pendelt der Kurs zwischen der psychologisch wichtigen Marke von 80'000 US-Dollar und neuer Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs der US-Notenbank.

04.09.2026, 09:18 Uhr
Asset Management | Konjunktur | Notenbanken

Redaktion: asc

Am 19. August verkündete US-Finanzminister Scott Bessent, dass das Treasury Department seine Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen mit Laufzeiten von 10 bis 30 Jahren mindestens verdoppeln werde – von bisher 2 Milliarden auf mindestens 4 Milliarden US-Dollar pro Operation. Ziel war es, die zuletzt auf Niveaus von 2007 gestiegenen langfristigen Renditen zu drücken.

Der Effekt kam praktisch in Echtzeit: Die Rendite 30-jähriger Staatsanleihen fiel unmittelbar, die 10-jährige Rendite gab um rund sechs Basispunkte nach. Bitcoin, das zuvor bei rund 64'000 US-Dollar gehandelt worden war, sprang innerhalb weniger Handelsstunden auf über 69'000 US-Dollar. Auslöser war ein reflexiver Mechanismus: Fallende Renditen senken die Opportunitätskosten zinsloser Anlagen wie Bitcoin, was Leerverkäufer zum Eindecken ihrer Positionen zwang. Allein am ersten Handelstag wurden nach Angaben von CoinGlass Short-Positionen im Umfang von 1,4 bis über 4 Milliarden US-Dollar liquidiert – je nach Zählweise und Zeitfenster.

Wichtig zur Einordnung: Ein Treasury-Buyback ist keine quantitative Lockerung. Während die US-Notenbank bei QE neue Reserven schafft, um Anleihen zu kaufen, finanziert das Finanzministerium seine Rückkäufe über die Ausgabe kurzfristigerer Schuldtitel. Die Gesamtverschuldung bleibt damit unverändert, lediglich ihre Zusammensetzung verschiebt sich. Dennoch wirkte die Ankündigung wie ein Signal einer liquiditätsfreundlicheren Fiskalpolitik und reaktivierte den sogenannten «Debasement Trade»: Anleger positionieren sich gegen wachsende Sorgen über die US-Staatsverschuldung und die reale Kaufkraft des Dollar.

Bis Ende August hatte sich die Bewegung zu einer der stärksten Wochenrallys seit März 2023 ausgeweitet – ein Plus von rund 23,6 Prozent innerhalb einer Woche, mit einem Ausbruch über die 80'000-Dollar-Marke, die seit Mitte Mai nicht mehr erreicht worden war.

ETF-Zuflüsse und Corporate-Treasury-Käufe verstärken den Trend

Der makroökonomische Impuls allein erklärt die Bewegung nicht vollständig. Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten im August Nettozuflüsse von 2,72 Milliarden US-Dollar; das verwaltete Vermögen in diesen Produkten stieg auf 98,56 Milliarden US-Dollar. Bereits in den beiden Tagen vor der eigentlichen Rally waren 487 Millionen US-Dollar in US-Spot-Bitcoin-ETFs geflossen, davon 143,6 Millionen US-Dollar allein in BlackRocks IBIT.

Hinzu kommt eine konkrete Corporate-Komponente: Strategy, das von Michael Saylor geführte Unternehmen, hat nach einer zweimonatigen Kaufpause wieder Bitcoin akkumuliert – zuletzt für rund 370 Millionen US-Dollar. Saylor wies zudem darauf hin, dass Strategy inzwischen über mehr Reservekapital verfüge als jedes andere Finanzunternehmen im S&P 500 ausser Berkshire Hathaway.

Die Gegenkräfte: Zinserhöhungsrisiko, Iran-Konflikt und schwache Saisonalität

Die Rally ist jedoch fragiler, als die Wochen-Performance vermuten lässt. Drei Faktoren haben den Aufwärtstrend seit Anfang September gebremst:

Erstens hat sich das Zinsnarrativ gedreht. Die hawkishe Rede von Fed-Chef Kevin Warsh anlässlich des Notenbanktreffens in Jackson Hole, in der er anhaltend erhöhte Inflation betonte, hat einen globalen Ausverkauf am Anleihemarkt losgetreten. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg auf 4,784 Prozent. Der CME-FedWatch-Indikator preist mittlerweile eine Wahrscheinlichkeit von 66,4 Prozent für eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte am 16. September ein – noch vor einer Woche lag die Markterwartung genau umgekehrt bei einer Wahrscheinlichkeit von rund 60 Prozent für unveränderte Zinsen. Das widerspricht dem ursprünglichen «lockerere Finanzierungsbedingungen»-Narrativ und dürfte ein wesentlicher Grund für die zunehmende Volatilität sein.

Zweitens sorgte die geopolitische Eskalation für Gegenwind: US-Luftschläge gegen iranische Ziele Ende letzter Woche liessen Bitcoin am 2. September zwischenzeitlich auf rund 76'600 US-Dollar zurückfallen, während der Ölpreis (Brent) auf über 96 US-Dollar pro Fass stieg.

Drittens spricht die Saisonalität gegen eine unmittelbare Fortsetzung der Rally. Bitcoin hat den August seit 2020 erst zum dritten Mal im Plus abgeschlossen – in den beiden vorangegangenen Fällen fiel der September danach um 7,3 respektive knapp 8 Prozent. Gegenläufig ist allerdings, dass die vergangenen drei September-Monate durchwegs positiv verlaufen sind, sodass der Ruf des Monats als «schwächster Börsenmonat» nicht unwidersprochen bleibt.

Wo Bitcoin aktuell steht

Nach dem Sprung über 80'000 US-Dollar am 3. September, mit einem Tageshoch von 80'974 US-Dollar, ist der Kurs bis zum 4. September wieder auf ein Niveau von rund 77'000 bis 78'000 US-Dollar zurückgekommen. Analysten nennen 77'057 US-Dollar als entscheidende Unterstützungszone: Ein Bruch dieser Marke würde den Weg bis 62'207 US-Dollar öffnen. Auf der Oberseite gilt ein Tagesschluss über 82'656 US-Dollar als Voraussetzung dafür, dass die Bullenphase als bestätigt gelten könnte – mit weiteren Zielmarken bei 91'719 und 100'782 US-Dollar. Die Marktstimmung bleibt gemäss Fear-&-Greed-Index mit einem Wert von 65 bis 69 im Bereich «Greed», während die Bitcoin-Dominanz auf 59,58 Prozent gestiegen ist – ein Hinweis darauf, dass Kapital eher innerhalb des Kryptomarkts in Richtung Bitcoin rotiert, als dass es die Anlageklasse verlässt.

Fazit: Für eine belastbare Einordnung der weiteren Entwicklung sind vier Grössen entscheidend: die täglichen und wöchentlichen Nettozuflüsse in US-Spot-Bitcoin-ETFs, die Entwicklung von US-Dollar und realen Treasury-Renditen, die Derivatepositionierung inklusive Open Interest und Finanzierungsraten sowie die Fed-Sitzung am 16. September. Sollte die Notenbank tatsächlich die Zinsen anheben, würde dies dem «Debasement Trade», der die Rally seit Mitte August getragen hat, einen wesentlichen Teil seiner Grundlage entziehen. Bitcoin bewegt sich damit weiterhin weniger als eigenständiger Krypto-Trend denn als Spiegelbild der US-Fiskal- und Geldpolitik.

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