19.05.2026, 08:38 Uhr
Nach dem Gerichtsurteil von dieser Woche wird immer deutlicher: Mit SpaceX, OpenAI und Anthropic stehen drei Tech-Schwergewichte mit einem geschätzten Gesamtwert von rund 3 Billionen USD vor dem Sprung an die Börse....
Der KI-Konzern Anthropic hat bei der US-Börsenaufsicht SEC vertraulich einen Registrierungsentwurf für einen Börsengang eingereicht. Zuletzt mit 965 Milliarden US-Dollar bewertet, könnte das Unternehmen im Herbst eines der grössten Tech-IPOs der Geschichte vollziehen – im Schulterschluss mit OpenAI und SpaceX.
Anthropic, der Anbieter der KI-Modellfamilie Claude, teilte mit, einen vertraulichen Entwurf eines Registrierungsdokuments (Form S-1) bei der U.S. Securities and Exchange Commission eingereicht zu haben. Ein vertrauliches Filing erlaubt es einem Unternehmen, den IPO-Prozess vorzubereiten und Rückmeldungen der Aufsichtsbehörde einzuholen, ohne sofort detaillierte Finanzzahlen, Risiken und interne Geschäftsdaten offenzulegen. Anthropic verschafft sich damit Spielraum: Das Unternehmen kann Marktumfeld und Investoreninteresse prüfen und sich bei ungünstigen Bedingungen ohne grosses öffentliches Aufsehen zurückziehen.
Mit dem Schritt zieht Anthropic an seinem Rivalen OpenAI gleich, der seinerseits eine vertrauliche Einreichung vorbereitet. Gegründet wurde Anthropic 2021 von den Geschwistern Dario und Daniela Amodei zusammen mit weiteren ehemaligen OpenAI-Mitarbeitenden.
Die Bewertung des Unternehmens ist in kurzer Zeit gestiegen. Im Februar 2026 schloss Anthropic eine Serie-G-Runde über 30 Milliarden US-Dollar ab, die das Unternehmen mit 380 Milliarden US-Dollar bewertete; angeführt wurde sie vom Staatsfonds GIC aus Singapur und vom Investor Coatue. Ende Mai 2026 folgte eine Serie-H-Runde über 65 Milliarden US-Dollar, welche die Bewertung auf 965 Milliarden US-Dollar hievte – mehr als die zuletzt für OpenAI genannten 852 Milliarden US-Dollar. Zum Konsortium der Serie H zählten unter anderem Altimeter Capital, Dragoneer, Greenoaks, Sequoia Capital, Capital Group, Coatue und D1 Capital Partners.
Untermauert wird die Bewertung durch das Umsatzwachstum: Nach Unternehmensangaben erreichte die annualisierte Umsatzrate (Run-Rate) im Mai 2026 rund 47 Milliarden US-Dollar, gegenüber etwa 10 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz ein Jahr zuvor. Strategisch eng verbunden ist Anthropic mit den Hyperscalern Amazon und Google, die das Unternehmen mit Rechenkapazität versorgen und Milliardenbeträge investiert haben; Google legte im April 2026 weitere 10 Milliarden US-Dollar nach.
Mehrere Medien, darunter Bloomberg und The Information, berichten von einem angepeilten Börsengang im Oktober 2026, mit der NASDAQ als erwartetem Handelsplatz. Als mögliche Konsortialführer befinden sich Goldman Sachs, JPMorgan und Morgan Stanley in frühen Gesprächen. Für die rechtliche Begleitung mandatiert ist die Kanzlei Wilson Sonsini, bekannt durch die Börsengänge von Google und LinkedIn. Schätzungen zum Emissionsvolumen reichen bis 60 Milliarden US-Dollar oder mehr.
Einschränkend ist festzuhalten: Anthropic selbst hat sich auf keinen Zeitplan festgelegt. Gegenüber Reuters erklärte ein Sprecher zuletzt, man habe «nicht entschieden, wann oder ob überhaupt» ein Börsengang erfolge. Die Oktober-Terminierung beruht auf Berichten, nicht auf einer offiziellen Bestätigung.
Anthropic steht im direkten Rennen mit zwei weiteren Schwergewichten. OpenAI dürfte mit einer eigenen Einreichung folgen. SpaceX – das Elon Musk's KI-Firma xAI im Februar 2026 übernommen hat – ist bereits einen Schritt weiter: Der Raketen- und Satellitenkonzern reichte seinen Prospekt ein, plant für den 4. Juni eine Roadshow und einen Aktienverkauf ab Mitte Juni, angepeilt werden rund 75 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von etwa 1.75 Billionen US-Dollar. Analysten von Wedbush Securities sprechen von einer «Öffnung der Schleusen» für einen IPO-Markt, der mehrere Jahre weitgehend brachlag.
Trotz der eindrücklichen Zahlen ist der Weg an die Börse nicht ohne Hürden. Die Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar preist bereits erhebliche Wachstumserwartungen ein, womit die IPO-Preisfindung stark vom Marktumfeld im vierten Quartal abhängt. Hinzu kommen hohe Betriebskosten für Recheninfrastruktur und Modelltraining sowie rechtliche Risiken, insbesondere im Bereich Urheberrecht. Beobachter verweisen zudem auf das gleichzeitige Auftreten mehrerer Mega-IPOs, das um dieselbe Anlegerliquidität konkurriert, sowie auf die Konzentration der Kapitalgeberseite: Ein erheblicher Teil des eingesetzten Kapitals stammt von wenigen Hyperscalern, die zugleich als Rechenkapazitäts-Lieferanten auftreten – eine strukturelle Abhängigkeit, die Anleger im Auge behalten dürften.