«Das nächste Kapitel bei den ETFs hat bereits begonnen»

Raimund Müller, Leiter ETF & Index Fund Sales Schweiz und Liechtenstein bei UBS Asset Management (Bild: UBS)
Raimund Müller, Leiter ETF & Index Fund Sales Schweiz und Liechtenstein bei UBS Asset Management (Bild: UBS)

Seit 25 Jahren prägen ETFs den Schweizer Anlagemarkt. Raimund Müller, Leiter ETF & Index Fund Sales Schweiz und Liechtenstein bei UBS Asset Management, erklärt, wer die aktuellen Zuflüsse treibt, wie Anleger auf die hohe Indexkonzentration reagieren – und warum aktive ETFs erst am Anfang einer strukturellen Entwicklung stehen.

22.10.2026, 15:40 Uhr
Asset Management | Interviews

Redaktion: asc

Wie hat sich der Schweizer Markt seit den ersten Produkten entwickelt? Was waren die entscheidenden Wendepunkte?

Der wichtigste Wandel seit den ETF-Anfängen vor 25 Jahren ist die Demokratisierung des Anlagemarktes. Instrumente, die früher primär institutionellen Investoren zur Verfügung standen, können heute von einer sehr breiten Anlegerbasis genutzt werden.

Geändert haben sich sowohl das Anlageuniversum als auch die Nutzungsbreite. Zunächst haben sich ETFs für breite Aktienindizes etabliert. Danach kamen Anleihen, Rohstoffe, nachhaltige Anlagen, Faktorstrategien und währungsgesicherte Lösungen hinzu. ETFs wurden zunehmend in strategische Asset Allocation, Modellportfolios, digitale Vermögenslösungen und Sparpläne integriert. Die Lancierung aktiver ETFs markiert gerade einen weiteren Entwicklungsschritt.

Als einer der ersten europäischen ETF-Anbieter haben wir den Markt mit aufgebaut und Innovationen früh zugänglich gemacht. Die ersten nachhaltigen ETFs haben wir z.B. 2011 aufgelegt und währungsgesicherte ETF-Anteilsklassen seit 2013.

Wo steht UBS heute im europäischen und im Schweizer ETF-Geschäft?

Mit mehr als 1,1 Billionen US-Dollar verwalteten Vermögen per Ende Juni 2026 ist UBS Asset Management heute der grösste Anbieter indexierter Anlagen mit Sitz in Europa. Letztes Jahr verzeichneten unsere ETFs mit rund 20 Milliarden US-Dollar Nettozuflüssen ein Rekordjahr; und die starke Nachfrage hält auch dieses Jahr an (rund 25 Milliarden US-Dollar Nettoneugeld bis Ende September). Im ersten Halbjahr 2026 haben unsere rund 170 ETFs erstmals die Schwelle von 200 Milliarden US-Dollar verwalteten Vermögen überschritten.

Entscheidend ist für uns aber nicht allein die Grösse. Gerade in der Schweiz zählt die Kombination aus globaler Skalierung, lokaler Kundennähe und breiter Plattform aus ETFs und Indexfonds.

Wer treibt die aktuellen Zuflüsse: Pensionskassen, Vermögensverwalter oder Privatkunden mit Sparplänen?

Die Hauptnachfrage sehen wir heute vor allem bei Wealth- und Asset-Managern. ETFs sind dort etablierte Bausteine für die strategische Asset Allocation, Modellportfolios und auch taktische Positionierungen.

Gleichzeitig wird die Nachfrage breiter, da digitale Anlageplattformen und ETF-Sparpläne zusätzliche Anlegergruppen erschliessen. Sie senken die Einstiegshürden und machen regelmässiges Investieren für Privatanleger sehr einfach. Diese Entwicklung dürfte auch in der Schweiz noch weiter an Bedeutung gewinnen.

Was unterscheidet Schweizer Anleger von anderen europäischen Anlegern, etwa beim Heimmarkt-Bias, bei der Franken-Absicherung oder bei der Nachhaltigkeit?

Die Schweiz weist einige Besonderheiten auf. Dazu gehört die starke Bedeutung des Heimmarkts, aber vor allem auch die Währungsfrage.

Wer als Schweizer Anleger global investiert, trägt neben dem Markt- ein Fremdwährungsrisiko. Gerade bei einem strukturell starken Franken kann dies einen relevanten Einfluss auf die Rendite haben. Deshalb spielt Currency Hedging hier eine besonders wichtige Rolle. Bei unterschiedlichen Zinsniveaus zwischen den Währungsräumen können die laufenden Hedging-Kosten jedoch erheblich sein. Die Entscheidung muss deshalb zu Anlagehorizont, Assetklasse und Risikoprofil passen.

Auch Schweizer Marktbausteine haben eine grosse Bedeutung. Lösungen auf heimische Benchmarks sowie beispielsweise Equal-Weight-Strategien können helfen, spezifische Schweizer Portfolioanforderungen umzusetzen.

Nachhaltigkeit bleibt ebenfalls relevant, wobei die Diskussion reifer geworden ist. Anleger schauen heute genauer darauf, was ein nachhaltiges Produkt tatsächlich tut: Welche Ausschlüsse gelten? Wie ist die Indexmethodik definiert? Wie werden Klima- und Governance-Aspekte umgesetzt? Diese Transparenz ist entscheidend.

Welche Rolle spielt die Gebührenentwicklung bei einer durchschnittlichen TER von rund 0,30 Prozent?

Der Preiswettbewerb bleibt wichtig und hat für Anleger erhebliche Vorteile gebracht. Gerade bei liquiden Core-Exposures sind die Gesamtkosten (TER) inzwischen sehr niedrig. UBS bietet mit dem Core-Offering z.B. ETFs auf den S&P 500 und MSCI USA für 0,03 Prozent an.

Man sollte ETFs jedoch nicht nur anhand ihrer Verwaltungsgebühr beurteilen. Die Tracking-Qualität, Liquidität, Bid-Ask-Spreads und Handelskosten sind genauso wichtig. Der günstigste ETF auf dem Papier muss deshalb nicht die kosteneffizienteste Lösung im Portfolio sein.

Wenige US-Titel dominieren die globalen Indizes. Wie reagieren Anleger darauf, etwa mit Gleichgewichtung, Ex-US-Lösungen oder Faktoransätzen?

Die hohe Konzentration in einigen kapitalisierungsgewichteten Aktienindizes ist inzwischen ein wichtiges Thema in Kundengesprächen.

Ein marktgewichteter Index macht zunächst genau das, was er soll: Unternehmen, deren Börsenwert steigt, erhalten automatisch ein höheres Gewicht. Das bringt Effizienz und niedrige Umschichtungskosten mit sich, kann aber zu Konzentrationen führen.

Anleger müssen deshalb nicht zwingend ihren Core-ETF ersetzen. Häufig geht es vielmehr darum, bewusst zusätzliche Diversifikation einzubauen. Dafür gibt es verschiedene Instrumente, beispielsweise Equal-Weight-Indizes, World-ex-USA-, Ex-Mega-Cap-Lösungen oder Faktorstrategien.

Auch UBS hat das Angebot in diesen Bereichen erweitert. Für uns geht es darum, Anlegern unterschiedliche Werkzeuge zur Verfügung zu stellen, mit denen sie Konzentration und Diversifikation gezielt steuern können.

Auch im SMI ist die Konzentration hoch. Welche Antworten gibt es dafür?

Wenige grosse Unternehmen können auch in der Schweiz einen beträchtlichen Anteil kapitalisierungsgewichteter Indizes ausmachen. Eine mögliche Alternative sind breitere Schweizer Indizes. Eine andere besteht darin, die Gewichtungsmethodik zu verändern. Ein Beispiel ist unser UBS SMI Equal Weight ETF. Durch die Gleichgewichtung reduziert sich die Abhängigkeit von den grössten Indexmitgliedern.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Equal Weight grundsätzlich «besser» ist. Es führt zu einem anderen Risiko- und Renditeprofil und regelmässigeren Umschichtungen. Entscheidend ist deshalb, welches Problem ein Anleger in seinem Gesamtportfolio lösen möchte.

Aktive ETFs wachsen stark, haben am Schweizer Umsatz aber erst einen kleinen Anteil. Ist das ein Durchbruch oder eine Nische?

Ich würde es als den Beginn einer strukturellen Entwicklung bezeichnen. Neue Anlageformen brauchen Zeit, bis sie in Portfolios, Plattformen und Beratung integriert sind.

Der interessante Punkt ist, dass ETFs zunehmend als Verpackung oder Implementierungsform verstanden werden und nicht mehr nur als Synonym für passives Investieren. Aktive ETFs können Transparenz, Handelbarkeit und die Effizienz des ETF-Formats mit aktiven Anlageentscheidungen verbinden. Besonders interessant ist das in Marktsegmenten, in denen Titelauswahl oder dynamisches Portfoliomanagement einen Mehrwert schaffen können.

Wir haben 2025 unsere ersten aktiven ETFs in Europa lanciert, unter anderem in spezialisierten Bereichen wie CLOs, Treasury Yield Plus sowie bei aktiven Aktienstrategien. Wir sehen darin eine wichtige Ergänzung unseres Angebots.

Wie verändert sich das Verhältnis von aktiv und passiv, und welche Rolle spielen ETF-Anteilsklassen bestehender Fonds?

Die Zukunft lautet nicht aktiv gegen passiv. Anleger kombinieren zunehmend beide Ansätze.

Für effiziente und liquide Märkte können kostengünstige Indexlösungen ausgezeichnete Core-Bausteine sein. In anderen Marktsegmenten kann aktives Management zusätzliche Möglichkeiten eröffnen. Entscheidend ist letztlich, welche Form für das jeweilige Anlageziel am effizientesten ist.

ETF-Anteilsklassen beziehungsweise die Übertragung bestehender aktiver Strategien in einen ETF-Wrapper können diese Grenze weiter aufweichen. Für Anleger stehen dann weniger die traditionellen Kategorien «Fonds oder ETF» im Vordergrund, sondern die Liquidität, Transparenz, Implementierung, Kosten und Qualität der zugrunde liegenden Strategie.

Wie entwickeln sich ETPs, Rohstoffe und Krypto-Produkte?

Das börsengehandelte Produktuniversum wird insgesamt breiter. Rohstofflösungen, insbesondere Gold, sind bereits seit längerem wichtige Instrumente für Diversifikation und Portfolioabsicherung. Gerade in unsicheren Marktphasen werden sie gezielt eingesetzt.

Bei Krypto-Produkten zeigt die Entwicklung ebenfalls, dass Anleger nach liquiden und einfach zugänglichen börsengehandelten Lösungen für neue Anlageklassen suchen.

Wichtig ist dabei die klare Unterscheidung zwischen ETFs und anderen börsengehandelten Produkten. Struktur, Besicherung, Liquidität, Gegenparteirisiko und regulatorische Ausgestaltung sprechen dabei für Fonds. Je spezialisierter das Engagement ist, desto wichtiger wird die sorgfältige Auswahl.

Wo sehen Sie den Schweizer ETF-Markt in fünf Jahren?

Ich gehe von einem anhaltend starken Wachstum aus. Potenzial besteht insbesondere bei Kern-Allokationen, aktiven ETFs, Fixed-Income-ETFs, Modellportfolios und digitalen Vermögenslösungen. Gleichzeitig dürften Portfolios individueller werden. Anleger werden ETFs nicht nur nutzen, um einen Markt möglichst günstig abzubilden, sondern zunehmend auch, um sehr konkrete Risiko-, Ertrags- oder Diversifikationsziele umzusetzen.

Der Schweizer Markt dürfte davon besonders profitieren, weil hier anspruchsvolle institutionelle Anlegerinnen, ein grosser Wealth-Management-Markt und private Investoren zusammentreffen. Nach 25 Jahren stehen wir deshalb nicht am Ende der ETF-Entwicklung. Das nächste Kapitel hat bereits begonnen.

Was ist das grösste Risiko für die Branche: Kostendruck, Produktflut oder Liquidität in Stressphasen?

Alle drei Themen sind relevant, aber sie haben unterschiedliche Konsequenzen.

Der Kostendruck ist zunächst positiv für Anleger, solange die Anbieter weiterhin in Portfolio Management, Handel, Risikomanagement und Service investieren können.

Eine immer grössere Produktpalette schafft zusätzliche Auswahl, macht es aber gleichzeitig wichtiger, genau zu prüfen, ob ein ETF einen echten Portfoliobedarf erfüllt. Bei zunehmender Produktvielfalt sollten Qualität und Anlegernutzen vor reiner Quantität stehen. Innovation ist dann sinnvoll, wenn sie ein reales Portfolio-Problem löst.

Bei der Liquidität ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: Das Handelsvolumen eines ETF an der Börse allein sagt nicht alles über seine Liquidität aus. Entscheidend sind auch die Liquidität der zugrunde liegenden Wertpapiere und der Creation-and-Redemption-Mechanismus.

Der Erfolg von ETFs über die letzten 25 Jahre besteht nicht nur darin, dass sie günstiger geworden sind. Sie haben professionelle Portfolio-Bausteine für wesentlich mehr Menschen zugänglich gemacht. Die nächste Entwicklungsphase wird deshalb nicht allein von noch tieferen Gebühren geprägt sein, sondern von intelligenteren, flexibleren und stärker individualisierten Lösungen.

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