Candriam: Die Krebsmedizin steht an einem Wendepunkt

Neue Krebstherapien und diagnostische Verfahren machen Hoffnung (Bild: Adobe Stock)
Neue Krebstherapien und diagnostische Verfahren machen Hoffnung (Bild: Adobe Stock)

Neue diagnostische Verfahren und zielgerichtete Therapien versprechen, die Krebsbehandlung grundlegend zu verändern – weg von der Chemotherapie, hin zu individualisierten, biomarkergesteuerten Strategien. Das bedeutet Hoffnung für Patienten und gleichzeitig ein neuer Milliardenmarkt. Zu diesem Schluss kommen Pasquale Sansone und Servaas Michielssens, zwei Onkologie-Spezialisten des Vermögensverwalters Candriam.

23.02.2026, 06:22 Uhr
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Redaktion: asc

Die Dynamik ist bereits messbar. Allein in den letzten zehn Jahren wurden 33 wichtige neue zielgerichtete Therapien für 20 verschiedene Krebsarten zugelassen. Im Zeitraum von Juli 2024 bis Juni 2025 genehmigte die US-Arzneimittelbehörde FDA 20 neue Krebstherapeutika sowie ein neuartiges Gerät zur Behandlung von Lungenkrebs. Zusätzlich wurden die Indikationen von acht bereits zugelassenen Therapien auf weitere Krebsarten erweitert.

«Auf dem Markt für innovative Krebsdiagnostiken und -therapien gibt es bei weitem nicht nur einen Gewinner», schreiben Sansone und Michielssens. Während bei bestimmten Tumorarten wie dem multiplen Myelom, Brust- und Lungenkrebs bereits bedeutende Fortschritte erzielt würden, seien viele andere Krebsarten nach wie vor unzureichend individualisiert behandelt.

Die Onkologie-Spezialisten des Vermögensverwalters Candriam gehen davon aus, dass sich der Trend 2026 und darüber hinaus fortsetzen wird – insbesondere bei traditionell schwer zu behandelnden Krebsarten wie Darm-, Prostata-, Harnblasen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Zu den vielversprechendsten neuen Ansätzen zählen selektive Inhibitoren bekannter krebsauslösender Gene – sogenannter Onkogene – sowie Radiopharmazeutika. Bei Letzteren wird eine radioaktive Verbindung mit einem Zielmolekül kombiniert, das spezifisch an Proteine auf der Oberfläche von Krebszellen bindet. So lässt sich die Strahlung hochpräzise abgeben, während das umliegende gesunde Gewebe geschont wird. Diese Behandlungsform gilt zunehmend als sicherere Alternative zur konventionellen Strahlentherapie.

Pasquale Sansone ScD, PhD, Portfolio Manager bei Candriam (Bild: Candriam)
Pasquale Sansone ScD, PhD, Portfolio Manager bei Candriam (Bild: Candriam)
Servaas Michielssens PhD, CFA, Head of Thematic Global Equity - Healthcare, bei
Candriam (Bild: Candriam)
Servaas Michielssens PhD, CFA, Head of Thematic Global Equity - Healthcare, bei Candriam (Bild: Candriam)



















Ein Milliardenmarkt mit zweistelligem Wachstum

Die Zahlen untermauern die klinische Dynamik auch ökonomisch. Der US-amerikanische Markt für Präzisionsonkologie erreichte 2025 ein Volumen von rund 40 Milliarden Dollar. Bis 2035 soll er sich auf über 104 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln – das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von gut zehn Prozent.

Getrieben wird das Wachstum durch eine alternde Weltbevölkerung und sozioökonomische Veränderungen. Laut Prognosen wird die Zahl der jährlichen Krebsneuerkrankungen weltweit bis 2040 um 47 Prozent auf 28,4 Millionen steigen – verglichen mit 2022.

Parallel dazu beschleunigen staatliche Investitionen, ein Biotechnologie-Boom und die Digitalisierung von Gesundheitsdaten die Innovationstätigkeit im gesamten Onkologie-Ökosystem: von der Arzneimittelforschung über die Diagnostik bis hin zur intelligenteren Konzeption klinischer Studien.

Sansone und Michielssens beobachten zudem einen Wandel auf Patientenseite. Die Betroffenen kümmerten sich zunehmend aktiv um ihre eigene Versorgung und suchten nach personalisierten Informationen für eine fundierte Entscheidungsfindung. Ein höheres Engagement der Patienten führe wiederum zu einer besseren Beziehung zwischen Patient und Therapeut, einer besseren Einhaltung der Therapie und letztlich zu besseren klinischen Ergebnissen.

Flüssigbiopsie: Dem Krebs auf der Spur, bevor er sichtbar wird

Im Zentrum der neuen diagnostischen Ansätze steht die sogenannte Flüssigbiopsie. Das Verfahren basiert auf der molekularen Analyse von Blutproben, bei der nach Spuren von Tumor-DNA gesucht wird – der zirkulierenden Tumor-DNA, kurz ctDNA. Damit lassen sich Rückfallrisiken Monate oder sogar Jahre früher erkennen als mit herkömmlichen bildgebenden Verfahren wie CT oder MRT.

Das Problem, das die Flüssigbiopsie adressiert, ist gravierend: Nach einer Operation oder Behandlung eines Primärtumors werden Patienten häufig anhand von Bildgebung als tumorfrei eingestuft. Doch mikroskopische Reservoirs von Krebszellen – die sogenannte minimale Resterkrankung (MRD) – können unentdeckt bestehen bleiben und später zu einem Rückfall oder zur Metastasierung führen. Der Nachweis dieser unsichtbaren Erkrankung stellt eine grosse Herausforderung für die herkömmliche Diagnostik dar.

Die Flüssigbiopsie schliesst diese Lücke. Selbst wenn nur eine minimale Resterkrankung auf mikroskopischer Ebene vorhanden ist, kann ctDNA durch hochempfindliche und nicht-invasive molekulare Tests nachgewiesen werden. Entscheidend ist laut den beiden Candriam-Experten, dass die ctDNA-Analyse über die reine Früherkennung hinausgeht: Mit ihrer Hilfe lassen sich genetische Veränderungen in Tumoren identifizieren, von denen einige mit gezielten Therapien behandelbar sind. Diese doppelte Funktion – der Nachweis von Restkrankheiten und die gleichzeitige Bereitstellung von Informationen für Therapieentscheidungen – stelle die Grundlage für das Zeitalter der MRD-gesteuerten Präzisionsonkologie dar.

Erste klinische Erfolge: Von Bauchspeicheldrüsen- bis Darmkrebs

Dass der Ansatz funktioniert, zeigen erste klinische Ergebnisse bei verschiedenen Tumorarten. Bei Bauchspeicheldrüsenkrebs – einer der aggressivsten Krebsformen – hat sich gezeigt, dass der Nachweis des mutierten KRAS-Gens metastatische Rückfälle früher anzeigt als herkömmliche Methoden. Neue zielgerichtete KRAS-Medikamente befinden sich laut Sansone und Michielssens derzeit in der Spätphase der klinischen Entwicklung und könnten noch in diesem Jahr in den USA zugelassen werden.

Bei Darmkrebs zeigen aktuelle Studien, dass MRD-positive Patienten nach der chirurgischen Entfernung des Primärtumors deutlich schlechtere Überlebenschancen haben. Gelingt es hingegen, den MRD-Status während der Chemotherapie von positiv auf negativ umzuwandeln, geht dies mit einem langfristigen Überleben einher. Das eröffnet eine differenziertere Behandlungsstrategie: Hochrisikopatienten erhalten eine intensivere Therapie, während Patienten mit niedrigem Risiko unnötige Nebenwirkungen erspart bleiben.

Ähnlich ermutigende Ergebnisse liegen für metastasierenden Nierenkrebs, Melanome und Gebärmutterhalskrebs vor. Bei all diesen Erkrankungen lassen sich Krankheitsverlauf, Rückfälle und Überlebenschancen durch die Überwachung der ctDNA zuverlässiger prognostizieren als mit bisherigen Methoden.

Aus biologischer Sicht bietet ein Eingreifen in der MRD-positiven Phase klare Vorteile, wie die Autoren betonen. Die mikroskopische Erkrankung zeichne sich in der Regel durch eine geringere Tumorlast und eine geringere genetische Vielfalt aus – und spreche daher besser auf die Behandlung an. Die klinische Erfahrung zeige, dass Medikamente wirksamer seien, wenn sie frühzeitig eingesetzt würden, bevor es zu einer weitreichenden Metastasierung komme.

Zelltherapie als nächste Stufe: Einmal behandeln, dauerhaft heilen

Einen weiteren Paradigmenwechsel erwarten Sansone und Michielssens von der Kombination der MRD-Diagnostik mit Zelltherapien. Dabei handelt es sich um gentechnisch veränderte Immunzellen, die darauf programmiert sind, bestimmte Krebsklone gezielt zu erkennen und zu zerstören. Diese individualisierten Immuntherapien könnten als einmalige, potenziell kurative Behandlungen verabreicht werden – mit dem Ziel einer dauerhaften Krankheitskontrolle bei gleichzeitiger Minimierung langfristiger Nebenwirkungen.

Die Dringlichkeit dieses Ansatzes illustrieren jüngste Studien zu Lymphomen. Dort hat die Flüssigbiopsie Resttumorzellen nachgewiesen, die von der klassischen Bildgebung übersehen wurden. Bis zu 80 Prozent der MRD-positiven Patienten erlitten letztlich einen Rückfall. Ein frühzeitiges Eingreifen mittels Zelltherapie zielt darauf ab, eine Überbehandlung zu vermeiden und gleichzeitig jene Therapien zu priorisieren, die das günstigste Nutzen-Risiko-Profil aufweisen.

Durch die Kombination von MRD-Tests mit dem frühen Einsatz von Zelltherapien bewege sich die Onkologie auf ein neues Behandlungsparadigma zu, schreiben die Autoren: Patienten erhielten die wirksamsten Behandlungen nur einmal – und zum optimalen Zeitpunkt.

Onkologie als defensives Investment in unsicheren Zeiten

Aus Anlegersicht bietet der Onkologiesektor laut der Candriam-Analyse ein attraktives Chance-Risiko-Profil. Die Nachfrage im Gesundheitswesen sei weitgehend unempfindlich gegenüber Konjunkturzyklen. Krebs bleibe die zweithäufigste Todesursache in den USA und weltweit – die Nachfrage nach wirksamen Therapien bestehe unabhängig von der wirtschaftlichen Grosswetterlage.

Der Sektor profitiere von anhaltender Innovation, hoher Preissetzungsmacht, starken Gewinnspannen und expandierenden klinischen Märkten. Viele Onkologie-Unternehmen verfügten über solide Bilanzen mit steigenden Umsätzen und seien weniger anfällig für höhere Finanzierungskosten.

Besonders interessant ist aus Sicht der Autoren ein Bewertungsparadox: Zahlreiche Unternehmen, deren Produkte sich in einem fortgeschrittenen Entwicklungsstadium befänden oder die kurz vor der Zulassung eines Medikaments stünden, seien an der Börse noch bewertet wie Firmen in der Frühphase. Sansone und Michielssens sehen darin ein Signal für erhöhte Investitionsmöglichkeiten.

Auch die Konsolidierungsdynamik in der Branche spreche für den Sektor. Allein 2025 gab es vier grosse Akquisitionen im Bereich Onkologie durch grosse Pharmakonzerne, die 34 Prozent des gesamten in Fusionen und Übernahmen investierten Kapitals ausmachten. Die Autoren erwarten, dass sich diese Übernahmeaktivität weiter erholen wird.

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