Filialsterben bei europäischen Retailbanken

Retail Banking findet zunehmend online und mobile statt. (Bild: Shutterstock.com/nmedia)
Retail Banking findet zunehmend online und mobile statt. (Bild: Shutterstock.com/nmedia)

Im Pandemie-Jahr 2020 verzeichneten Retailbanken zwar ein starkes Wachstum der Einlagen, ihr Umsatz ist hingegen deutlich gesunken, wie aus dem Retail Banking Monitor 2021 hervorgeht. PwC erwartet in den nächsten Jahren eine weitere Rationalisierung der Filialnetze um bis zu 40%.

08.06.2021, 17:59 Uhr

Redaktion: rem

Der Umsatz der europäischen Retailbanken ist 2020 um 4% gesunken. Dies sei ein erheblicher Rückgang und setze einen früheren Trend bei den Banken in der Stichprobe des PwC Strategy& Retail Banking Monitor fort. Allerdings sei der Rückgang weniger dramatisch ausgefallen als von vielen Branchenbeobachtern erwartet. Als Ursache dafür sehen die Studienautoren erhöhte Sparquoten der Verbraucher und staatliche Massnahmen gegen Arbeitslosigkeit und Insolvenzen, die sich bisher auszahlten.

Die Experten gehen davon aus, dass mit der Normalisierung des Geschäfts-, Privatkonsum- und Reiseverhaltens Banken in Märkten wie Grossbritannien oder der Schweiz einen dynamischeren Umsatzanstieg verzeichnen als andere auf dem Kontinent. "Im Grossen und Ganzen erwarten wir einen Anstieg durch laufende Gebührenerhöhungen (Konto- und Kartengebühren) und eine Verlagerung des Schwerpunkts auf die Entwicklung bestehender Kundenbeziehungen statt Investitionen in Kundengewinnung", so die Studienautoren.

Starkes Einlagenwachstum

Das Einlagenwachstum verdreifachte sich im Jahr 2020 von 3% auf 9%, hauptsächlich aufgrund des geringeren Konsums. Zusammen mit der schnellen Erholung der Aktienmärkte und dem erneuten Interesse an Brokerage seien Sparen, Einlagen und Investitionen zum Thema des Jahres 2020 geworden. Allerdings wird zurückgelegtes Geld mit steigenden Konsumausgaben wohl auch wieder abfliessen, denn im Pandemie-Jahr 2020 sanken die Haushaltsausgaben zum Beispiel in Deutschland und Frankreich um 6% bis 7% und in Italien und Spanien um mehr als 10%. Ein Teil des Konsums werde nur verschoben, so die Studienautoren.

Sinkende Betriebskosten

Die Betriebskosten der europäischen Retailbanken sinken seit einiger Zeit – in sehr moderatem Tempo entsprechend der Ertragsentwicklung. Mit Covid-19 habe sich die Notwendigkeit noch verstärkt, auf langfristige Trends zu reagieren wie etwa den Niedergang von Filialen, schnelleren Service und Kundenorientierung sowie Skalierung des Geschäfts durch Digitalisierung.

Es gebe kaum eine Retailbank, die nicht massive Restrukturierungsprogramme angekündigt hat. Während im Jahr 2020 die Kostensenkungen etwas beschleunigt wurden, stehen die Run-Rate-Effekte der angekündigten Programme noch aus. PwC geht geht davon aus, dass 2022/23 die ersten Jahre sein werden, in denen die Ankündigungen in einer neuen "Europäischen Retail Banking Run Rate" wirklich sichtbar werden. Die grösste Herausforderung liege jetzt nicht im Sparen, sondern darin, Kunden – alte und neue – mitzunehmen.

Der Umgang mit dem Unvermeidlichen trenne auch die Spreu vom Weizen. Strukturell gebe es demnach zwei zentrale Fragen:

  • Sind Banken in der Lage, die Kosten zu senken? Im Jahr 2020 ist dies knapp der Hälfte der befragten Banken nicht gelungen.
  • Verbessern Banken ihre Ineffizienz? Drei von vier Banken weisen 2020 eine Verschlechterung der Kosten-Ertrags-Relation auf.

Bis zu 40% der Filialen werden geschlossen

Trotz vieler Banken, die insbesondere während des ersten Lockdowns im Jahr 2020 Filialen geschlossen haben, beschleunigte sich der Rückgang der Filialnetze nur geringfügig. Grössere Effekte stehen aber noch bevor – PwC erwartet in den nächsten Jahren eine weitere Rationalisierung der Filialnetze um bis zu 40%. Die Lockdowns hätten Kunden und Entscheidungsträgern in Banken gezeigt, dass drastische Kürzungen möglich seien. Mit bargeldlosem Bezahlen, Online- und Mobile-Banking habe das traditionelle Filialmodell ausgedient. Es bedürfe einer grundlegenden Überarbeitung.

Die grösste Veränderung betrifft laut PwC nicht die Anzahl der Filialen und die Dichte des Netzes, sondern es gehe um die Fähigkeit von Retailbanken, physische Verkaufsstellen in ein digitales Outbound-Verkaufsmodell einzubetten – was Neo-Banken bereits beherrschen.

Die Nachwirkungen von Covid-19 auf das Retail Banking halten an – auch wenn die Kapitalmärkte vorerst eine schnelle Erholung erlebten.
Laut dem National Bureau of Economic Research hätten sich die europäischen Geschäftsausfälle im vergangenen Jahr ohne staatliche Eingriffe fast verdoppelt. Mit Blick auf das Gesamtjahr 2021 wird ein deutlicher Anstieg der Insolvenzraten prognostiziert; z.B. um 80% in Frankreich. Das werde Auswirkungen auf die Ergebnisse der europäischen Banken haben, so die Experten von PwC .

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