17.06.2026, 10:13 Uhr
Der Swiss Deep Tech Report 2026 zeichnet ein widersprüchliches Bild: Die Schweiz führt global beim Anteil von Venture Capital in Deep Tech – doch bei den grossen Finanzierungsrunden fehlen einheimische Investoren...
Schweizer Scale-ups haben sich zu einem gewichtigen Faktor der hiesigen Wirtschaft entwickelt. Gleichzeitig verlagern sich mit ihrem Wachstum zunehmend Eigentum und finanzielle Wertschöpfung ins Ausland. Das zeigt der heute erstmals veröffentlichte «Swiss Scale-Up Report 2026».
Scale-ups werden diejenigen Firmen genannt, die aus Startups entstanden sind und stark wachsen wollen. Sie sind meist Technologieführer, haben sich bereits am Markt bewiesen, und betreiben oft schon funktionierende Produktionsanlagen.
Scale-ups sind also bereit, die Produktion auszubauen – zu skalieren. Diese Skalierung ist im Vergleich zur Gründung sehr kapitalintensiv und die Risiken für Investoren sind auch in dieser Phase nicht gering. Entsprechend hoch ist diese Hürde. Doch erst wenn die Firmen diesen Schritt schaffen, können sie etwa an einen Börsengang denken.
Als Beispiel für ein erfolgreiches Scale-up werden der Roboter-Hersteller Anybotics genannt, der von ETH-Forschern gegründet ist und mit seinen Wartungs-Robotern – den «ANYmals» – schon heute international präsent ist. Ein anderes ist Ecorobotix, das mit seinen Traktor-Anhängern «ARA» schon heute in den USA und Brasilien präsent ist und dort dafür sorgt, Düngemittel-Verbrauch stark zu reduzieren.
Genau diese Scale-ups entwickeln sich in der Schweiz prächtig und sind wirtschaftlich sehr relevant. Sie verwandeln Schweizer Forschung in globale Unternehmen mit beachtlichem Marktwert. Dies stellt Joanne Sieber, CEO von Deep Tech Nation Switzerland anlässlich der Publikation des «Swiss Scale-Up Report 2026» fest. Der Report wird von Deep Tech Nation Switzerland, Swisscom Ventures, SIX Swiss Exchange und startupticker.ch herausgegen. Er identifiziert 265 Schweizer Scale-ups mit einem geschätzten Gesamtwert von über 26 Milliarden Franken.
Scale-ups beschäftigen bereits heute zehntausende Fachkräfte. Konkret beschäftigen die 75 in der Studie befragten Scale-ups weltweit rund 6'500 Mitarbeitende, davon etwa 3'700 in der Schweiz. Rund 2'700 Vollzeitstellen entfallen auf Forschung und Entwicklung. Hochgerechnet auf sämtliche Schweizer Scale-ups ergibt sich eine F&E-Beschäftigung von rund 18'000 Personen – eine beachtliche Zahl gegenüber den insgesamt 59'000 Personen, die in der Schweiz im F&E-Bereich tätig sind.
43 Prozent der Scale-ups sind direkte Spin-offs von Schweizer Hochschulen und Forschungsinstituten, 64 Prozent zählen zum Bereich Deep Tech. Edouard Bugnion, Vizepräsident für Innovation und Impact an der EPFL, fasst dies pointiert zusammen: Die nächste Generation Schweizer Scale-ups entstehe im Labor und wachse im Markt.
Der Report zeigt aber auch: Bei der Finanzierung dieser Scale-ups ist das Bild aus Schweizer Sicht weniger erfreulich. 2025 stammten nur 13 Prozent des Wachstumskapitals von Schweizer Investoren. Zum Vergleich: Zwischen 2019 und 2022 waren es im Schnitt nur 27 Prozent. Für Deep Tech Nation ist dieser Befund ein Warnsignal, denn mit dem Kapital verschiebt sich auch das Eigentum. Je wertvoller die Unternehmen werden, desto grösser ist der Anteil des geschaffenen Werts, der im Ausland gehalten wird.
Für Alexander Schlaepfer, Managing Partner bei Swisscom Ventures, ist diese Entwicklung bedauerlich: Heute fehlt es an grossen Wachstumsinvestoren, die Finanzierungsrunden von 50 bis 100 Millionen Franken anführen könnten. Während die Unternehmen dank hiesigen Fördergeldern und Startup-Investoren gewachsen sind, sind es die grossen Investoren nicht. Die Gefahr besteht, dass dadurch Knowhow, welches in der Schweiz – auch mit öffentlichen Geldern – aufgebaut wird, in anderen Ländern kommerzialisiert wird.
Dabei haben die Scale-ups – im Vergleich zu ihren Kollegen in den USA – mit ähnlichen Problem zu kämpfen, mit dem sich auch andere börsenkotierte Firmen in der Schweiz herumschlagen: Der Schweizer Markt ist viel zu klein, der Gang ins Ausland ist unumgänglich. Das gilt für eine ABB oder eine Roche, das gilt heute auch für Ecorobotix oder Anybotics. Drei von vier befragten Scale-ups erwirtschaften gemäss Umfrage schon heute den überwiegenden Teil ihres Umsatzes ausserhalb der Landesgrenzen, rund die Hälfte steigerte den Umsatz zuletzt um mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Kein Wunder dominiert bei den Exit-Plänen das Ausland: 79 Prozent der Firmen ziehen eine Übernahme durch einen ausländischen Konzern in Betracht, nur 39 Prozent durch ein Schweizer Unternehmen. 41 Prozent erwägen einen Börsengang im Ausland, 27 Prozent ein Listing in der Schweiz.
Besonders anspruchsvoll bleibt dabei das Skalieren von Hardware-Geschäftsmodellen. Dominique Mégret, CEO von Ecorobotix, beschreibt die Herausforderung: Es brauche Jahre für Forschung, Entwicklung, Prototypen und Feldtests – und gleichzeitig viel Kapital, um Produktion und Vertrieb zu skalieren.
Die Studie macht also klar: Technologie ist nicht das Haupthindernis für Schweizer Scale-ups. 60 Prozent nennen Vertrieb und Kundengewinnung als wichtigste operative Herausforderung, gefolgt vom Zugang zu Wachstumskapital (37 Prozent) und besser finanzierten Wettbewerbern (28 Prozent).