Hauptprobe in Argentinien weckt Furcht vor Staatspleite

Der argentinische Kongresspalast ist der Sitz des argentinischen Nationalkongresses. (Bild: Sandro Crombach/Shutterstock.com)
Der argentinische Kongresspalast ist der Sitz des argentinischen Nationalkongresses. (Bild: Sandro Crombach/Shutterstock.com)

An den Finanzmärkten wächst die Furcht vor einer neuerlichen Staatspleite Argentiniens, falls der linke Oppositionskandidat Alberto Fernández neuer Staatspräsident werden sollte. Welche Möglichkeiten Argentinien hat, verdeutlichen Experten von Newton IM und Investec.

15.08.2019, 16:25 Uhr

Redaktion: rem

Aufgrund des überraschenden Ergebnisses der argentinischen Vorwahlen am letzten Sonntag, scheint Alberto Fernandez, Kandidat der Oppositionspartei, die Präsidentschaftswahlen im Oktober gewinnen zu können. Obwohl Fernandez als relativ moderater Populist angesehen wird und seine wirtschaftspolitische Haltung ausgewogen scheint, wird erwartet, dass er einige marktfreundliche Massnahmen der aktuellen Regierung auf Eis legen wird.

Nach dem Ergebnis sagte Fernandez, dass er beabsichtige, sich an die Kreditbedingungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu halten. "Wir glauben jedoch, dass dies eine Herausforderung sein wird, insbesondere angesichts seiner Pläne zur Schwächung der Währung", sagt Mike Hugman, Portfolio Manager bei Investec. Rund die Hälfte der Staatsschulden befindet im Besitz des IWF, der argentinischen Zentralbank und von ANSES (dem nationalen Pensionsfonds). So würde eine Umstrukturierung nur für etwa 50% des gesamten Schuldenbestands gelten, was wahrscheinlich einen viel höheren Haarschnitt erfordert, als dies sonst der Fall wäre. Hugman: "Wir schätzen, dass ein Cut von 50% bei handelbaren Schuldtiteln erforderlich sein könnte für einen nachhaltigen Schuldenbestand." Weiter geht er davon aus, dass sich die argentinischen Unternehmensschulden besser als die Staatsschulden entwickeln werden. Dies, obwohl die kurzfristige Volatilität am Markt für Unternehmensanleihen voraussichtlich anhalten werde.

"Unsere Analyse zeigt zudem, dass Fernandez' geplante Politik eines schwächeren argentinischen Pesos (ARS) den Schuldenbestand wahrscheinlich unhaltbar machen wird. Etwa vier Fünftel des argentinischen Schuldenbestands, der 80% des BIP ausmacht, sind in Hartwährung. Daher würde ein Wechsel zu beispielsweise 60/1 des ARS/USD-Wechselkurses (von derzeit etwa 45/1) die argentinische Schulden/BIP-Ratio auf einen nicht nachhaltigen Pfad bringen", erklärt Hugman.

Handlungsoptionen Für Argentinien

Trevor Holder, Fondsmanager im Anleiheteam von Newton IM, einer Gesellschaft von BNY Mellon Investment Management, sieht für Argentinien in der aktuellen Krise vier Handlungsoptionen: Nach der teilweisen Erholung des argentinischen Peso, der zunächst um 26% gefallen war, wäre erstens ein Verkauf der Währung möglich. Das allerdings birgt das Risiko extremer Marktreaktionen sowie einer inflationären Entwicklung, die den jetzigen argentinischen Präsidenten Macri weiter unter Druck setzen und die Voraussetzungen des IWF-Programms hinsichtlich der Währungs- und Preisstabilität im Land aushöhlen würde.

Alternativ könnte Argentinien die Zinssätze erhöhen – aber der Leitzins Leliq liegt jetzt schon bei rund 74%. Eine Zinserhöhung sei in einer ausgewachsenen Währungskrise generell ein zu schwaches Mittel, und sie würde Argentinien in den kommenden Monaten nur noch weiter in die Rezession treiben, denkt Holder. Eine weitere Möglichkeit sieht er in einem Eingriff in den Devisenmarkt, der helfen könnte, weitere Abwärtsbewegungen des Peso in den zwei Monaten vor den Wahlen zu begrenzen. Wenn jedoch 250 Mio. USD pro Tag in Interventionen fliessen – die höchste im IWF-Programm zulässige Summe – würden nicht nur die Devisenreserven um rund 14 Mrd. USD abschmelzen, sondern auch drei Viertel der erst vor elf Monaten bewilligten IWF-Mittel verschwendet werden. Die Regierung könnte damit kaum noch ihren kurz- bis mittelfristigen Schuldenverpflichtungen in Hartwährung nachkommen. Ein Präsident Macri könnte sich vielleicht noch einmal an den IWF wenden, aber bei einem Sieg von Fernández würde der IWF sich wohl hüten, gutes Geld schlechtem hinterher zu werfen, meint Holder.

Kapitalkontrollen als letzte politische Option

"Die letzte politische Option ist aus unserer Sicht die Einführung von Kapitalkontrollen, egal in welcher Form - keine ideale Lösung, aber womöglich besser als die Verschwendung von Devisenreserven“, sagt er. Die Devisenreserven belaufen sich auf 65 Mrd. USD. Aktuell reiche dies aus, um insgesamt 50 Mrd. USD in den nächsten drei Jahren an Kapital- und Zinsverpflichtungen in Hartwährung zu decken. Gleichzeitig muss der argentinische Staat dieses Jahr auf Peso lautende Schuldtitel im Gegenwert von 17,5 Mrd. USD bedienen, nächstes Jahr noch einmal im Wert von 15,4 Mrd. USD . Ein weiterer Verfall des Peso wie in den letzten Tagen liesse die Gesamtschuldenlast des Staates auf 100% des BIP steigen. Bei einigen Anleihen in Landeswährung könnte es zur Anpassung der Coupon-Zahlungen kommen – das hat Fernández bereits angedeutet.

"Anleger gehen von einem Wahlsieg des Oppositionskandidaten Fernández aus, was sich in den auf USD lautenden Anleihen widerspiegelt. Sie sollten jedoch die aktuelle Lage weiter beobachten, denn die neue Regierung könnte hinsichtlich ihrer Wirtschaftspolitik und Haltung gegenüber dem IWF deutlich konservativer sein als aktuell erwartet wird“, analysiert Holder die Lage.

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