Bitte nach rechts wischen: Der Tinder-Effekt bei Immobilien

Chris Urwin, Head of Global Research, Real Assets, Aviva Investors
Chris Urwin, Head of Global Research, Real Assets, Aviva Investors

Es ist mitunter schwer zu erkennen, wie sich die Gesellschaft und damit einhergehend die Nutzung von Immobilien verändert. Bei strukturellen Trends sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht.

06.10.2020, 08:26 Uhr

Autor: Chris Urwin, Head of Global Research, Real Assets, Aviva Investors

Investieren ist ein Wettbewerb der Zukunftsprognosen. In die Bewertung von Vermögenswerten fliessen unterschiedliche Einschätzungen hinsichtlich der Aussichten auf Makro-, Markt- und Asset-Ebene ein. Angesichts des langfristigen Anlagehorizonts bei Immobilien ist ein Gespür für strukturelle Trends und Makrothemen unabdingbar. Die heutigen Immobilienanleger profitieren beispielsweise von umfassenden Kenntnissen in Bezug auf Demographie, den technischen Fortschritt und die Entwicklung des Arbeitsmarktes.

Bedeutende strukturelle Trends zu erkennen ist allerdings nicht immer einfach. Sieht man vom Jahr 2020 ab, verlaufen Veränderungen in der Regel schrittweise: Normalerweise verändert sich unser Leben nicht drastisch von einem Jahr auf das andere. Im Laufe von Jahrzehnten kommt es jedoch zu weitreichenden Entwicklungen.

Es ist mitunter schwer zu erkennen, wie sich die Gesellschaft und damit einhergehend die Nutzung von Immobilien verändert. Bei strukturellen Trends sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht – selbst wenn sie so fundamentale Aspekte wie die Partnersuche betreffen.

Viele Beziehungen nehmen online ihren Anfang

Traditionell war die Partnersuche an Bekanntschaften aus dem Umfeld der Familie, des Freundeskreises oder des Arbeitsplatzes gebunden. Heute nehmen die meisten neuen Beziehungen online ihren Anfang, wie eine aktuelle Studie von Tyro Capital Management hervorhob. Unterstützt durch die zunehmende Smartphone-Nutzung hat sich ein kulturelles Tabu inzwischen zur kulturellen Norm entwickelt.

Die Verbreitung von Dating-Apps hat die Kosten der Suche nach geeigneten Matches für eine Verabredung drastisch reduziert und die Anzahl möglicher Kandidatinnen und Kandidaten enorm erhöht. Dank des grossen Angebots ist ein vielversprechendes Rendezvous schnell und mühelos gefunden. Auch die mit einem Treffen verbundenen Risiken sind geringer. Insbesondere für Frauen ist Online-Dating sicherer. Eine Ablehnung erfolgt nicht persönlich, sondern online, und mögliche Kandidaten können im Vorfeld überprüft werden. Und sollte es nicht funken, muss man sich keine Gedanken machen, sich am Arbeitsplatz oder bei Freunden wiederzusehen.

Die Welt von Tinder und Bumble scheint zwar auf den ersten Blick nichts mit der Immobilienbranche zu tun zu haben. Doch der grundlegende Wandel bei der Partnersuche wird in dreierlei Hinsicht grosse Auswirkungen auf den Immobilienmarkt haben.
Erstens ist Online-Dating ein unterschätzter Faktor bei der Haushaltsgründung. Heute heiraten Menschen später und gründen später eine Familie. Häufig werden als Gründe dafür wirtschaftliche Unsicherheit und hohe Wohnkosten angeführt, was zweifellos wichtige Faktoren, doch bei Weitem nicht die einzigen sind.

Grosse Auswirkungen auf den Immobilienmarkt

Bessere Dating-Chancen zu geringeren Kosten setzen Anreize, bei Partnerinnen und Partnern wählerischer zu sein. Die sprichwörtliche Torschlusspanik ist geringer. Dies führt dazu, dass Menschen im Durchschnitt länger Singles bleiben, was wiederum die Nachfrage nach entsprechendem Wohnraum steigert, beispielsweise nach Mietwohnungen für allein lebende Berufseinsteiger.

Allerdings sind die Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt nicht nur positiv, denn das Interesse an Immobilien für getrennt lebende Familien und geschiedene Eltern kann zurückzugehen. Die verfeinerte Partnerfindung beim Online-Dating ist einer der Gründe für rückläufige Scheidungsraten – eine Entwicklung, die weiter anhalten dürfte.

Zweitens hat Online-Dating bedeutende Auswirkungen auf die Attraktivität von Städten. Historisch betrachtet lockte die grosse Zahl potenzieller Partnerinnen und Partner die Menschen in die Städte. Für einige junge Menschen dürften Dating-Apps diesen Reiz noch vergrössern. Andere wiederum werden auch mit kleineren Städten glücklich sein, eben weil der Dating-Markt effizienter funktioniert.

Diese Entwicklung allein wird noch keinen Wandel der Anlageperspektive bewirken, sie kann verbunden mit anderen Faktoren aber wichtig werden. Denn mit dem technischen Fortschritt müssen Menschen nicht mehr zwingend den Aufenthaltsraum teilen. Ein Beispiel hierfür ist das Home Office als Ersatz für das Firmenbüro, ein anderes die verstärkte Kontaktpflege über virtuelle Kanäle. Ein virtuelles Feierabendbier über Zoom kann ein persönliches Treffen vielleicht nicht ersetzen, aber Online-Gaming stellt für Freunde eine grossartige Gelegenheit dar, auch über grössere Entfernung vernetzt zu bleiben. Entscheidend ist dabei nicht das Spiel selbst, sondern der Kontakt: Fortnite beispielsweise wird dabei zum virtuellen Treffpunkt, wo das Spiel in den Hintergrund rückt.

Drittens verändert Online-Dating die Orte, an denen wir einander begegnen. Bars und Nachtclubs erfreuen sich unverändert grosser Beliebtheit, sind aber immer weniger mit der Aussicht auf eine Bekanntschaft verbunden. Entsprechend sollten Immobilienbesitzer die Struktur ihrer Gewerbemieter anpassen. Beispielsweise könnten sich Mieter, die auf Dating-Veranstaltungen spezialisiert sind, als attraktivere Einnahmequellen erweisen. In dieser Hinsicht könnten zwanglose Restaurants mit gehobener Küche solider sein, als mancher denken mag. Auch der Trend zu "Competitive Socialising" wird zunehmen: Betreiber von Spiel- und Erlebniswelten dürften von diesem strukturellen Trend profitieren.

Tinder will "nicht nur eine Dating-App sein, sondern eine kulturelle Bewegung". Und ausnahmsweise ist das keine Marketing-Übertreibung. Immobilienanlegern sollten sich fragen, was ein "nach rechts wischen" für ihre Anlagen bedeutet – es könnte ihnen bei der Suche nach der perfekten Immobilie helfen.

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