05.07.2026, 00:10 Uhr
Der jüngste Einstieg der Pensionskasse Stadt Zürich (PKZH) bei Kallista Energy ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines breiteren Trends: Infrastrukturanlagen gehören derzeit zu den am schnellsten wachsenden...
Während vermögende Privatanlegerinnen und -anleger in immer grösserer Zahl versuchen, ihr Geld aus semiliquiden Private-Credit- und Private-Equity-Vehikeln abzuziehen, tun institutionelle Investoren das Gegenteil: Pensionskassen, Staatsfonds und Versicherer stecken weiterhin Milliarden in die direkte Kreditvergabe an Unternehmen.
Es gibt keine Alternativen zu den Investitionen in Privatmärkte, doch der Graben zwischen institutionellen Investoren und Privatanleger hat sich im zweiten Quartal 2026 noch vertieft. Darüber berichtet die «Financial Times» in einer grossen Analyse.
Konkret haben nordamerikanische Direct-Lending-Fonds mit institutionellem Fokus im zweiten Quartal mindestens 16 Milliarden US-Dollar eingesammelt, wie eine Auswertung von Preqin-Daten zeigt. Es war damit das zweitstärkste Quartal für sogenannte «Closed-End»-Fonds seit vier Jahren – also für Vehikel, die nur einmal Kapital einsammeln und eine feste Laufzeit haben.
David Colla, globaler Leiter Credit Investments bei der kanadischen Pensionskasse CPP Investments, sagte gegenüber der «FT», Privatanleger hätten sich aus dem Segment zurückgezogen, nachdem sie tiefere Renditeerwartungen für die in den Jahren 2021 und 2022 vergebenen Kredite verarbeitet hätten. Die Renditen seien aber weiterhin ordentlich, und der Rückzug der Privatanleger habe eine Lücke geschaffen, die institutionelles Kapital nun fülle.
Grosse Häuser wie Blackstone, Ares Management und BlackRocks HPS Investment Partners sind derzeit intensiv im Gespräch mit Investoren für neue Flaggschiff-Vehikel. Apollo Global soll das Fundraising für seinen nächsten grossen Direct-Lending-Fonds gemäss einer mit der Sache vertrauten Person um sechs Monate vorgezogen haben, um die Nachfrage abzuschöpfen. Brad Marshall, Co-Leiter von Blackstones 45 Milliarden US-Dollar schwerem Flaggschiff-Kreditfonds, geht davon aus, dass die Renditen steigen dürften, sollten Abflüsse aus Retail-Vehikeln das verfügbare Kreditvolumen weiter einschränken.
Konkret hat die Pensionskasse des US-Bundesstaats Maine im Februar Zusagen von bis zu 375 Millionen US-Dollar für Blackstones jüngsten Direct-Lending-Fonds bewilligt. Die Anlagebehörde von New Jersey wiederum prüft ein Engagement von bis zu 600 Millionen US-Dollar bei Vehikeln des Private-Credit-Spezialisten Golub Capital.
Während institutionelle Anleger zukaufen, kämpfen die auf Privatkunden ausgerichteten, sogenannt semiliquiden Fonds mit einer Rekordwelle an Rücknahmewünschen. Darüber schreibt auch Bloomberg. Bei Apollo Debt Solutions (ADS), dem mit rund 25 bis 26 Milliarden US-Dollar grössten nicht börsenkotierten Private-Credit-Vehikel («Business Development Company») für vermögende Privatkunden, verlangten Anleger im zweiten Quartal 2026 die Rücknahme von 16,8 Prozent der ausstehenden Anteile, umgerechnet rund 2,4 Milliarden US-Dollar. Das Reglement des Fonds erlaubt jedoch nur eine Rücknahme von 5 Prozent pro Quartal. Auffällig war laut den bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Unterlagen die regionale Verteilung: Onshore-Kunden aus den USA wollten lediglich 4,3 Prozent zurückziehen, während die Rücknahmewünsche von Offshore-Investoren auf 12,5 Prozent sprangen.
Bereits im ersten Quartal 2026 hatten Rücknahmewünsche bei ADS 11,2 Prozent der Anteile erreicht; ausbezahlt wurden davon lediglich rund 45 Prozent, was ungefähr 730 Millionen US-Dollar an Bruttoabflüssen entsprach. Apollo hält an der 5-Prozent-Grenze fest und begründet dies mit dem Schutz der langfristig investierten Anteilseigner.
Auch Blackstones mit 79 Milliarden US-Dollar deutlich grösserer Fonds Blackstone Private Credit (BCRED) musste im zweiten Quartal die Auszahlungen auf 5 Prozent begrenzen, nachdem Rücknahmewünsche auf 10 Prozent gestiegen waren. Im ersten Quartal hatte Blackstone noch sämtliche Rücknahmewünsche von 7,9 Prozent erfüllen können, unter anderem durch Eigenkapital des Unternehmens. Ähnliche Restriktionen meldeten der 31 Milliarden US-Dollar schwere Fonds von Cliffwater, bei dem Rücknahmewünsche 17 Prozent erreichten, sowie BlackRocks HPS Corporate Lending Fund, wo Anleger 13 Prozent der Anteile zurückzuziehen versuchten.
Wie stark sich der Rückstau an Rücknahmewünschen inzwischen aufgebaut hat, zeigen Berechnungen von Bloomberg auf Basis von Daten des Analysehauses Robert A. Stanger & Co. Bei mehr als einem Dutzend Fonds sind demnach 14,5 Milliarden US-Dollar an Anlegerkapital blockiert, während den Investoren im gleichen Zeitraum lediglich 8,6 Milliarden US-Dollar ausbezahlt werden konnten. Pro ausbezahltem US-Dollar bleiben damit rund 1,70 US-Dollar in den Fonds gebunden.
Michael Covello, Executive Managing Director bei Robert A. Stanger, sagte gegenüber Bloomberg, ein Anstieg der Rücknahmen im zweiten Quartal sei erwartet worden, da Anlegerinnen und Anleger Kapital aus Private Credit in Sachwerte wie Immobilien und Infrastruktur umschichten. Aus seiner Sicht könnte der Rückstau bei den Rücknahmewünschen noch bis zu acht Quartale zum Abbau brauchen, während die Zuflüsse weiterhin gedämpft bleiben. Ein Teil der aktuellen Welle dürfte zudem blossen Nachholeffekten geschuldet sein: Anlegerinnen und Anleger, die im Vorquartal wegen der 5-Prozent-Kappungsgrenzen nicht aussteigen konnten, dürften ihre Anträge schlicht ins Folgequartal übertragen haben, wie auch Barclays-Analysten um Peter Troisi in einer aktuellen Studie festhalten.
Besonders ausgeprägt zeigt sich der Rückstau bei Blue Owl Capital: Bei deren rund 34 Milliarden US-Dollar schwerem Fonds Blue Owl Credit Income Corp. verlangten Anleger im zweiten Quartal die Rücknahme von 18,8 Prozent der Anteile, beim kleineren Blue Owl Technology Income Corp. waren es sogar 38,1 Prozent – nur wenig tiefer als im Vorquartal. Dies, obwohl das Management laut einer mit der Sache vertrauten Person zuletzt verstärkt weltweit unterwegs war, um Investoren persönlich zu informieren.
Auch bei anderen grossen Namen zog die Nachfrage nach Rücknahmen weiter an: Ares Management begrenzte die Auszahlungen bei seinem Strategic Income Fund bereits das zweite Quartal in Folge, nachdem die Rücknahmewünsche von 11,6 auf 14,4 Prozent gestiegen waren. Bei einem 7 Milliarden US-Dollar schweren Private-Credit-Fonds von Morgan Stanley kappte das Haus die Auszahlungen ebenfalls auf 5 Prozent, nachdem Anleger 11,6 Prozent der Anteile zurückziehen wollten – mehr als im ersten Quartal. Nicht alle Anbieter traf es gleich hart: Goldman Sachs konnte in beiden Quartalen sämtliche Rücknahmewünsche erfüllen und meldete zuletzt sogar eine rückläufige Nachfrage, während ein Private-Credit-Fonds von Oaktree Capital Management im zweiten Quartal beinahe eine Halbierung der Rücknahmeanträge verzeichnete.
Ein wiederkehrendes Muster ist auch hier die internationale Herkunft eines grossen Teils der Nachfrage: Bei Ares kam laut eigenen Angaben fast die Hälfte der Rücknahmewünsche für den Strategic Income Fund von kleineren, mehrheitlich ausserhalb der USA ansässigen Institutionen und Family Offices, obschon diese Gruppe weniger als 1 Prozent der Anteilseigner stellt. Erik Kratz, Chief Investment Officer bei Arena Private Wealth, wies gegenüber Bloomberg zudem auf eine verbreitete Taktik hin: Anleger würden bewusst mehr zur Rücknahme anmelden, als sie eigentlich abziehen wollen, um trotz Kappungsgrenzen schneller ans gewünschte Ziel zu kommen.
Die Liquiditätsanspannung ist längst nicht mehr auf Private Credit beschränkt. Der Zuger Vermögensverwalter Partners Group, mit rund 185 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen die grösste kotierte Private-Markets-Gesellschaft der Schweiz, musste Anfang Juni die Rücknahmen bei ihrem evergreen Fonds Global Value Sicav auf 5 Prozent begrenzen, nachdem die Rücknahmewünsche auf rund 9,8 bis 10 Prozent des rund 8,6 Milliarden US-Dollar schweren Fondsvermögens gestiegen waren. Die Partners-Group-Aktie brach daraufhin zeitweise um bis zu 18 Prozent ein, der grösste Tagesverlust seit dem Börsengang 2006. Auch die Titel von EQT, CVC Capital Partners, KKR und Bridgepoint gerieten in Sympathie mit nach unten.
CEO David Layton betonte, die betroffenen Fonds machten nur einen kleinen Teil des Gesamtgeschäfts aus und die Liquiditätsbeschränkungen dienten dem Schutz der langfristig investierten Anleger; rund 80 Prozent des verwalteten Vermögens stammten ohnehin von stabileren institutionellen Kunden. Die eigenen Private-Credit-Evergreen-Fonds, die weniger als 3 Prozent des verwalteten Vermögens ausmachen, hätten weder 2025 noch 2026 Netto-Abflüsse verzeichnet. Das Management reagierte zudem mit Insiderkäufen von mehr als 20 Millionen Schweizer Franken, um Vertrauen zu signalisieren.
Ganz anders bei den grossen Pensionskassen und anderen institutionellen Anleger: Der Optimismus stützt sich unter anderem auf die Erwartung, dass die US-Wirtschaft robust bleibt und variabel verzinste Private-Debt-Instrumente von einem möglichen Zinsanstieg profitieren könnten. John Zito, Co-Präsident von Apollo Asset Management, verwies gegenüber der «Financial Times» darauf, dass die institutionelle Nachfrage trotz aller Negativschlagzeilen hoch bleibe, da höhere Spreads zusätzliche Ertragschancen böten.
Gleichzeitig bleibt die Sorge um die Kreditqualität bestehen: Ein wiederkehrendes Thema ist das relativ hohe Engagement vieler Private-Credit-Portfolios im Softwaresektor, der als besonders anfällig für Disruption durch künstliche Intelligenz gilt. Bei Apollo Debt Solutions etwa macht Software mit rund 12,3 Prozent den grössten Einzelsektor im Portfolio aus. Beobachter wie Sunaina Sinha Haldea von Raymond James sehen die aktuelle Phase als strukturellen Test dafür, ob sich tägliche oder quartalsweise Liquidität überhaupt mit genuin illiquiden Vermögenswerten vereinbaren lässt.
Für institutionelle Investoren aus der Schweiz – Pensionskassen, Versicherer und Family Offices – zeichnet sich damit ein zweigeteiltes Bild ab: Während der Retail-Kanal mit Auszahlungs-Caps, Governance-Fragen und Vertrauensverlust kämpft, dürfte das laufende Repricing zu disziplinierteren Kreditstrukturen und breiteren Spreads führen – Faktoren, die gerade für langfristig orientierte institutionelle Anleger attraktiv sein können. Der nächste wichtige Datenpunkt dürfte der Ausblick von Partners Group zum verwalteten Vermögen am 15. Juli sowie der Quartalsbericht von Apollo am 30. Juli sein.