Edmond de Rothschild: Märkte atmen auf – doch die Fragilität bleibt

Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild Asset Management (Bild: EdR AM)
Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild Asset Management (Bild: EdR AM)

Der Kurswechsel der USA, ein bedingtes Wiederöffnen der Strasse von Hormuz und ein kurzes Aufatmen an den Finanzmärkten: die Geopolitik bleibt der dominierende Risikofaktor für Investoren. Dies schreibt Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild Asset Management.

09.04.2026, 07:25 Uhr
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Redaktion: asc

Innerhalb weniger Stunden hat die US-Iran-Politik eine dramatische Kehrtwende vollzogen. Unter dem Druck eines amerikanischen Ultimatums erklärte Teheran die Wiedereröffnung der Strasse von Hormuz – allerdings unter Bedingungen: Die Durchfahrt sei möglich «in Koordination mit den Streitkräften und unter Einhaltung technischer Beschränkungen», liessen iranische Behörden verlauten. Washington seinerseits setzte Luftangriffe für zwei Wochen aus, um Friedensgespräche zu ermöglichen. Israel betonte unterdessen, die Kampfhandlungen im Südlibanon seien von der Waffenruhe nicht erfasst.

Die Einigung hatte laut Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild Asset Management, einen klaren Kern: die Abwendung eines Extremszenarios aus massiven US-Angriffen, einer anhaltenden Blockade des Meerenges und iranischen Gegenschlägen auf die Förderkapazitäten der Golfstaaten. Durch die Strasse von Hormuz fliesst ein erheblicher Anteil der weltweiten Öl- und Gasexporte – eine Dauersperrung hätte Energiepreise, globale Inflation und Wachstum nachhaltig erschüttert.

Der plötzliche Schwenk vom 7. April markiert trotzdem einen Wendepunkt in der Krise – aber keinen triumphalen, so Nizard weiter. Er offenbare vielmehr die Brüchigkeit einer US-Administration, die zwischen geopolitischen Zielen und wirtschaftlichen Sachzwängen eingeklemmt ist. Die Ausgangspositionen beider Seiten – in der Nuklearfrage, bei den Sanktionen, beim amerikanischen Militärpräsenz – liegen nach wie vor weit auseinander.

Marktreaktion: Erleichterung mit Ablaufdatum

Die Waffenstillstandsankündigung löste eine kräftige Erholungsrallye aus. Brent-Rohöl fiel auf rund 95 Dollar je Barrel zurück, Staatsanleiherenditen gaben nach, Aktienindizes – angeführt von Europa, Japan und Emerging Markets – legten zu. Doch die Erleichterung hat ein Ablaufdatum, so Nizard in seiner Analyse. Der Rückgang der Ölpreise dürfte begrenzt bleiben: Die logistischen Verzögerungen durch die Unterbrechung der maritimen Handelsströme – Umroutungen von Tankern, Wiederauffüllung von Lagerbeständen, Neustart der Produktion – werden Wochen in Anspruch nehmen. Hinzu kommen tiefere Reserveniveaus als vor der Krise und eine anhaltende geopolitische Risikoprämie.

Die übergeordnete Botschaft dieser Krise: In einer finanzialisierten Welt können wirtschaftliche Zwänge mittlerweile ebenso viel Gewicht haben wie militärische Macht.

Für Investoren stellt sich nun die Folgefrage: Was bedeutet dieser Schock makroökonomisch? Tatsächlich wirkt der Energieangebotsschock über steigende Öl- und Gaspreise direkt auf Wachstum und Inflation – insbesondere in der Eurozone, deren Industrie von diesen Ressourcen abhängig bleibt. Dennoch unterscheidet sich das heutige Umfeld deutlich von 2022: Keine überschiessende Nachfrage, keine Covid-bedingten Ersparnispolster, kein überhitzter Arbeitsmarkt. Die Notenbanken sollten deshalb auf steigende Inflationsdaten nicht überreagieren – was wiederum Rückenwind für risikobehaftete Anlagen in Aktien und Unternehmensanleihen bedeutet.

Portfoliopositionierung: Gewinne mitgenommen, Resilienz erhöht

Was sind die Folgen für das Portfolio der Anleger? Nizard geht von einem langwierigen Zermürbungskrieg zwischen Washington und Teheran aus, aus dem Trump letztlich um jeden Preis einen Ausweg suchen würde, um einen grossen Wirtschaftsschock zu verhindern. Dieses Szenario hat sich bewahrheitet.

Die Krise bestätigt zudem das Vertrauen in zwei thematische Strategien, so der Stratege weiter: «Global Resilience» – fokussiert auf widerstandsfähige Unternehmen in einem instabilen Umfeld – sowie «Mission Europa», ausgerichtet auf Unternehmen, die von Europas Souveränitätsstreben profitieren. Trumps neue Drohungen über einen möglichen US-Rückzug aus der NATO verleihen diesen Themen zusätzlichen Rückhalt.

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