Gold unter Zinsdruck: Warum jetzt die Realzinsen den Takt vorgeben

Was bedeutet der sinkende Goldpreis für Anleger? (Bild: Adobe Stock)
Was bedeutet der sinkende Goldpreis für Anleger? (Bild: Adobe Stock)

Gold hat im September 8,5 Prozent verloren, obwohl Anleger so viel Geld in Gold-ETF steckten wie selten zuvor. Der Grund liegt am Anleihenmarkt: Steigende Renditen und ein festerer Dollar verteuern das Halten des zinslosen Metalls. Für Schweizer Anleger sieht die Bilanz allerdings deutlich weniger dramatisch aus – und mehrere Research-Häuser sehen in den hohen Zinsen langfristig sogar ein Argument für Gold.

09.10.2026, 07:38 Uhr
Asset Management

Redaktion: asc

Die Zahlen des World Gold Council (WGC) sind deutlich: Ende September notierte Gold bei 4'176 US-Dollar je Feinunze. Das entspricht einem Monatsminus von 8,5 Prozent und einem Rückgang von 4,4 Prozent seit Jahresbeginn. Vom Rekordhoch bei 5'405 US-Dollar, erreicht am 29. Januar 2026, ist das Edelmetall damit rund 23 Prozent entfernt.

Das ist auf den ersten Blick erstaundlich: Im gleichen Monat stieg die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen um 53 Basispunkte auf rund 5,3 Prozent, der Dollarindex DXY legte um 2 Prozent zu. Die US-Notenbank hatte im September die Leitzinsen um 25 Basispunkte angehoben; die Obergrenze des Zielbands liegt nun bei 4 Prozent. Der Markt rechnet mit weiteren Schritten: Laut Händlerdaten liegt die Wahrscheinlichkeit einer zusätzlichen Zinserhöhung bis Jahresende bei über 80 Prozent. Im Erklärungsmodell des WGC gehören höhere Renditen und der stärkere Dollar zu den wichtigsten Treibern des Septemberrückgangs. Anfang Oktober hat sich Gold stabilisiert und notierte am 9. Oktober im Bereich von 4'200 US-Dollar.

In Franken kaum Verluste

Für Anleger mit Referenzwährung Franken fällt die Bilanz anders aus. Weil der Dollar zulegte, dämpfte der Wechselkurs den Rückgang. Der schwächere Franken ist nicht nur ein Segen für Exportunternehmer, sondern auch für Investoren, die in Gold investieren.

Per 30. September 2026

in US-Dollar

in Franken

Goldpreis je Feinunze

4'176 US-Dollar

3'488 Franken

Performance September

−8,5 Prozent

−5,6 Prozent

Performance seit Jahresbeginn

−4,4 Prozent

+0,9 Prozent

Quelle: World Gold Council, Bloomberg

Rekordzuflüsse in ETF – und trotzdem fallende Preise

Bemerkenswert bleibt, wie stark die Nachfrageseiten auseinanderliefen. Weltweit flossen im September rund 10 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 67 Tonnen in physisch hinterlegte Gold-ETF. Die Bestände erreichten mit 4'256 Tonnen einen neuen Rekord. Im dritten Quartal summierten sich die Zuflüsse auf 211 Tonnen.

Das ist die eine Seite der Medaille. Denn gleichzeitig reduzierten spekulative Anleger an der New Yorker Terminbörse COMEX ihre Netto-Long-Positionen der Kategorie «Managed Money» um 84 Tonnen. Der WGC wertet diese Liquidation als zusätzlichen Belastungsfaktor. Strategische Käufer bauten also auf, während taktische Händler ausstiegen – und Letztere bestimmten kurzfristig den Preis.

Der Mechanismus: Opportunitätskosten

Wie ist die jünste Entwicklung zu werten. Gehen wir einen Schritt zurück: Gold zahlt weder Zins noch Dividende. Steigen die inflationsbereinigten Renditen sicherer Anleihen, wird das Halten von Gold relativ teurer. Entscheidend ist deshalb nicht der einzelne Fed-Entscheid, sondern der langfristige Realzins, also die Nominalrendite abzüglich der erwarteten Inflation.

Die Forschung stützt diesen Zusammenhang. Ökonomen der Federal Reserve Bank of Chicago haben 2021 die Goldpreistreiber seit 1971 untersucht. In ihrer jährlichen Schätzung ging ein Anstieg des langfristigen Realzinses um einen Prozentpunkt mit einem um 13,1 Prozent tieferen realen Goldpreis einher. Die Autoren betonen allerdings zwei Einschränkungen: Die Regression zeigt eine Korrelation, keine Kausalität. Und vor 2001 ist der negative Zusammenhang in den Daten nicht erkennbar. Eine feste Faustregel für den nächsten Zinsschritt lässt sich daraus nicht ableiten.

Wie eng die Rechnung derzeit aufgeht, zeigt ein Modell von WisdomTree aus dem Juli. Der zentrale Prognosewert lag damals bei 4'563 US-Dollar bis zum zweiten Quartal 2027 – unter der Annahme einer zehnjährigen US-Rendite von 4,33 Prozent. In einer Sensitivitätsrechnung mit einer Rendite von 5,24 Prozent und einem stärkeren Dollar ergab das Modell rund 4'209 US-Dollar. Genau in diesem Bereich notiert Gold heute.

Der Gegenkanal: Schulden und Laufzeitprämien

Ein Renditeanstieg ist allerdings nicht immer ein Zeichen für straffere Geldpolitik oder robustes Wachstum. Er kann auch höhere Laufzeitprämien und Zweifel an der Tragfähigkeit der Staatsfinanzen widerspiegeln. Der WGC sieht dafür erste Hinweise in Europa: In Grossbritannien kauften Gold-ETF im dritten Quartal 54 Tonnen, während ein einfaches Modell nur rund 18 Tonnen erwarten liess. Diese überschüssigen Zuflüsse bewegten sich seit Juli parallel zur britischen Laufzeitprämie. Der WGC räumt ein, dass der Beobachtungszeitraum kurz ist.

State Street Investment Management argumentiert ähnlich: Rekordverschuldung und steigende Zinskosten verschärfen die fiskalischen Ungleichgewichte vieler Industriestaaten. Das stütze die Nachfrage nach Gold als alternativer monetärer Anlage – auch wenn höhere Renditen kurzfristig dagegen sprechen.

Zinsanstieg ist also nicht gleich Zinsanstieg. Für Anleger lautet die Schlüsselfrage deshalb: Steigen die Renditen wegen besserer realer Ertragschancen, oder weil das Vertrauen in Anleihen und Währungen erodiert? Im ersten Fall bleibt Gold unter Druck, im zweiten kann es profitieren.

Prognosen: Vorsichtiger, aber konstruktiv

State Street hat in seinem jüngsten Gold Monitor (Daten per 30. September) das Basisszenario bestätigt, die Wahrscheinlichkeit aber gesenkt. Erwartet wird ein Goldpreis von 4'750 bis 5'500 US-Dollar bis Ende des ersten Quartals 2027; die Wahrscheinlichkeit dafür beziffert der Vermögensverwalter neu auf 60 statt 70 Prozent.

Im Negativszenario (35 Prozent Wahrscheinlichkeit) bewegt sich Gold in den kommenden sechs bis neun Monaten in der Spanne von 4'000 bis 4'750 US-Dollar. Als technische Unterstützung nennt State Street den Bereich um 4'000 US-Dollar.

Optimistischere Kursziele aus dem Frühjahr – etwa 6'000 US-Dollar und mehr – stammen aus der Zeit vor dem Zins- und Preisrückschlag und sollten nicht als aktuelle Einschätzungen gelesen werden.

Kurzfristig bleibt Gold zins- und dollaranfällig. Die längerfristig positiven Prognosen setzen voraus, dass Schuldensorgen und strategische Nachfrage den Zinsgegenwind überwiegen. Das ist ein plausibles Szenario, aber keine Gewissheit.

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