Der stille Umsturz im ETF-Markt: Aktive Strategien verdrängen den Indexfonds-Konsens

Immer mehr Vermögen wandern in ETFs. Doch die Nachfrage nach aktiv gemanagten ETFs wird immer stärker (Bild: Adobe Stocks)
Immer mehr Vermögen wandern in ETFs. Doch die Nachfrage nach aktiv gemanagten ETFs wird immer stärker (Bild: Adobe Stocks)

ETFs eilen von Rekord zu Rekord. Eine neue Grossstudie erschüttert nun das Fundament des passiven Investierens. Fast alle professionellen Investoren weltweit wollen ihre Allokationen in aktiv gesteuerten ETFs massiv ausbauen – und die Hälfte plant, klassische Indexfonds dafür zurückzufahren. Ist das ein Paradigmenwechsel?

11.03.2026, 07:28 Uhr
Asset Management

Redaktion: asc

Der ETF-Markt erlebt einen beispiellosen Boom. Globale ETF-Vermögen haben 2025 die 19 Billionen Euro erreicht und könnten bis 2030 auf 25 Billionen Euro anwachsen. Zum Vergleich: Noch 2021 lagen die globalen ETF-AuM bei rund 10 Billionen USD – die Branche hat sich also in weniger als fünf Jahren nahezu verdoppelt.

Der europäische UCITS-ETF-Markt liefert die spektakulärsten Zahlen des Jahresbeginns: Nach dem Rekordmonat Januar legte der Markt im Februar noch einmal nach – obwohl der Monat nur 28 Tage zählte. Anlegerinnen und Anleger haben laut Vanguard im Februar 2026 insgesamt 56,3 Milliarden US-Dollar in europäische ETFs investiert und damit den erst im Januar aufgestellten Rekord von 55,9 Milliarden Dollar übertroffen. Zum Vergleich: Im Vorjahr hatte der Markt diese Marke erst im Mai erreicht – nach fünf Monaten. Nun schaffte er sie in zwei.

Starke Zunahme der Vermögen

Das Gros der Zuflüsse entfiel auf Aktien-ETFs, die mit 45,9 Milliarden Dollar das Feld anführten. Innerhalb dieser Kategorie dominierten sogenannte Core-ETFs mit 18,8 Milliarden Dollar, gefolgt von Smart-Beta-Produkten mit 10,6 Milliarden Dollar. Auch Market-Access- und Sektor-ETFs verzeichneten solide Zugewinne. Nennenswerte Abflüsse blieben in allen erfassten Aktienkategorien aus. Vanguard wertet das als Zeichen breiter Marktzuversicht.

Gleichzeitig macht sich ein Trend bemerkbar, der insbesondere die professionellen Investoren beschäftigt. 98 Prozent der professionellen Investoren weltweit planen, ihre Positionen in aktiv gemanagten ETFs in den kommenden zwölf Monaten auszubauen. Das ist das Kernergebnis des 13. jährlichen Global ETF Investor Survey von Brown Brothers Harriman (BBH), der Anfang März 2026 veröffentlicht wurde und die Branche seither intensiv beschäftigt.

Für sich genommen klingt die Zahl nach einer weiteren Branchen-Umfrage unter lauter optimistischen Asset Managern. Doch der entscheidende Satz steht gleich dahinter: 53 Prozent der Befragten werden dafür ihre Positionen in indexbasierten ETFs reduzieren, und fast die Hälfte will laut Business Wire auch klassische aktiv gemanagte Investmentfonds zurückfahren. Es geht also nicht um zusätzliches Kapital - es geht um eine Neuverteilung des bestehenden.

Aktive ETF: Wie gross ist die Welle wirklich?

Für die Studie befragte das Marktforschungsinstitut Wakefield Research im Auftrag von BBH 325 professionelle ETF-Investoren aus den USA, China und Europa, darunter institutionelle Investoren, Finanzberater, Fondsmanager, Privatbanken und Vermögensmanager.

Die Stichprobe ist klein, aber qualitativ hochwertig. Und das Ergebnis ist eindeutig. Angesichts der aktuellen Marktlage hält die Mehrheit der ETF-Investoren - 66 Prozent - aktives Management für den attraktiveren Ansatz in den nächsten zwölf Monaten, während nur 34 Prozent auf passive Strategien setzen würden. Das ist eine Kehrtwende gegenüber dem jahrzehntelangen Mantra, dass kostengünstige Indexfonds auf lange Sicht kaum zu schlagen seien.

Wer glaubt, das sei ein kurzfristiger Meinungsschwenk, unterschätzt, wie weit die Entwicklung bereits fortgeschritten ist. Die Gesamtzahl aktiver ETFs ist seit 2016 um über 1'200 Prozent gestiegen, und das verwaltete Vermögen kletterte von 52 Milliarden Dollar im Jahr 2016 auf knapp 1,5 Billionen Dollar im Jahr 2025 - das ist laut Morningstar ein Wachstum von 64 Prozent allein in 2025.

Und die Investoren glauben laut der Umfrage, dass dies erst der Anfang ist: 94 Prozent sind überzeugt, dass aktive ETFs innerhalb eines Jahrzehnts die Marke von zehn Billionen Dollar übertreffen werden, 77 Prozent erwarten diesen Meilenstein sogar schon in sieben Jahren.

Der Treiber: Volatilität als Feind des passiven Ansatzes

Was steckt hinter dem Stimmungsumschwung? Die Antwort ist simpel und brutal: Märkte, die sich nicht mehr so verhalten wie in den Jahren des ruhigen Aufschwungs.
2025 wurden rund 1'000 neue aktive ETFs aufgelegt - und die Nachfrage nach aktiven Ansätzen dürfte sich 2026 fortsetzen. In einem volatilen Makro-Umfeld setzen Investoren zunehmend auf aktive Umsetzung statt auf traditionelle passive Benchmarks.

Das ist kein Zufall. Passive Indexfonds verfolgen per Definition keine Ausweich- oder Schutzstrategie - wer einen MSCI-World-ETF hält, kauft den Index, ob er gerade fällt oder nicht. Aktive ETFs hingegen können flexibler reagieren, Sektoren über- oder untergewichten und in Stressphasen gezielt umschichten.

BBH-Manager Tim Huver bringt gemäss Business Wire die Erwartungshaltung der Industrie auf den Punkt: Die nächste Wachstumsphase bei ETFs werde sehr anders aussehen als die vergangene Dekade, mit stärkerem Fokus auf aktivem Management, neuen Asset-Klassen und der operativen Raffinesse, komplexere Strategien in grossem Massstab umzusetzen.

Der grössere Kontext: ETFs verlieren ihr passives Image

Der Trend bei aktiven ETFs fügt sich in eine tiefgreifendere Verschiebung im gesamten ETF-Markt ein. Nach der US-Präsidentschaftswahl im November 2024 hatten europäische Anleger laut ETF Stream noch über 60 Milliarden Euro in amerikanische Large-Cap-ETFs gesteckt. Im Gesamtjahr 2025 waren es dann nur noch 6,2 Milliarden Euro. Gleichzeitig drehten europäische Large-Cap-ETFs von Abflüssen von 12 Milliarden Euro auf Zuflüsse von 41,2 Milliarden Euro.

Was mit US-Amerika passiert, ist dabei symptomatisch: Laut einer BlackRock-Umfrage unter 2'573 Kunden aus der EMEA-Region planen Anleger vor allem, ihre Positionen in europäischen und Emerging-Market-Aktien auszubauen. Die Treiber seien Diversifikation weg von der starken Konzentration auf die USA, unterstützende makroökonomische Fundamentaldaten in den Schwellenländern und ein schwächerer US-Dollar.

Der iShares MSCI World ETF - für Millionen Kleinanleger das Herzstück ihres Portfolios - spiegelt diese Umbrüche direkt wider. Erstmals seit Jahren wurde der Anteil amerikanischer Aktien bei der Quartalsanpassung netto reduziert: 15 US-Werte flogen aus dem Index, während nur acht neue aufgenommen wurden. Und für Mai steht mit einer neuen MSCI-Indexmethodik die nächste tiefgreifende Veränderung an.

Was bedeutet das für Privatanleger?

Für Otto Normalsparer, der monatlich per Sparplan in einen MSCI World investiert, klingt all das zunächst weit weg. Doch die Signale sind relevant.

Erstens: Die Prämisse, dass passive Indexfonds das Mass aller Dinge sind, gerät ins Wanken. Das bedeutet nicht, dass sie schlecht sind - aber die nahezu religiöse Überzeugung, aktives Management sei prinzipiell unterlegen, verliert Anhänger selbst unter Profis. Zweitens wächst das Angebot an aktiven ETFs rapide, und die Kosten fallen: Viele aktive ETFs sind deutlich günstiger als klassische aktiv gemanagte Fonds, bleiben aber flexibler als reine Indexprodukte. Drittens zeigt die geografische Umschichtung, dass die Konzentration auf US-Märkte - die viele Index-ETFs durch ihre Konstruktion zwingend mit sich bringen - zunehmend als Klumpenrisiko wahrgenommen wird.

Innovationshunger bestimmt die Branche: 82 Prozent der professionellen Investoren würden ETF-Anteilsklassen von Investmentfonds in Betracht ziehen, und 99 Prozent sind offen für Private-Markets-ETFs - also ETFs, die Zugang zu bisher schwer zugänglichen Anlageklassen wie Private Equity oder Private Credit bieten. Produkte, die bislang reichen Privatinvestoren und Institutionen vorbehalten waren, sollen künftig für alle handelbar sein.

Die Gegenstimmen

Allerdings wäre es zu einfach, den Triumph des aktiven Managements schon heute auszurufen. Als Gruppe haben aktiv gemanagte Fonds keinen guten Job dabei gemacht, ihre Benchmarks zu schlagen. Doch in bestimmten Marktsegmenten - insbesondere bei Nicht-US-Aktien und Anleihen - hatte aktives Management langfristig durchaus Vorteile.

Die Nachfrage nach aktivem Management wächst jedoch, weil Investoren direkten Zugang zu institutionellen Managern mit hoher Überzeugungsstärke anstreben. Der ETF-Mantel - transparent, börsengehandelt, steuereffizient - ist dabei längst kein Alleinstellungsmerkmal des passiven Investierens mehr. Er ist zum Standard geworden, in den die Branche nun immer komplexere Strategien giesst.

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