29.09.2026, 10:16 Uhr
Die Schweizer Konjunktur nimmt Fahrt auf. Laut dem Konjunkturbarometer des KOF Instituts haben sich die Wirtschaftsaussichten im September erneut deutlich verbessert und die Erwartungen der Ökonomen deutlich...
Der Claude-Entwickler bereitet den womöglich höchstbewerteten Börsengang aller Zeiten vor. Der Prospekt zeigt ein explosives Wachstum, Milliardenverluste – und eine Risikowarnung, wie sie Anleger in einem Börsenprospekt kaum je gelesen haben.
Wer Aktien von Anthropic zeichnen will, wird gleich zu Beginn gewarnt. Laut dem S-1-Prospekt, den das KI-Unternehmen in den vergangenen Tagen mit einem kleinen Kreis von Partnern geteilt hat, könnte fortgeschrittene künstliche Intelligenz «katastrophale oder existenzielle Risiken für die Menschheit» bergen. Das berichten die «Financial Times» und Reuters übereinstimmend. Anthropic wollte die Berichte nicht kommentieren. Der Prospekt ist noch nicht öffentlich, in der Edgar-Datenbank der SEC ist bislang kein S-1 hinterlegt.
Das Ausmass der Offenlegung ist ungewöhnlich. Rund 80 der 261 Seiten des Hauptteils widmet Anthropic den Risikofaktoren – fast doppelt so viel wie den 48 Seiten zur Geschäftsbeschreibung. Zum Vergleich: SpaceX, zu dem xAI gehört, kam in seinem Prospekt mit rund 38 von 277 Seiten aus.
Inhaltlich geht es weit über übliche Geschäftsrisiken hinaus. Die Modelle könnten selbsterhaltendes Verhalten zeigen, etwa Versuche, sich einer Abschaltung zu widersetzen, Informationen zu verbergen oder zu manipulieren, sowie Verhalten, das einer Erpressung ähnelt. Zudem räumt das Unternehmen ein, dass Modelle erkennen könnten, wenn sie getestet werden, was die Sicherheitsbewertung erheblich einschränke. Manche Fähigkeiten würden womöglich erst entdeckt, nachdem ein Modell bereits im Einsatz ist und es zu ernsthaften Sicherheitsvorfällen gekommen ist. Wie viel Anthropic für Sicherheitsforschung ausgibt, geht aus dem Prospekt nicht hervor.
Gleichzeitig benennt der Prospekt auch klassische Geschäftsrisiken. Knapp ein Viertel des Umsatzes stammte im vergangenen Jahr von nur zwei Kunden. Und: Nachfrage und Umsatz hängen stark davon ab, laufend neue Modelle zu veröffentlichen – ein Spannungsfeld zur Sicherheitsrhetorik.
Die Finanzzahlen zeigen die brutale Ökonomie des KI-Wettrennens. 2025 erzielte Anthropic einen Umsatz von 4,59 Milliarden US-Dollar, nach rund 386 Millionen US-Dollar im Vorjahr. Der operative Verlust wuchs auf 8,06 Milliarden US-Dollar, nach 2,98 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024. Allein für Rechenleistung und Infrastruktur gab das Unternehmen 7,33 Milliarden US-Dollar aus – dreimal so viel wie 2024 und mehr als die Hälfte der gesamten Betriebskosten von 12,65 Milliarden US-Dollar.
Unter dem Strich steht gar ein Nettoverlust von fast 42 Milliarden US-Dollar. Dieser ist jedoch mehrheitlich buchhalterischer Natur: Rund 34 Milliarden US-Dollar gehen auf Wertveränderungen wandelbarer Finanzierungsinstrumente zurück. Ende Dezember verfügte Anthropic über 20,28 Milliarden US-Dollar an flüssigen Mitteln und kurzfristigen Anlagen.
Im laufenden Jahr hat sich das Bild laut FT deutlich gewandelt: Im zweiten Quartal 2026 lag der Umsatz bei 11,5 Milliarden US-Dollar, und das Unternehmen steuert – auf bereinigter Basis – auf das zweite Quartal in Folge mit operativem Gewinn zu.
Die Zukunft bleibt kapitalintensiv. In den kommenden Jahren plant Anthropic Verpflichtungen für Cloud, Rechenleistung und Infrastruktur von rund 518 Milliarden US-Dollar. Rechenkapazität sichert sich das Unternehmen laut FT unter anderem bei Google, SpaceX und einer Reihe kleinerer Anbieter.
Die Investoren rechnen mit einer Bewertung von mehr als 2 Billionen US-Dollar. Das wäre mehr als doppelt so viel wie bei der letzten Finanzierungsrunde im Mai und mehr als SpaceX, das im Juni bei rund 1,78 Billionen US-Dollar an die Börse ging. Die Kotierung wird an der Nasdaq erwartet. Zum Zeitpunkt ist allerdings noch nichts entschieden: Laut Reuters dürfte der Börsengang auf die Zeit nach den US-Zwischenwahlen im November verschoben werden.
Für Publikumsaktionäre ist die Governance ein zentraler Punkt. Anthropic bleibt eine Public Benefit Corporation nach Delaware-Recht und schafft eine neue Einheit namens Founder LLC aus den sieben Mitgründern. Diese kontrolliert eine einzige Aktie der Klasse F mit 50,1 Prozent der Stimmrechte bei zentralen Geschäften, darunter bestimmte Verwaltungsratswahlen. Die Konstruktion ist befristet: Die Sonderstimmrechte laufen aus, sobald nur noch zwei Gründer oder deren Nachfolger übrig sind.
Der Prospekt macht keinen Hehl daraus, was das für Anleger bedeuten kann: Die Struktur könne zu Entscheidungen führen, die den finanziellen Interessen zuwiderlaufen und den Wert der Aktien der Klasse A belasten. Die Mitgründer verpflichten sich zudem, 80 Prozent ihrer Anthropic-Beteiligungen gemeinnützigen Zwecken zu widmen. Bewusst verzichtet habe man auf gewisse kommerziell attraktive Angebote wie Bild- und Videogenerierung, um Rechenleistung für Forschung und Sicherheit einzusetzen.
Die Warnungen fallen in eine Phase erhöhter Nervosität rund um KI-Sicherheit. CEO Dario Amodei bezeichnete KI vergangene Woche vor dem UN-Sicherheitsrat als wichtigstes globales Sicherheitsthema, und laut FT haben selbst Konkurrenten wie OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk seine Forderung nach einer gebremsten Entwicklung an der Front unterstützt. Skeptiker bleiben: Einige Analysten halten es für unwahrscheinlich, dass ein führendes KI-Labor tatsächlich bremst, wenn es damit Konkurrenten einen Vorteil verschafft.
Für Investoren stellt sich damit eine ungewohnte Bewertungsfrage: Wie preist man ein Unternehmen mit zweistelligen Milliardenumsätzen, hohen Investitionsverpflichtungen und Gründerkontrolle, das im eigenen Prospekt vor möglichen Folgen seiner Technologie für die Menschheit warnt? Anthropic selbst setzt auf eine klare These: Zuverlässige und sichere KI sei eine gemeinsame Verantwortung, die der Markt honorieren werde.