09.03.2026, 08:23 Uhr
Die globalen Finanzmärkte befinden sich am Montag im freien Fall. Ausgelöst durch einen massiven Ölpreisschock im Zuge des anhaltenden Irankriegs brachen die Aktienmärkte in Asien ein, und auch für Europa und die...
Private Credit, der 3-Billionen-Dollar-Markt, erlebt in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom – auch dank der Öffnung für private Anleger. Nun erlebt der Markt seine erste ernsthafte Liquiditätskrise. Was sind die Folgen für Kleinsparer und Pensionskassen?
Am Freitagmorgen, dem 6. März 2026, trudelte eine kurze Pressemitteilung in den Postfächern von Finanzberatern und institutionellen Investoren rund um den Globus ein. Sie war nüchtern formuliert, vorsichtig im Ton, bewusst als Routinemassnahme verkleidet. Doch in der eng vernetzten Welt des Private Credit hatte die Ankündigung die Wucht eines Donnerschlags.
BlackRock, der weltgrösste Vermögensverwalter, hatte Auszahlungen aus einem seiner grössten Private-Credit-Fonds beschränkt, nachdem Rückgabeanfragen sprunghaft angestiegen waren. Investoren des 26-Milliarden-Dollar-schweren HPS Corporate Lending Fund hatten Rücknahmen in Höhe von 9,3 Prozent ihrer Anteile beantragt. BlackRock bediente davon nur 620 Millionen Dollar – durch Aktivierung einer vertraglichen Klausel, die quartalsweise Rücknahmen auf fünf Prozent der ausstehenden Anteile deckelt.
Das ist das erste Mal in der Geschichte des Fonds, dass diese Schwelle überschritten wurde. Und es ist nicht irgendein Fonds.
Die BlackRock-Aktie seit dieser der Ankündigung um über 8 Prozent. Aktien der Konkurrenten Blackstone, Apollo und KKR verloren fünf bis sechs Prozent. Die Märkte reagierten nicht auf eine schlechte Quartalszahl oder eine Gewinnwarnung, sondern auf eine strukturelle Erkenntnis, die sich seit Monaten aufgebaut hatte: Private-Credit-Fonds haben ein fundamentales Liquiditätsproblem. Ihre Kredite laufen drei bis sieben Jahre, aber viele Fonds versprechen quartalsweise Rückgabemöglichkeiten. Insbesondere bei denjenigen Tranchen, die auch privaten Anlegern zugänglich gemacht werden. Dieses Missverhältnis, so die Erkenntnis vieler Beobachter, ist ein Design-Fehler, der in einem freundlichen Zinsumfeld unsichtbar blieb. In rauheren Zeiten kehrte jedoch der Wind.
Eine kurze Vorgeschichte: BlackRock erwarb HPS Investment Partners für rund zwölf Milliarden Dollar – die grösste Akquisition in der Geschichte des Unternehmens und eine Wette von CEO Larry Fink darauf, dass Private Credit die prägende Anlageklasse des nächsten Jahrzehnts darstellt. Kaum ein Jahr später muss ausgerechnet das Flaggschiff des Deals zum ersten Mal die Rücknahmen einschränken.
Der Moment ist symptomatisch für eine branchenweite Stressreaktion, die sich bereits Wochen zuvor ankündigte. Die grossen Private-Credit-Plattformen reagierten dabei auf sehr unterschiedliche Weise – und verraten damit viel über ihre jeweiligen Prioritäten.
Mohamed El-Erian, der frühere Chef des weltgrössten Anleihemanagers PIMCO, stellte öffentlich die Frage, ob der Fall Blue Owl ein «Ein Kanarienvogel in der Kohlemine» für Private Credit sei. Die Metapher ist treffend: Bergarbeiter nahmen früher Kanarienvögel mit, weil diese empfindlicher auf giftige Gase reagierten als Menschen. El-Erians Frage war: Sehen wir hier die ersten Vorboten eines viel grösseren Zusammenbruchs?
Die Zahlen legen nahe, dass zumindest erheblicher Druck aufgebaut wurde. Die Investment-Analyse-Firma RA Stanger prognostiziert für die Branche einen Rückgang der BDC-Kapitalformation von rund 40 Prozent im Jahresvergleich. Bewertungsprobleme verschärfen die Lage: Herabstufungen übertrafen Heraufstufungen zuletzt im Verhältnis 3,3 zu 1, und eine Serie hochkarätiger Insolvenzen von Leveraged-Loan-Kreditnehmern Ende 2025 sowie die zunehmende Nutzung von Payment-in-Kind-Optionen – bei denen Zinsen nicht in bar, sondern in Form von zusätzlichen Schulden gezahlt werden – signalisieren spätzyklisches Verhalten.
Der Konsens unter Marktexperten lautet dennoch: Wir erleben keinen abrupten Lehman-Moment, sondern es zeichnet sich ein langer Workout-Zyklus mit mehr Restrukturierungen, mehr «Amend-and-Extend»-Transaktionen und einer Konsolidierung zugunsten grosser, kapitalkräftiger Plattformen ab.
Mitten in diese Krise hinein wurde nun eine politische Entscheidung getroffen, die Kritiker als gefährliches Timing bezeichnen. Präsident Trump unterzeichnete im August 2025 eine Executive Order mit dem Titel «Democratizing Access to Alternative Assets for 401(k) Investors», die den Weg für Private-Credit-Investitionen in Pensionssparpläne ebnen soll.
Das Motiv der Branche ist transparent: Private-Market-Asset-Manager registrieren eine nachlassende Nachfrage von institutionellen Investoren und drängen daher auf Zugang zu den rund 13 Billionen Dollar, die in amerikanischen 401(k)-Pensionssparplänen angelegt sind. Wealth Management Apollo-Chef Marc Rowan hatte öffentlich erklärt, diesen Pool anzusteuern.
Die Gegner dieser Pläne sind prominent. Das Analysehaus Better Markets argumentiert, dass ein 401(k)-Anleger, der seine Position während eines Marktabschwungs liquidieren muss, vor dramatisch eingeschränkten Optionen stünde – mit potenziell schwerwiegenden Folgen. Dazu kommen die Gebühren: Während der durchschnittliche gebührengewichtete Kostensatz von Zielfonds-Investmentfonds Ende 2024 bei nur 0,29 Prozent lag, verlangen die meisten Private-Credit-Vehikel über ein Prozent Managementgebühr plus Erfolgsgebühren von bis zu 20 Prozent.
Gleichzeitig zeigen Daten, dass die 15 grössten Private-Equity-Evergreen-Fonds im Jahr 2025 eine mediane Rendite von 11,97 Prozent erzielten – rund die Hälfte der 22,34 Prozent des MSCI ACWI Index, und deutlich weniger als der S&P 500, der 17,43 Prozent lieferte. Private Equity Stakeholder Project
Ein für Hochvermögende konzipiertes Produkt mit professioneller Beratung ist strukturell nicht dasselbe wie eine Allokation, die in Zieldatumsfonds oder Plan-Defaults eingebettet ist. Das ist die eigentliche Debatte – und sie findet genau in dem Moment statt, in dem Private Credit seine erste echte Liquiditätsprobe durchläuft.
Ein weiteres strukturelles Risiko bleibt in der Diskussion weitgehend unterbelichtet: die Konzentration der Industrie auf Technologie- und Software-Unternehmen. Private-Credit-Fonds brüten über wachsende Bedenken wegen ihrer Exponierung gegenüber Unternehmen, die durch künstliche Intelligenz destabilisiert werden könnten. Der HPS-Fonds allein weist einen Softwareanteil von 19 Prozent aus. UBS-Kreditstrategen sehen im Extremszenario Ausfallraten von 14 bis 15 Prozent, falls KI-Disruption die Cashflows vieler Kreditnehmer flächendeckend trifft.
HPS Investment Partners begründete die Rücknahmebeschränkung damit, das verfügbare Kapital des Fonds für neue Investitionsmöglichkeiten zu erhalten – und dies sei im Gesamtinteresse des Fonds. Das mag stimmen. Blackstones BCRED hat seit seiner Auflegung eine Rendite von 9,8 Prozent erzielt; die Herausforderung ist tatsächlich eine der Liquidität, nicht der Performance.
Doch das strukturelle Dilemma bleibt. Um Private Credit an Retailanleger zu verkaufen, muss man ihnen Liquidität anbieten. Mehrjährige Lock-ups, die bei institutionellen Investoren üblich sind, sind nicht durchsetzbar – doch genau diese brauchen Private-Credit-Strategien. Dieser Widerspruch ist nicht durch Produktinnovation auflösbar. Er ist dem Geschäftsmodell inhärent.