Nach Covid-19: Einschneidende Veränderungen in der Investmentlandschaft

Durch die Covid-19-Pandemie haben Innovationen Rückenwind bekommen. Die Suche nach neuen Wegen gilt auch für Anlagestrategien. (Bild: Shutterstock.com/Pavel Nesvada)
Durch die Covid-19-Pandemie haben Innovationen Rückenwind bekommen. Die Suche nach neuen Wegen gilt auch für Anlagestrategien. (Bild: Shutterstock.com/Pavel Nesvada)

Die Welt reagiert auf die globale Pandemie vielfach mit Innovationen. Erfindergeist, Kreativität und die Suche nach neuen Wegen werden in diesen Tagen gross geschrieben. Einige bereits bestehenden Trends beschleunigen sich und andere stehen noch am Anfang. Zahlreiche Aspekte unseres Lebens sind nun anders und werden dies wohl auch dann bleiben, wenn ein wirksamer Impfstoff für alle verfügbar ist. Gleiches gilt für Anlagestrategien.

01.01.2021, 08:00 Uhr

Autor: Isa Mertingk

Redaktion: ism

Weltweit wird die Covid-19-Pandemie in vielerlei Hinsicht die Art und Weise, wie investiert und ein Portfolio verwaltet wird, für immer verändern. Einige der Veränderungen – darunter die extrem niedrigen Zinsen – sind zwar semi-permanenter Natur. Vor diesem Hintergrund muss man jedoch sorgfältig abwägen, inwiefern und in welcher Hinsicht die Anlagestrategien von gestern auch morgen noch angemessen sein werden.

Aymeric Forest, Global Head Multi-Asset Solutions bei Aberdeen Standard Investments, ist der Meinung, dass man das gesamte Risikorahmenwerk für die Zusammenstellung von Portfolios in Frage stellen müsse. Man könne das Auftreten eines neuartigen Schocks wie denjenigen von Covid-19 nicht einfach ignorieren. Bei zukünftigen Investitionen sollten existenzielle Bedrohungen für eine Reihe von Branchen und Unternehmen sowie mögliche radikale Veränderungen im menschlichen Verhalten in der Portfolioanalyse berücksichtigt werden. Statische Anlageprozesse, die lediglich historische Korrelationen und Risikoeigenschaften heranziehen, könnten auf dieses Spektrum neuer Szenarien möglicherweise nicht zuverlässig reagieren.

Flexibilität und Selektion – das Gebot der Stunde

Die Geschwindigkeit des Wandels erhöht die Herausforderungen zusätzlich. Nicht nur, dass die Aussichten für die Weltwirtschaft im Februar innerhalb weniger Tage auf den Kopf gestellt wurden. Der Innovationsschub, der durch die Notwendigkeit, unseren Lebensstil anzupassen, ausgelöst wurde, hat zur Folge, dass die Welt in eine langfristige Periode tiefgreifender Veränderungen eintritt. Dies zeigt sich zum Beispiel in veränderten Freizeit- und Reisemustern. Da dies Auswirkungen auf ganze Sektoren der Weltwirtschaft hat, scheint ein flexibleres Portfoliomanagement von entscheidender Bedeutung.

Die Folgen des erhöhten Innovationstempos zeigen sich bereits deutlich. "Dem beschleunigten Wachstum einiger Unternehmen steht der beschleunigte Niedergang vieler anderer gegenüber“, so der Experte weiter. "Am augenfälligsten ist dies derzeit in der Einzelhandelsbranche, aber auch produzierende Unternehmen auf der ganzen Welt bewerten ihre Lieferketten neu: Abkehr von Just-in-time-Methoden zugunsten von Just-in-Case-Sicherheit. Entsprechend müssen Portfoliomanager gezielt investieren, um eine maximale Wirkung zu erzielen. Wer sich der Einfachheit halber in breiten Aktienmarktindizes engagiert, kauft viele relative Verlierer und eine Handvoll Gewinner, was die Ertragsperspektiven verschlechtert. Jetzt ist es an der Zeit, selektiver vorzugehen, die Treiber des Wandels zu verstehen und jene Sektoren und Themen auszuwählen, die davon profitieren werden.“

Diese Effekte werden nicht gleichermassen überall auf der Welt zu spüren sein. Wie schon beim Virus selbst, sind die Auswirkungen von Land zu Land unterschiedlich und betreffen die verschiedenen Branchen in sehr unterschiedlichem Masse. Nach Ansicht von Aymeric Forest sollten sich dadurch Möglichkeiten für Portfoliomanager, ertragsorientierte Ideen zu entwickeln, ergeben. Dabei würden die Investmentexperten einen Vermögenswert gegenüber einem anderen bevorzugen, ohne dabei ein signifikantes Marktrisiko einzugehen. So hätte in der Anfangsphase des Abschwungs im Frühjahr zum Beispiel die Tatsache, dass die US-Notenbank über einen weitaus grösseren Spielraum für Massnahmen verfügte als die Europäische Zentralbank, ein interessantes Renditepotenzial für flexible Anlagemandate generiert.

ESG und aktiverer Ansatz bei Risiken entscheidend

Im Zuge der Krise ist die Notwendigkeit, ESG in die Anlageentscheidungen einzubeziehen, noch deutlicher zu Tage getreten. Die Krise hat tiefgreifende gesellschaftliche Auswirkungen. Das veränderte Verhalten der Menschen wird nach Ansicht von Aymeric Forest die Anlageerträge über viele Jahre hinweg beeinflussen. Erhöhte Staatsausgaben – die nach der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren allgemein auf den Aufbau von Infrastruktur abzielten – würden sich dieses Mal vermutlich verstärkt auf Umweltprojekte konzentrieren, um den Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft zu beschleunigen. Jeder dieser Faktoren müsse in den Prozess des Portfoliomanagements miteinbezogen werden, um das Risiko zu minimieren und das Renditepotenzial angesichts der neuen Normalität zu maximieren.

Ganz offensichtlich wird die Zukunft kein Abbild der Vergangenheit sein. Anlageansätze, die unter dem alten Regime erfolgreich waren, dürften angepasst werden, wenn sie zukunftsorientiert und flexibel genug sein sollen, um durch das neue Umfeld zu navigieren. Dazu gehört nach Ansicht des Investmentexperten von Aberdeen Standard Investments ein aktiverer Ansatz in Bezug auf das Eingehen von Risiken über ein grosses und vielfältiges Anlageuniversum hinweg. Wer sich schnell anpassen und das Risikoprofil eines Portfolios aktiv umstellen könne, werde entscheidende Vorteile haben.

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