«Die Schweizer Finanzbranche lässt sich nicht losgelöst von Europa betrachten»

Patrick Stahl ist Mitgründer und Mitinitiant des Finance Forum Zürich (Bild: Finance Forum Zürich)
Patrick Stahl ist Mitgründer und Mitinitiant des Finance Forum Zürich (Bild: Finance Forum Zürich)

Am 22. September verwandelt sich das Zürcher Kongresshaus zum wiederholten Mal in die zentrale Bühne des Schweizer Finanzplatzes: Mit Ex-EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, UBS-CEO Sergio P. Ermotti und Bundesrätin Karin Keller-Sutter vereint das Finance Forum Zürich drei hochkarätige Stimmen. Im Interview erklärt Mitgründer und Mitinitiant Patrick Stahl, weshalb er bewusst auf Kontroverse setzt – und verrät weshalb die Pausen zwischen den Referaten mindestens so wichtig sind wie die Bühne selbst.

28.08.2026, 13:45 Uhr
Interviews

Redaktion: asc

Herr Stahl, das Programm des Finance Forum ist eindrücklich: Sergio P. Ermotti, Karin Keller-Sutter und Jean-Claude Juncker an einem Tag! Was ist für Sie persönlich das Highlight des Tages?

Für mich liegt das Highlight in der Kombination der Perspektiven. Der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bringt die europäische Sicht ein, UBS-CEO Sergio P. Ermotti die Perspektive eines globalen Finanzinstituts und Bunderätin Karin Keller-Sutter den staatlichen Blick auf den Finanzplatz Schweiz ein. Diese Vielfalt an hochkarätigen Blickwinkeln macht den Tag besonders spannend. Das aktuelle Programm stellt entsprechend die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes, Regulierung, Technologie und geopolitische Entwicklungen ins Zentrum.

Jean-Claude Juncker spricht über «Europa zwischen Krisen und Chancen». Weshalb setzen Sie das europäische Thema an den Anfang des Tages – und was erhoffen Sie sich als Erkenntnis für ein Schweizer Publikum?

Die Schweizer Finanzbranche lässt sich nicht losgelöst von Europa betrachten. Deshalb beginnen wir bewusst mit dem grösseren geopolitischen Bild, bevor wir uns konkreter dem Finanzplatz Schweiz zuwenden. Von Jean-Claude Juncker erwarten wir dabei weniger fertige Antworten als eine pointierte Einordnung: Wo steht Europa, wie verändert sich seine Rolle in einer zunehmend fragmentierten Welt und was bedeutet das für die Schweiz? Gerade vor dem Hintergrund der laufenden Diskussion über das Verhältnis Schweiz–EU ist diese Perspektive für unser Publikum besonders relevant.

Mit Sergio P. Ermotti im Fireside Chat und Karin Keller-Sutter zum Schluss stehen sich faktisch die beiden Pole der aktuellen Regulierungsdebatte gegenüber. War das bewusst so gesetzt?

Es ist natürlich besonders, dass mit Sergio P. Ermotti und Karin Keller-Sutter die beiden zentralen Stimmen dieser Diskussion an der gleichen Veranstaltung auftreten. Uns ist es wichtig, unterschiedliche Perspektiven auf die Regulierungsdebatte abzubilden. Regulierung gehört derzeit zweifellos zu den zentralen Themen des Finanzplatzes – und dabei gibt es legitimerweise unterschiedliche Interessen und Einschätzungen. Das Finance Forum soll keine Position vorgeben, sondern einen Rahmen schaffen, in dem verschiedene Sichtweisen gehört und eingeordnet werden können. So kann sich das Publikum selbst ein differenziertes Bild machen.

Der Kanton Zürich ist mit dem Patronat der Volkswirtschaftsdirektion und mit Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh präsent. Welche Rolle spielt die öffentliche Hand für Sie?

Eine wichtige Rolle. Ein starker Finanzplatz entsteht im Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft. Die öffentliche Hand setzt zentrale Rahmenbedingungen. Gleichzeitig ist das Finance Forum auch ein starker Imageanlass für den Finanzplatz Zürich und trägt dazu bei, seine Bedeutung, Kompetenz und internationale Ausstrahlung sichtbar zu machen. Dabei ist uns die Unabhängigkeit des Forums sehr wichtig, um den offenen Dialog unter allen Akteuren zu ermöglichen.

Sie haben gesagt, Vertrauen entstehe in der persönlichen Begegnung, digitale Kanäle erleichterten den Austausch nur. Was heisst das konkret für die Dramaturgie eines Tages – wie viel Bühne, wie viel Pause?

Beides braucht genügend Raum. Eine Konferenz funktioniert nicht, wenn ein Referat nahtlos auf das nächste folgt und die Teilnehmenden am Ende zwar viel gehört, aber kaum miteinander gesprochen haben. Das Programm auf der Bühne und die Workshops sollen Impulse liefern, neue Perspektiven eröffnen und auch Widerspruch provozieren. Mindestens ebenso wichtig sind aber die Gespräche dazwischen – beim Lunch, in den Pausen oder nach einem Referat. Dort werden Gedanken vertieft, Kontakte geknüpft und häufig auch konkrete Ideen weiterentwickelt. Deshalb ist Networking für uns kein Nebenprodukt, sondern ein bewusster Teil des Programms.

Zürich ist der zweitgrösste Finanzplatz Europas, steht aber im Wettbewerb mit Luxemburg, Dublin, Frankfurt und zunehmend mit Dubai und Singapur. Wo sehen Sie den Vorsprung, der real ist – und wo den, an den sich die Branche nur gewöhnt hat?

Der reale Vorsprung der Schweiz liegt aus meiner Sicht in einer Kombination von Faktoren: politische und institutionelle Stabilität, Rechtssicherheit, hohe Kompetenz in der Vermögensverwaltung, gut ausgebildete Fachkräfte und einem starken Ökosystem aus Finanzwirtschaft, Technologie und Wissenschaft. Gefährlich wäre allerdings, diese Stärken als selbstverständlich zu betrachten. Andere Finanzplätze entwickeln sich sehr schnell, investieren gezielt in Technologie, Talente und attraktive Rahmenbedingungen. Der Schweizer Finanzplatz muss seine Stärken deshalb laufend neu verdienen.

Was möchten Sie am Abend des 22. September gehört haben, damit Sie sagen: Das hat funktioniert?

Am liebsten: «Ich habe heute eine neue Perspektive gewonnen» oder «Ich habe jemanden getroffen, mit dem ich das Gespräch weiterführen werde.» Dann hat das Forum seinen Zweck erfüllt. Natürlich freuen wir uns über starke Referate und ein volles Kongresshaus. Aber entscheidend ist für mich, ob ein echter Austausch entstanden ist – auch zwischen Menschen, die nicht in allen Fragen derselben Meinung sind. Gerade bei Themen wie Regulierung, Technologie oder dem Verhältnis der Schweiz zu Europa entsteht Erkenntnis häufig dort, wo unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen.

Ein kurzer Rückblick: Das Finance Forum Zürich startete 2023 mit 350 Gästen, 2025 waren es rund 400, für dieses Jahr rechnen Sie mit gegen 500 Teilnehmenden. Was war der entscheidende Moment, an dem Sie gemerkt haben: Dieses Format trägt?

Eigentlich schon nach der ersten Durchführung. Ausschlaggebend sind weniger die Besucherzahlen als die Rückmeldungen und die Verankerung des Forums. Wir konnten von Beginn an Organisationen aus der Privatwirtschaft, Branchenverbänden, Wissenschaft und öffentlicher Hand einbinden. Diese breite Abstützung zeigt, dass ein Bedürfnis nach einer Plattform besteht, die relevante Inhalte mit persönlichem Austausch verbindet. Dass viele Gäste und Partner wiederkommen, bestätigt, dass sich das Finance Forum zunehmend als fester Treffpunkt im Kalender der Branche etabliert.

Wie sehen Sie die Zukunft des Finance Forum Zürich – mehr Gäste, zweiter Tag, weitere Standorte – oder ist die jetzige Grösse für Sie das Optimum?

Wachstum ist für uns kein Selbstzweck. Entscheidend ist, die Qualität der Inhalte und die persönliche Atmosphäre zu erhalten. Wir wollen das Forum deshalb vor allem inhaltlich weiterentwickeln und als wichtige Dialogplattform des Schweizer Finanzplatzes etablieren – mit hoher inhaltlicher Qualität und einer Grösse, bei der echte Begegnungen weiterhin möglich sind.

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