02.10.2025, 08:38 Uhr
Der ChatGPT-Anbieter OpenAI hat bei der Platzierung von Belegschaftsanteilen an Investoren offenbar eine Bewertung von rund einer halben Billion US-Dollar erreicht.
Zwei Börsengänge, zwei Strategien, ein Richtungsentscheid, der Folgen für die Finanzmärkte hat: Während OpenAI mit 852 Milliarden Dollar Bewertung auf den grössten IPO der Technologiegeschichte zusteuert, hat Rivale Anthropic die Umsatzführerschaft übernommen – und sorgt nebenbei für Alarmstimmung in Washington.
Selten lagen technologischer Aufbruch, strategische Neuausrichtung und regulatorische Alarmbereitschaft so nah beieinander wie in diesen Wochen. Der Kampf um die Vorherrschaft in der kommerziellen KI-Industrie hat eine neue Qualität erreicht – und stellt Investoren vor eine Frage, die in ihrer Tragweite kaum zu überschätzen ist: Welche der beiden grössten KI-Firmen der Welt ist die bessere Wette für den bevorstehenden Börsengang?
Die Zahlen sind gigantisch. OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, schloss zuletzt eine Finanzierungsrunde mit einem Gesamtvolumen von 122 Milliarden Dollar ab – die grösste private Kapitalrunde in der Geschichte der Technologiebranche. Die Bewertung des Unternehmens stieg damit auf 852 Milliarden Dollar. Zu den Hauptinvestoren zählen Amazon mit einer Zusage von bis zu 50 Milliarden Dollar sowie SoftBank und Nvidia. Ein IPO wird laut CNBC bereits für das vierte Quartal 2026 angestrebt, wobei CEO Sam Altman die Marke von einer Billion Dollar als Zielgrösse nennt.
Im begleitenden Investor-Pitching spielte OpenAI offensiv die Karte der Infrastrukturstärke. Das Unternehmen betonte explizit seinen Rechenvorteil gegenüber Claude-Produzentin Anthropic: Laut eigenen Angaben verfügt OpenAI über gesicherten Zugang zu 8 Gigawatt Rechenkapazität – ein Niveau, das Anthropic nach interner Einschätzung erst Ende 2027 erreichen werde. Gleichzeitig wurde Amazon Web Services als exklusiver Drittanbieter für die Enterprise-Plattform etabliert, schreiben diverse Medien. Die Botschaft an institutionelle Investoren war klar: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die KI-Ökonomie.
Doch das Bild erhält Risse. OpenAI generiert zwar derzeit 2 Milliarden Dollar Monatsumsatz. Gleichzeitig schreibt das Unternehmen weiterhin tiefrote Zahlen – interne Projektionen rechnen für 2026 allein mit 14 Milliarden Dollar Verlust. Profitabilität wird frühestens 2030 erwartet, HSBC schätzt, dass OpenAI bis dahin über 200 Milliarden Dollar an zusätzlichem Kapital benötigen wird.
Intern mehren sich die Zeichen strategischer Unruhe. OpenAI-CEO Sam Altman rief Ende 2024 einen «Code Red» aus – eine Aufforderung an die Belegschaft, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Kurz darauf mahnte Fidji Simo, CEO of Applications, die Mitarbeiter, «Side Quests» fallen zu lassen. Wenige Wochen später kaufte das Unternehmen eine Tech-Talkshow im «niedrigen dreistelligen Millionenbereich» – eine Massnahme, die selbst unter Investoren auf Unverständnis stiess. «Ich begreife es ehrlich gesagt nicht, es ergibt keinen Sinn», zitierte die Financial Times einen OpenAI-Investor anonym. Parallel wurden der Videodienst Sora eingestellt und Stargate-Expansionspläne in Grossbritannien sowie Texas zurückgefahren.
Intern soll OpenAI-CFO Sarah Friar Zweifel an der operativen Reife des Unternehmens für einen Börsengang im späten Jahr 2026 geäussert haben. Dass ausgerechnet die Finanzchefin öffentlich bremst, ist ein ungewöhnliches Signal – und macht deutlich, wie viel Druck hinter den Kulissen herrscht.
Während OpenAI im Vorfeld eines Börsengangs mit sich ringt, vollzog Anthropic in den vergangenen Wochen einen der bemerkenswertesten Wachstumssprünge in der Geschichte des Technologiesektors. Das Unternehmen meldete einen annualisierten Umsatz von über 30 Milliarden Dollar – nachdem es noch Ende 2025 bei 9 Milliarden Dollar gelegen hatte und Anfang März 2026 bei 19 Milliarden. Damit hat Anthropic laut Axsios erstmals OpenAI überholt. Pikant: Es waren frühere Mitarbeiter von OpenAI, die Anthropic gegründet hatten.
Analysten von Jefferies rechnen vor, dass Anthropic im ersten Quartal 2026 rund 21 Milliarden Dollar an neuem annualisiertem Umsatz hinzugewann – mehr als ein Drittel des gesamten Nettowachstums aller von Jefferies beobachteten Software-Unternehmen im Jahr 2025. Selbst historische Wachstumsstories wie die Google-Suche oder Salesforce lassen sich kaum vergleichen: Salesforce benötigte rund 20 Jahre, um 30 Milliarden Dollar Jahresumsatz zu erreichen. Anthropic tat es in unter drei Jahren.
Der zentrale Wachstumstreiber ist das Unternehmensgeschäft. Die Zahl der Enterprise-Kunden, die mehr als eine Million Dollar jährlich für Claude ausgeben, hat sich laut Analytics Insight in weniger als zwei Monaten auf über 1'000 verdoppelt. Im Enterprise-Segment der LLM-API-Anbieter kommt Anthropic auf einen Marktanteil von 32 Prozent, gegenüber 25 Prozent bei OpenAI – sieben von zehn neuen Unternehmenskunden entscheiden sich für Anthropic.
Den entscheidenden Hebel lieferte dabei Anthropics frühzeitiger Fokus auf Entwickler-Tools. Claude Code, im Mai 2025 öffentlich gestartet, erzielte bis Februar 2026 einen annualisierten Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar. Business-Abonnements hatten sich im selben Zeitraum vervierfacht. Das Model Context Protocol (MCP), Anthropics offener Standard für die Anbindung von KI-Agenten an externe Systeme, überschritt im März 2026 die Marke von 97 Millionen Installationen – mittlerweile liefern alle grossen KI-Anbieter MCP-kompatible Tools.
Während Anthropic im Unternehmensgeschäft Rekorde bricht, sorgt ein weiterer Aspekt des Unternehmens für Aufsehen – diesmal auf regulatorischer Ebene. US-Finanzminister Scott Bessent und Fed-Vorsitzender Jerome Powell beriefen vergangene Woche eine Dringlichkeitssitzung mit den CEOs der grössten US-Banken ein, um vor Cyberrisiken durch Anthropics neues KI-Modell «Mythos» zu warnen.
Das Treffen fand im Finanzministerium in Washington statt. Anthropic hatte «Mythos» zwar Anfang April vorgestellt, aber bewusst auf eine breite Veröffentlichung verzichtet. Der Grund: Das Modell ist in der Lage, Tausende hochgradiger Zero-Day-Sicherheitslücken zu identifizieren – in gängigen Betriebssystemen und Webbrowsern. Interne Tests belegten unter anderem die Entdeckung einer 27 Jahre alten Schwachstelle im Betriebssystem OpenBSD sowie einer 16 Jahre alten Lücke in der FFmpeg-Bibliothek, die trotz Millionen automatisierter Testdurchläufe unentdeckt geblieben war. Der Zeitraum zwischen der Entdeckung einer Sicherheitslücke und der Entwicklung eines funktionsfähigen Exploits soll sich durch Mythos von Monaten auf Minuten verkürzt haben.
Anthropic beschränkt den Zugang zu Mythos derzeit auf ausgewählte Enterprise-Sicherheitsteams, die das Modell ausschliesslich für Verteidigungszwecke einsetzen sollen. Die Tatsache, dass Bessent und Powell persönlich intervenieren mussten, deutet gleichwohl darauf hin, dass das Modell eine neue Dimension in der Debatte um staatliche KI-Kontrolle eröffnet hat – und diese Debatte könnte auch den bevorstehenden Börsengang mit regulatorischen Unsicherheiten belasten. Schon die Ankündigung von Mythos hat offenbar auch die Finanzmärkte bewegt und die Aktien der Cybersecurity-Experten unter Druck gesetzt.
Zurück zum grössten Börsengang der Geschichte, demjenigen von OpenAI. Ein Bereich, in dem OpenAI weiterhin die Nase vorn hat, ist die Rechenkapazität. Das Unternehmen kommuniziert intern bereits 8 Gigawatt gesicherter Infrastruktur und peilt bis 2030 einen Ausbau auf 30 Gigawatt an. Auch wenn Grossankündigungen wie Stargate UK und Texas-Erweiterungen zurückgeschraubt wurden – ist die Positionierung gegenüber Anthropic deutlich.
Anthropic hat laut einem Artikel in Medium seinerseits reagiert. Eine neue Vereinbarung mit Google und Broadcom sieht rund 3,5 Gigawatt an Next-Generation-TPU-Kapazität vor, die ab 2027 schrittweise bereitgestellt werden sollen – ergänzt durch rund ein Gigawatt bereits für 2026 zugesagte Google-Rechenleistung. CFO Krishna Rao betonte, das Unternehmen verfolge beim Infrastrukturausbau einen «disziplinierten Ansatz» – eine Formulierung, die auch als Reaktion auf Anthropics gelegentliche Kapazitätsengpässe und Ausfälle zu verstehen ist, von denen OpenAI in Investor-Briefings explizit berichtete.
Die Rivalität zwischen OpenAI und Anthropic mündet in ein Szenario, das für die Kapitalmärkte aussergewöhnlich ist: Zwei der am höchsten bewerteten Privatunternehmen der Welt streben innerhalb weniger Monate an die Börse. Anthropic evaluiert einen IPO bereits im Oktober 2026, der bei der aktuellen Bewertung von 380 Milliarden Dollar mehr als 60 Milliarden Dollar einbringen könnte. OpenAI visiert ebenfalls das vierte Quartal an – mit Ambitionen jenseits der Billion-Dollar-Marke.
Für Investoren stellt sich die Frage mit wachsender Schärfe: Rechtfertigt OpenAIs Ökosystem-Kontrolle und Infrastrukturstärke den erheblichen Bewertungsaufpreis gegenüber Anthropic? Daten von Sekundärmarktplattformen, die Anteile beider Unternehmen handeln, deuten inzwischen darauf hin, dass Käufer erstmals eine Prämie auf Anthropic-Anteile zahlen.
Roy Luo, Partner beim Anthropic-Grossinvestor Iconiq Capital, brachte die veränderte Stimmungslage gegenüber der Financial Times auf den Punkt: «Es gibt Platz für beide – aber es gibt fundamental eine Nummer Eins und eine Nummer Zwei, und die Nummer Eins gewinnt überproportional. Wir haben entschieden. Wir haben stark in Anthropic investiert.» Eine Einschätzung, die er mit einem Vorbehalt verband: Genau dasselbe habe man im Vorjahr über OpenAIs frühe Investoren gesagt.
Die öffentlichen Märkte werden das finale Urteil sprechen – voraussichtlich noch in diesem Jahr.