Schwellenländer sind die nächste digitale Chance

Die Digitalisierung bringt Schwung gerade in Asiens ohnehin schon aufstrebende Volkswirtschaften. (Bild: Shutterstock.com/Blue Planet Studio).
Die Digitalisierung bringt Schwung gerade in Asiens ohnehin schon aufstrebende Volkswirtschaften. (Bild: Shutterstock.com/Blue Planet Studio).

Die wachsenden Bevölkerungszahlen und die potenziell hohe Nachfrage nach Rechenzentren könnten gemäss Ben Forster von Schroders Malaysia, Indonesien und Indien zum nächsten Megaknotenpunkt der Konnektivität aufsteigen lassen.

02.09.2021, 16:34 Uhr

Redaktion: vik

Die Covid-19-Pandemie hat nach Einschätzung von Ben Forster, Aktienanalyst bei Schroders, verschiedene Trends beschleunigt, die durch das Internet möglich wurden. Hierzu gehören E-Commerce, Video-on-Demand und Online-Gaming. Dadurch hat seiner Ansicht nach der Bedarf an Übertragung, Speicherung und Bearbeitung von Daten innerhalb der digitalen Infrastruktur zugenommen.

Er ist der Auffassung, dass Rechenzentren sowie andere wichtige digitale Infrastruktur wie Mobilfunkmasten und Glasfaserkabel eine überzeugende Anlagechance seien. Reifere digitale Knotenpunkte wie New York seien bereits hoch entwickelt. Es gebe aber dennoch viele Anlagemöglichkeiten in Bereichen, die als "digitale Chancen" bezeichnet werden könne. Seiner Ansicht nach liegen sie zunehmend in den Schwellenländern.

"Wenn also die anfängliche Erholungsrallye tatsächlich abgeschlossen ist, sind die Wachstumssegmente reif für eine Neubewertung?", wirft der Schroders Experte die Frage auf.

Digitale Infrastruktur als Anlagechance

Die Bestimmung der nächsten digitalen Chance erfordert laut Ben Forster die Untersuchung mehrerer Faktoren. So seien das erwartete BIP-Wachstum eines Standorts und die zugrunde liegenden digitalen Dienstleistungen ein aussagekräftiger Indikator für den potenziellen Erfolg. Bevölkerungswachstum, Altersprofil und die Produktivität bestimmen das BIP.

Kapitalinvestitionen seien erforderlich, um dies in digitales BIP umzuwandeln. Als Beispiel dafür nennt er die moderne digitale Infrastruktur, die künftige Handelspartner miteinander verbindet. Die Infrastruktur sei nämlich in der Lage, Terabyte an Daten mit Lichtgeschwindigkeit über die Unterseekabel zu befördern. Dort, wo diese Unterseekabel das Festland erreichen, eröffnen sich Chancen für eine boomende Nachfrage nach Datenverarbeitung und Konnektivität.

In diesem Zusammenhang erwähnt Forster das Rechenzentrum Mombasa von iColo. «Dabei handelt es sich um eine Infrastrukturtechnologie-Firma, die über ein Unterseekabel von 15'000 km Länge Afrika mit Europa verbindet. Es endet in Marseille auf dem Gelände von Interxion, einem europäischen Anbieter von Rechenzentren (beide Unternehmen werden von Digital Realty unterstützt). Die Datenübertragung macht in Dschibuti einen Halt, wo die Supermächte der Welt um strategischen Einfluss kämpfen», erläutert der Experte.

Die Republik Dschibuti grenzt an den südlichen Zugang zum Roten Meer, das zum strategisch wichtigen Sueskanal führt. Die wachsende militärische Präsenz sorge für Sicherheit, denn das Land habe das Ziel, das "Singapur von Afrika" zu werden, obwohl es von relativ instabilen Nationen umgeben sei.

Indonesien und Malaysia profitieren von Singapurs Sättigung

Singapur sei ein weiterer Megaknotenpunkt der Konnektivität. Der Insel- und Stadtstaat verfügt seiner Information nach mittlerweile über eine so hohe digitale Infrastrukturdichte, dass ein Baustopp für neue Rechenzentren ausgerufen wurde. Der Grund war der erhebliche Energiebedarf der Branche.

Davon profitieren Forsters Einschätzung nach die Nachbarländer Indonesien und Malaysia. "Sie zeichnen sich durch ein bemerkenswertes Bevölkerungswachstum, eine rasche Verbreitung der Internetnutzung und neue Landestellen für Unterseekabel aus. Die Bevölkerung Indonesiens war 2019 rund 50-mal größer als die von Singapur, dennoch verfügte die Republik nur über zirka ein Achtel der Rechenzentrumkapazität", so der Schroders Experte.

Daher sei die Hauptstadt Jakarta gut positioniert, um mithilfe lokaler Firmen, die proaktiv nach Finanzierungsmitteln für die Entwicklung suchen, davon zu profitieren. Nur 25 km nördlich von Singapur habe GDS, ein chinesischer Betreiber von Rechenzentren, die Errichtung eines großen Campus in Johor Bahru, Malaysia, angekündigt.

Im restlichen asiatisch-pazifischen Raum habe Indien seit Langem das Potenzial seiner großen, jungen und im IT-Bereich versierten Arbeitskräfte angeboten. Weniger als die Hälfte der 1,4 Mrd. Inder verfügt aktuell über einen Zugang zum Internet. Das seien immerhin doppelt so viele Menschen wie die gesamte Bevölkerungszahl der USA.

Chennai an der Ostküste folge Mumbai und entwickle sich zu einem wichtigen Knotenpunkt der Konnektivität, den man im Auge behalten solle.

Wer über die Entwicklungen in den Industriestaaten auf dem Laufenden ist, weiß, dass sich Perth in Western Australia aufgrund der Unterseekabel mit Singapur, Sydney, Jakarta und dem Oman zu einem Knotenpunkt der Konnektivität entwickelt.

Die Macht der digitalen Seekabel

Das Pendant zu den großen Seemächten des 17. Jahrhunderts seien in vielerlei Hinsicht die in den USA angesiedelten Tech-Giganten. Dazu gehören nach Auffassung von Facebook, Amazon, Apple, Netflix, Microsoft und Google, die inzwischen allesamt globale Unternehmen sind. «Chinesische Mitstreiter, wie Alibaba, Tencent und die staatlichen Telefongesellschaften, wie China Mobile, haben zu ihren Rängen aufgeschlossen», so Forster.

Beim genauen Hinsehen stelle man fest, dass sie als Finanzgeber hinter den bedeutenden Vorhaben im Bereich der Unterseekabel stehen. Mehrere weitere Landestellen für Unterseekabel seien in Dschibuti geplant. Ein Konsortium, bestehend aus Facebook, Vodafone und China Mobile, finanziere unter anderem 2Africa.

Im Zuge des Aufbruchs der cloud-basierten Imperien zu neuen digitalen Horizonten wollen sich diese Unternehmen die digitalen Schiffsverkehrswege sichern, die für den schnellen Datentransfer für Video-on-Demand, multinationale Unternehmen und Online-Gaming weltweit erforderlich seien. «Die Landestellen dieser Seekabel benötigen Rechenzentrumkapazitäten, Mobilfunkmasten und Überlandkabel, um den Endkunden zu erreichen», betont der Schroders Experte.

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