Flaute auf dem weltweiten Markt für Börsengänge

Der weltweit grösste Börsengang im zweiten Quartal war die Erstnotiz des Energieversorgungsunternehmens Dubai Electricity & Water Authority. (Bild: Shutterstock.com/frantic00)
Der weltweit grösste Börsengang im zweiten Quartal war die Erstnotiz des Energieversorgungsunternehmens Dubai Electricity & Water Authority. (Bild: Shutterstock.com/frantic00)

Hohe Volatilitätsniveaus liessen im zweiten Quartal weltweit die Zahl der Börsengänge im Vergleich zum Vorjahr um 54% sinken. Investoren sind selektiver geworden und haben 65% weniger als im zweiten Quartal des Rekordjahres 2021 investiert. Der chinesische Markt verzeichnete weniger Einbussen als die Börsenplätze USA und Europa.

04.07.2022, 05:00 Uhr

Redaktion: rem

Angesichts geopolitischer Spannungen, steigender Zinsen und einer hohen Volatilität an den Weltbörsen lässt die Erholung auf dem weltweiten IPO-Markt weiter auf sich warten. Im schwierigen Kapitalmarktumfeld im zweiten Quartal 2022 wagten weltweit 305 Unternehmen dennoch den Sprung an die Börse – das sind 54% weniger als im zweiten Quartal des Rekordjahres 2021. Das Emissionsvolumen sank sogar um 65% auf 40,6 Mrd. USD, wie aus dem aktuellen IPO-Barometer des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY hervorgeht.

Die Börsenplätze USA und Europa waren ähnlich stark betroffen: Im Vergleich zum zweiten Quartal des Vorjahres sank in den Vereinigten Staaten die Zahl der Börsengänge von 119 auf 30, das Emissionsvolumen schrumpfte sogar um 95% von 43 auf 2 Mrd. USD. In Europa ging die Zahl der Börsengänge von 166 auf 43 zurück, das Emissionsvolumen schrumpfte von 23 auf gut 1,5 Mrd. USD.

Deutlich geringere Einbussen zeigten sich auf dem chinesischen Markt: In China (einschliesslich Hongkong) gingen im ersten Quartal 93 Unternehmen den Schritt an die Börse, das waren 43% weniger als im Vorjahr. Das Emissionsvolumen sank um ein Drittel von 31 auf 21 Mrd. USD.

Pipeline an Börsenkandidaten bleibt gut gefüllt

Die Gründe, dass derzeit das IPO-Fenster für viele Unternehmen geschlossen ist, sind vielschichtig. "Ursache dafür ist das hohe Volatilitätsniveau bei enger Marktliquidität. Der Krieg in der Ukraine hat erheblich gestiegene politische und wirtschaftliche Unsicherheiten zur Folge, zudem halten die hohe Inflation und die eingeleitete Zinswende die Märkte weltweit in Atem. Die Investoren verhalten sich bei Börsengängen zurückhaltend oder investieren selektiver. Die Unternehmen warten offenbar auf den richtigen Zeitpunkt“, so Tobias Meyer, Leiter Transaction Accounting und IPO Services bei EY Schweiz. Seiner Ansicht nach könnte das zweite Halbjahr deutlich aktiver werden. Die weltweite Pipeline an Börsenkandidaten sei gut gefüllt und das Interesse an einem Börsengang hoch.

Energie-IPOs erlösen die höchsten Summen

Die meisten IPOs wurden im zweiten Quartal in den Segmenten Technologie (61) und Rohstoffe (60) durchgeführt. Das höchste Emissionsvolumen verzeichnete allerdings der Energiesektor, in dem 25 Börsengänge insgesamt 15,6 Mrd. USD erlösten. Insgesamt geniessen laut EY sektorunabhängig sogenannte Equity Storys mit Bezug zur Energiewende und rund um ESG (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) eine hohe Aufmerksamkeit der Investoren.

Unter Druck sind in den vergangenen Monaten die Technologieaktien gekommen, mit teilweise erheblichen Kursverlusten. EY beobachtet jedoch, dass sich vermehrt vielversprechende junge Tech-Unternehmen für einen strategischen Börsengang entscheiden. Diese wählen bevorzugt einen asiatischen oder europäischen Börsenplatz. Von den 61 Technologie-IPOs im zweiten Quartal entfielen 42 auf Asien, 13 auf Europa und nur zwei auf Nordamerika. "Sobald sich die allgemeinen Rahmenbedingungen verbessern, werden auch die grösseren Technologie-Börsengänge wieder ein Come-back haben", so Meyer. Investoren erwarteten zudem einen stärkeren Fokus auf die Nachhaltigkeit und Profitabilität des Geschäftsmodells.

In den vergangenen Jahren seien weltweit weit über hundert Startups mit Milliardenbewertungen entstanden – sogenannte Einhörner – von denen die Mehrzahl einen Börsengang anstreben dürfte. Hinzu kämen grosse Abspaltungen von Industriekonzernen und Konglomeraten, die ebenfalls ihren Weg an den Kapitalmarkt finden würden.

SPAC-Emissionen sinken weiter

Der SPAC-Boom flacht laut EY weiter ab: Nachdem im ersten Quartal des laufenden Jahres weltweit insgesamt 72 SPAC-Transaktionen gezählt worden waren, lag die Zahl im zweiten Quartal bei 26. Das Emissionsvolumen schrumpfte von 11,4 Mrd. USD im ersten Quartal auf 3,1 Mrd. USD im zweiten Quartal.

Derzeit gibt es gemäss der EY-Erhebung weltweit ca. 660 aktive SPACs, deren Kassen mit gut 160 Mrd. USD gut gefüllt sind. Die meisten dieser SPACs – darunter einige aus dem Vorjahr – stehen unter Zeitdruck. Sie müssen das eingesammelte Geld innerhalb von 24 Monaten investieren. Als Alternative bieten sich der Zusammenschluss mit einer Mantelgesellschaft an – sowohl in Europa als auch in den USA.

Wenig IPO-Aktivitäten in der Schweiz

In der Schweiz waren die IPO-Aktivitäten im zweiten Quartal in diesem anspruchsvollen Umfeld erwartungsgemäss gering. Entsprechen gab es an der Schweizer Börse nur einen Börsengang und einen Reverse Merger: Die Immobiliengesellschaft EPIC Suisse ging Ende Mai mit einem Emissionsvolumen von 192 Mio. CHF an die SIX. Zusätzlich ist die Kinarus Therapeutics Holding mittels einem Reverse Merger mit der Perfect Holding anfangs Juni an die Schweizer Börse gelangt.

Die grössten IPOs

Der weltweit grösste Börsengang im zweiten Quartal war die Erstnotiz des Energieversorgungsunternehmens Dubai Electricity & Water Authority, die 6,1 Mrd. USD erlöste. Der chinesische Ölkonzern China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) ging in Schanghai an die Börse und erzielte dabei ein Emissionsvolumen von 5,1 Mrd. USD. Auf dem dritten Platz lag die Life Insurance Corporation of India, deren Emissionsvolumen beim IPO an der National Stock Exchange of India 2,7 Mrd. USD betrug.

Von den grössten zehn Börsengängen im zweiten Quartal fand kein einziger in Europa oder den USA statt: Vier entfielen auf China, jeweils zwei auf Indien und die Vereinigten Arabischen Emirate, jeweils einer auf Indonesien und Kanada.

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