10.06.2026, 07:14 Uhr
Die Schweizer Asset-Management-Industrie hat 2025 ihren Wachstumskurs fortgesetzt und ihre Position als drittgrösster Standort Europas gefestigt. Die Swiss Asset Management Study 2026 von AMAS und zeb zeigt jedoch...
Die Swiss Asset Management Study 2026 von AMAS und zeb erklärt Private Markets zum wichtigsten Hebel für künftiges Neugeld. Doch die Schweizer Häuser setzen auffallend defensiv an: Immobilien dominieren, Private Credit und Venture Capital bleiben zurück. Es braucht noch viel Überzeugungsarbeit.
Für 56 Prozent der von AMAS und zeb befragten Asset Manager bieten illiquide Private-Market-Fonds das grösste Potenzial, um Nettoneugeld (NNA) zu generieren – mehr als traditionelle UCITS-Fonds (44 Prozent) oder ETFs (31 Prozent). Private Markets haben sich damit vom reinen «Renditeverstärker» zu einer Kernallokation und zunehmend zu einem Kreditsubstitut in immer mehr Mandaten entwickelt. Die Studie sieht in dieser Verschiebung den entscheidenden Weg, um das gefährlich marktabhängige Schweizer Geschäftsmodell krisenfester zu machen.
Doch das Bekenntnis ist selektiv. Bei der Frage, welche Produkttypen die Häuser mit Blick auf Wettbewerbsfähigkeit und Innovation priorisieren, steht Private Real Estate mit 66 Prozent klar an der Spitze, gefolgt von Private Equity (44 Prozent) und Infrastruktur (42 Prozent). Private Debt und Private Credit erreichen je 34 Prozent, Venture Capital lediglich 12 Prozent. Die Studie liest darin eine fortbestehende Risikoscheu: Innerhalb der Privatmärkte konzentrieren sich die Schweizer Anbieter auf greifbare, skalierbare Anlageklassen und meiden die obere Risiko- und Komplexitätsstufe.
Wie berechtigt diese Zurückhaltung ist, zeigt sich derzeit in den USA. Der rund 1,7 Billionen Dollar grosse Markt für private Unternehmenskredite und sein Partner Private Equity stehen 2026 vor einer harten Abrechnung. Nach Angaben von Fitch Ratings erreichte die US-Ausfallrate im Private Credit für die zwölf Monate bis Januar 2026 5,8 Prozent – den höchsten Stand seit Jahren. UBS-Strategen hoben das «Worst-Case-Szenario» für die Ausfälle im Februar 2026 auf bis zu 15 Prozent an, parallel zu einer Refinanzierungsmauer von rund 162 Milliarden Dollar, die in diesem Jahr zu deutlich höheren Kosten umgeschuldet werden muss.
Besonders heikel: Die Branche ist stark auf Technologie- und Dienstleistungssektoren ausgerichtet – also genau jene Bereiche, die durch die KI-getriebene Disruption am verwundbarsten sind. Die Software-Industrie macht rund 40 Prozent aller sponsorenfinanzierten Private-Credit-Kredite aus. Hinzu kommt eine zunehmend papierene Schönfärberei: PIK-Vereinbarungen, bei denen Unternehmen Zinsen mit zusätzlichen Schulden statt mit Bargeld bedienen, stiegen zwischen 2022 und 2025 von 5 auf 11 Prozent des Marktes. Distressed Exchanges – Umschuldungen zur Vermeidung einer formellen Insolvenz – machten in den zwölf Monaten bis März 2026 laut Fitch 94 Prozent aller Herabstufungen im Private Credit aus und verschleiern damit das tatsächliche Ausmass der Kreditverschlechterung. marketscreener + 3
Der Vertrauensverlust hat reale Folgen. Grosse Vermögensverwalter mussten in ihren auf Privatanleger ausgerichteten Fonds die Rücknahmen «gaten», weil die Abflüsse das frische Kapital übertrafen – betroffen sind unter anderem BlackRock, Morgan Stanley und Cliffwater. Es ist exakt jenes Liquiditätsmissverhältnis, vor dem viele Beobachter seit Jahren gewarnt hatten.
Ausgelöst wurde die Nervosität durch zwei spektakuläre Pleiten im September 2025. Der Autoteilezulieferer First Brands meldete Insolvenz nach Chapter 11 an und listete Verbindlichkeiten von über 10 Milliarden Dollar. Erst danach zeigte sich, dass versteckte, ausserbilanzielle Finanzierungen die wahre Verschuldung auf rund das 20-Fache hochtrieben – während Kreditgeber von etwa dem Fünffachen ausgegangen waren. Kurz zuvor war der Subprime-Autokreditgeber Tricolor Holdings in die Chapter-7-Liquidation gegangen, nachdem er mutmasslich Sicherheiten doppelt verpfändet und Leistungsdaten manipuliert hatte.
Die Einordnung der Branche ist gespalten. JPMorgan-Chef Jamie Dimon prägte mit dem Bild, dass auf eine sichtbare Schwachstelle meist weitere folgen, die nervöse Marktstimmung. Doch viele Analysten halten die Fälle für Einzelereignisse: Cambridge Associates etwa wertet die Pleiten von First Brands und Tricolor als idiosynkratisch – getrieben von Betrug und besonderen Geschäftspraktiken, nicht von einer breiten Marktschwäche. Die Ansteckung verläuft im Private Credit ohnehin anders als im Bankensystem – nicht über verkettete Bilanzen, sondern über Stimmung, Rücknahmedruck und die Neubewertung von Risiken bei Fonds mit ähnlichen Strukturen. BofA Global Research erwartet für 2026 sogar eine leichte Entspannung auf 4,5 Prozent Ausfallrate, bezeichnet Private Credit aber zugleich als «niedrigste Qualitätsklasse» im gesamten Leveraged-Finance-Universum. 2
Vor diesem Hintergrund erscheint die defensive Schweizer Haltung weniger als Innovationsschwäche denn als Risikobewusstsein. Die Studie benennt die Hürden für Produktinnovation präzise – und sie decken sich verblüffend mit den US-Bruchstellen. Aus Produktionssicht dominieren operative Komplexität (62 Prozent), Liquiditätsmanagement und Regulierung (je 40 Prozent). Aus Vertriebssicht stehen die inhärente Illiquidität der Produkte (57 Prozent) und operative Herausforderungen rund um Kapitalabrufe und Servicing (47 Prozent) im Vordergrund.
Entscheidend ist, was nicht das Problem ist: Die Nachfrage. Nur 8 Prozent der Vertriebsverantwortlichen nennen mangelnde Nachfrage als Hindernis. Das Kundeninteresse existiert – es lässt sich nur noch nicht in skalierbare Angebote übersetzen. Genau hier liegt die eigentliche Gefahr der von der Studie beschriebenen «Verbreiterung»: Der Trend zu semi-liquiden Strukturen wie ELTIFs und Evergreen-Fonds mit niedrigen Mindestanlagen öffnet den Zugang, schafft aber strukturelle Risiken – Liquiditätsmissverhältnisse zwischen illiquiden Basiswerten und häufigeren Rücknahmemöglichkeiten, dazu Bewertungsundurchsichtigkeit und Renditeglättung. Das sind dieselben Mechanismen, die in den USA gerade zu eingefrorenen Rücknahmen führen.
Die Schweizer Schwerpunktsetzung wirkt damit konsistent. Die alternativen Anlagen wuchsen 2025 mit stabilen 4 Prozent auf CHF 381 Milliarden und halten rund 13 Prozent des Gesamtmarkts – getrieben primär von Rohstoffen, die als Inflations- und Tail-Risk-Hedge dienten, nicht von einem aggressiven Vorstoss in riskante Kreditstrukturen. Bei Private Debt beobachtet die Studie zwar, dass sich Banken zurückziehen und private Kreditgeber die Lücke füllen – also dieselbe Dynamik, die den US-Markt gross gemacht hat. Doch die Schweizer Häuser bleiben hier zurückhaltend.
Die Krise an den US-Privatmärkten verschiebt auch das Argument zwischen Skalierung und Selektion. Während die Studie betont, dass grosse Plattformen Marktanteile gewinnen, liefert sie zugleich das Gegenargument: Aktiv gemanagte Strategien, besonders in Private Markets, gelten als Schlüssel zur Resilienz. Torsten von Bartenwerffer, CEO von Fisch Asset Management, formuliert in der Studie die Trennlinie: Plattformen verkauften Exposure, Boutiquen verkauften Urteilsvermögen. In einem Umfeld, in dem die Selektion von Schuldnern und Managern über Gewinn und Verlust entscheidet, ist das mehr als ein Bonmot.
Auch die demokratisierte Zukunft der Privatmärkte beschreibt die Studie mit Augenmass. Christoph Syz und Reto Schwager von Patrimonium Asset Management verweisen darauf, dass die Idee, Illiquidität durch Finanzstrukturierung zu reduzieren, seit über zwei Jahrzehnten etabliert sei – und «unweigerlich Kosten und Risiken» mit sich bringe. Genau diese Risiken werden in den USA derzeit eingepreist.
Für die Schweizer Branche ergibt sich daraus eine doppelte Lehre. Private Markets bleiben der plausibelste Hebel, um die strukturelle Marktabhängigkeit zu durchbrechen und Nettoneugeld zu gewinnen. Doch der Weg dorthin führt nicht über das Kopieren des US-Modells, sondern über operative Industrialisierung, Liquiditätsdisziplin und die ehrliche Bewertung illiquider Bestände. Ob die ausgeprägte Schweizer Vorsicht sich am Ende als kluge Antizipation oder als verpasste Wachstumschance erweist, wird sich erst zeigen, wenn der amerikanische Stresstest abgeschlossen ist.