05.01.2026, 07:39 Uhr
Die Ölpreise haben kaum auf die Gefangennahme des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro durch die Vereinigten Staaten reagiert. Nach Verlusten von etwas mehr als einem Prozent zu Handelsbeginn drehten die...
Die künstliche Intelligenz steht vor dem Durchbruch zur wirtschaftlichen Megatrend – doch ausgerechnet die grossen Tech-Aktien könnten davon weniger profitieren als erwartet. Das ist die zentrale Botschaft des Marktausblicks 2026 von Vanguard, einem der weltweit grössten Vermögensverwalter.
Laut dem Vanguard-Ausblick befindet sich der KI-Investitionszyklus noch in einem frühen Stadium. Die sogenannten «AI Scalers» – darunter Amazon, Alphabet, Microsoft, Nvidia und Meta – haben gemäss der Analyse Investitionszusagen von insgesamt 2,1 Billionen Dollar bis 2027 angekündigt. Diese Summe sei historisch beispiellos und vergleichbar mit früheren Infrastruktur-Booms wie dem Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert oder dem Telekommunikationsausbau in den 1990er-Jahren.
«Wir sehen eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die US-Wirtschaft in den kommenden Jahren ein reales BIP-Wachstum von 3 Prozent erreicht», schreibt das Vanguard-Ökonomenteam um Global Chief Economist Joseph Davis. Das wäre deutlich über den meisten Prognosen von Zentralbanken und Analysten.
Für 2026 rechnet Vanguard allerdings mit einem moderateren US-Wachstum von 2,25 Prozent. Die Inflation dürfte hartnäckig über 2 Prozent verharren, was der US-Notenbank wenig Spielraum für Zinssenkungen lasse. Das Vanguard-Team erwartet, dass die Fed die Zinsen nicht unter 3,5 Prozent senken wird – eine Einschätzung, die etwas restriktiver ausfällt als die Markterwartungen.
Der erhoffte Produktivitätsschub durch KI sei zwar real, aber noch nicht breit sichtbar, heisst es in dem Bericht. «2026 wird ein Jahr der Bewertung sein, in dem Unternehmen und Regierungen weltweit die Produktivitätseffekte von KI genau beobachten werden», so Vanguard.
Die überraschendste Empfehlung des Ausblicks betrifft die Anlagestrategie. Trotz des KI-Optimismus rät Vanguard von einer Übergewichtung von Tech-Aktien ab. Die attraktivsten Risiko-Rendite-Profile sieht der Vermögensverwalter in folgender Reihenfolge:
Erstens: Hochwertige US-Anleihen mit erwarteten Renditen von rund 4 Prozent jährlich. Zweitens: US-Value-Aktien mit einer prognostizierten Rendite von etwa 7 Prozent. Drittens: Aktien aus entwickelten Märkten ausserhalb der USA mit erwarteter 6-Prozent-Rendite.
Für US-Wachstumsaktien – also den Tech-Sektor – prognostiziert Vanguard dagegen nur 4 bis 5 Prozent annualisierte Rendite über die nächsten zehn Jahre. «Die hohen Gewinnerwartungen und die typische Unterschätzung der kreativen Zerstörung durch neue Marktteilnehmer» seien die Hauptgründe für diese gedämpfte Prognose, wie sich dem Bericht entnehmen lässt.
Vanguard verweist auf historische Parallelen. Viele der Nasdaq-Stars der 1990er-Jahre seien nach 2000 in der Bedeutungslosigkeit versunken – obwohl die Produktivitätsgewinne durch Internet und PC anhielten. «Die Unternehmen, die eine neue Allzwecktechnologie einführen, sind oft nicht dieselben, die langfristig davon profitieren», warnt der Report.
Das jüngste Beispiel sei Nvidia: Noch 2013 war das Unternehmen nur das 380.-grösste im S&P 500. 2025 erreichte es als erstes Unternehmen eine Marktkapitalisierung von 5 Billionen Dollar. Der «DeepSeek-Moment» Anfang 2025 habe gezeigt, wie schnell neue Wettbewerber die Landschaft verändern könnten.
Für die Eurozone ist Vanguard weniger optimistisch. Die KI-Dynamik fehle weitgehend, die Investitionen konzentrierten sich weiterhin auf «alte» Industrien wie Automobile und Pharma. Das Wachstum dürfte 2026 bei etwa 1,2 Prozent liegen, wobei höhere US-Zölle durch steigende Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben kompensiert würden.
«Europa ist bei der KI-Innovation und beim Infrastrukturausbau im Rückstand», konstatiert das Vanguard-Team. Die Kapitalzusagen europäischer Tech-Unternehmen für die nächsten zwei Jahre lägen bei 250 bis 300 Milliarden Dollar – verglichen mit über 2 Billionen in den USA.
Überraschend positiv fällt die Einschätzung für China aus. Vanguard erwartet dort ein Wachstum von 4,5 Prozent in 2026 – über dem Konsens. Die chinesische Regierung investiere aggressiv in KI-Infrastruktur, und das Land führe bereits bei internationalen KI-Patenten und Forschungspublikationen.
Allerdings könnte China laut dem Bericht früher an eine Produktivitätsgrenze stossen als die USA: Der hohe Anteil physisch intensiver Sektoren wie Landwirtschaft und Fertigung sowie die schrumpfende Erwerbsbevölkerung begrenzten das Potenzial.