19.10.2026, 08:38 Uhr
Ohne nennenswerte Versicherungsschäden im dritten Quartal 2026 haben Katastrophenanleihen kräftig zugelegt. Für das Schlussquartal erwartet SCOR Investment Partners einen sehr aktiven Primärmarkt – und leicht...
Unternehmensanleihen aus Schwellenländern sind zu einem Markt von 2,6 Billionen US-Dollar herangewachsen. Die Bilanzen der Emittenten sind solider als jene vieler Konkurrenten aus Industrieländern, schreibt DPAM-Fondsmanager Thomas Timmerman. Für Anleger hat die gestiegene Qualität allerdings ihren Preis.
Wer an Anleihen denkt, denkt meist an Staatsanleihen aus Industrieländern, Investment-Grade-Papiere oder Hochzinsanleihen. Unternehmensanleihen aus Schwellenländern bleiben nach Einschätzung von Thomas Timmerman, Fondsmanager bei Degroof Petercam Asset Management (DPAM), «ein bislang relativ wenig erschlossenes Segment der globalen Anleihemärkte». Viele Anleger investierten in diese Volkswirtschaften nach wie vor hauptsächlich über Aktien oder Staatsanleihen «und übersehen dabei die Unternehmen, die diesen Wandel massgeblich vorantreiben».
Dabei verschiebt sich das Wachstum: S&P Global erwartet, dass bis 2035 rund 65 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums auf Schwellenländer entfallen.
Laut DPAM ist das Universum der auf Hartwährungen lautenden Schwellenländer-Unternehmensanleihen seit 2002 von 260 Milliarden US-Dollar auf rund 2,6 Billionen US-Dollar gewachsen. Damit sei es grösser als der Hochzinsmarkt und als das Segment der Schwellenländer-Staatsanleihen in Hartwährung. Das Anlageuniversum umfasst rund 750 Emittenten aus 68 Ländern, von Lateinamerika über Asien und den Nahen Osten bis nach Afrika und Osteuropa.
Auch die Qualität hat zugelegt. Der Anteil der Emittenten mit Rating A oder besser stieg laut DPAM von 31 Prozent im Jahr 2020 auf 40 Prozent im Juli 2026. Der Anteil der BB-Emittenten sank von 18 auf 14 Prozent, jener der B-Emittenten von 9 auf 6 Prozent. Die Privatbank UBP beziffert die durchschnittliche Verschuldung der Unternehmen auf rund das 1,2-Fache, 0,6 weniger als vor zehn Jahren.
Trotzdem bieten die Papiere laut Timmerman weiterhin einen Aufschlag gegenüber vergleichbaren Emittenten aus Industrieländern. «Dieser Aufschlag ist häufig eher auf die allgemeine Wahrnehmung der Schwellenländer durch Investoren als auf unternehmensspezifische Risiken zurückzuführen.»
Die Ausfallrate beziffert DPAM seit Jahresbeginn auf 2,7 Prozent, für das Gesamtjahr werden rund 3,1 Prozent erwartet. Im Vergleich zu den Kreditmärkten in den USA und Europa wirkt das auf den ersten Blick hoch. Allerdings entfallen laut DPAM 75 Prozent des Ausfallvolumens auf zwei brasilianische Schuldner: den Zucker-, Ethanol- und Treibstoffkonzern Raízen, der im ersten Quartal eine Restrukturierung seiner Schulden ankündigte, und den Petrochemiekonzern Braskem, den Fitch im August auf «Restricted Default» herabstufte.
Timmerman geht davon aus, dass sich der Trend zu tieferen Ausfallraten fortsetzen kann. Der Fall Raízen zeigt aber auch, wie schnell ein einzelner grosser Schuldner die Statistik prägt: Das Unternehmen galt bis zur Ankündigung als Investment-Grade-Emittent und war in vielen Fonds breit vertreten.
Timmerman räumt selbst ein, dass die Kreditaufschläge im historischen Vergleich eng sind. Der optionsbereinigte Spread des iShares-ETF auf den J.P. Morgan CEMBI Broad Diversified Core lag Mitte Oktober bei rund 183 Basispunkten. Ein grosser Teil der Rendite stammt damit aus dem US-Zinsniveau. Dass laufender Ertrag nicht gleich Rendite ist, zeigt derselbe ETF: Er warf über zwölf Monate eine Ausschüttungsrendite von 5,4 Prozent ab, kam in US-Dollar seit Jahresbeginn aber kaum vom Fleck.
DPAM bleibt dennoch positiv und nennt drei Gründe: die breite Streuung über Länder, Sektoren und Bonitäten, laufende Erträge bei einer meist kürzeren Duration als in Industrieländern sowie einen Markt, der trotz seiner Grösse wenig analysiert und in vielen Portfolios untergewichtet sei. Zudem erwartet Timmerman, dass die Emissionswelle rund um Rechenzentren und Hyperscaler vor allem die Anleihemärkte der Industrieländer belastet.
Für Anleger in Franken heisst «Hartwährung» vor allem US-Dollar. Die Absicherung in Franken kostet ungefähr die Zinsdifferenz zwischen den beiden Währungen und schmälert den Ertrag deutlich. Hinzu kommt, dass Breite nicht vor gemeinsamen Schocks schützt: Im ersten Quartal 2026 belasteten laut Morgan Stanley vor allem Emittenten aus den Golfstaaten im Zuge des Konflikts zwischen den USA, Israel und Iran den Investment-Grade-Teil des Index.
Unter dem Strich sind Schwellenländer-Unternehmensanleihen kein Nischensegment mehr. Bei den heutigen Bewertungen entscheidet aber weniger das Engagement in der Anlageklasse als die Auswahl der Emittenten.