03.03.2026, 08:16 Uhr
Der Tod von Irans oberstem Führer Khamenei und iranische Drohnenangriffe auf Katars Gasanlagen haben eine neue Ära der Marktunsicherheit eingeläutet – und ein Grundprinzip des Investierens erschüttert: die...
Die globalen Finanzmärkte befinden sich am Montag im freien Fall. Ausgelöst durch einen massiven Ölpreisschock im Zuge des anhaltenden Irankriegs brachen die Aktienmärkte in Asien ein, und auch für Europa und die Wall Street zeichnen sich tiefe rote Zahlen ab.
Der Nikkei 225 verlor kurz nach Handelsbeginn 6,2 Prozent auf 52.184 Punkte, der südkoreanische Kospi sackte um 6,1 Prozent ab. Australische und neuseeländische Werte verloren mehr als drei Prozent. Hongkongs Hang Seng büsste 2,5 Prozent ein, der Shanghaier Composite gab 1,1 Prozent nach und Taiwans Leitindex stürzte um 5 Prozent ab.
Für den Schweizer Aktienmarkt deuten vorbörsliche Indikationen bei IG auf Verluste von rund 1,2 Prozent hin. Ähnlich rasante Einbussen dürften auch die wichtigsten europäischen Indizes verzeichnen. Die Futures für den S&P 500 und den Dow Jones fielen vorbörslich um knapp 2 Prozent.
Im Zentrum der Turbulenzen steht der Rohölmarkt. Brent-Rohöl notierte bei 109,46 Dollar je Barrel, WTI bei 107,37 Dollar – mehr als 18 Prozent über den Schlusskursen vom Freitag. Die Preise erreichten damit ihren höchsten Stand seit mehr als dreieinhalb Jahren. Im Tagesverlauf stiegen Brent-Futures in Asien kurzzeitig auf 116,71 Dollar, ehe die Notierungen nach Bekanntwerden eines geplanten G7-Krisentreffens auf rund 110,85 Dollar zurückfielen. Seit Kriegsbeginn vor gut einer Woche hat sich der Ölpreis um rund 50 Prozent verteuert – Ende Februar lag er noch bei etwa 70 Dollar je Barrel.
Hintergrund ist die anhaltende Blockade der Strasse von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels fliessen. Der Irak hat 1,5 Millionen Barrel pro Tag an Produktion eingestellt, auch Kuwait hat begonnen, seine Förderung zu drosseln, nachdem die Lagerkapazitäten erschöpft sind. Laut JPMorgan-Rohstoffstrategin Natasha Kaneva könnten die Produktionsausfälle bis Ende nächster Woche auf 6 Millionen Barrel pro Tag anwachsen, wenn die Strasse nicht wieder für den Verkehr geöffnet wird, so der US-Sender CNBC.
Als Reaktion auf den Preisschock haben die Finanzminister der sieben führenden Industrieländer eine Notfallkonferenz einberufen. Die Minister sowie IEA-Direktor Fatih Birol kommen laut Bloomberg um 8.30 Uhr New Yorker Zeit zusammen, um die Freigabe von Erdölreserven aus den strategischen Lagerbeständen der IEA-Mitgliedsstaaten zu erörtern. Drei G7-Länder, darunter die USA, haben dem Vernehmen nach bereits ihre Unterstützung signalisiert. Manche US-Beamten halten eine koordinierte Freigabe im Umfang von 300 bis 400 Millionen Barrel – also 25 bis 30 Prozent der insgesamt 1,2 Milliarden Barrel schweren IEA-Reserve – für angemessen. Dies markiert eine Kehrtwende: Noch vergangene Woche hatte die Trump-Administration erklärt, ein Rückgriff auf die Reserven sei nicht nötig.
Parallel zu den Aktienmärkten geraten auch die Rentenmärkte unter Druck. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg um mehr als sieben Basispunkte – das ist laut Bloomberg der stärkste Anstieg seit Januar. Australiens zinssensitive Dreijahrensrendite kletterte auf den höchsten Stand seit 2011, deutsche Bund-Futures fielen auf ein Beinahe-15-Jahres-Tief.
Die Inflationsängste haben dazu geführt, dass einige Beobachter ihre Erwartungen für die nächste Zinssenkung der US-Notenbank Federal Reserve auf September verschoben haben. Ende Februar hatten sie noch eine Zinssenkung bis Juli vollständig eingepreist. Einige Anleiheoptionshändler wetten mittlerweile darauf, dass die Fed in diesem Jahr überhaupt keine Zinssenkung vornehmen wird.
Die Gefahr einer Stagflation – also einer Kombination aus steigender Inflation und sinkendem Wachstum – ist das beherrschende Thema. Laut Internationalem Währungsfonds würde ein um 10 Prozent dauerhaft erhöhter Energiepreis die globale Inflation um rund 0,4 Prozentpunkte anheizen und das Wachstum um bis zu 0,2 Prozentpunkte drücken. JPMorgan-Chefvolkswirt Bruce Kasman hält kurzfristig Ölpreise von 120 Dollar für möglich – sollte der Konflikt andauern, könnte dies das weltweite Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr um 0,6 Prozentpunkte bremsen und die Konsumentenpreise um einen Prozentpunkt erhöhen.
Die geopolitische Lage hat sich über das Wochenende weiter verschärft. Im Iran wurde Mojtaba Khamenei, Sohn des verstorbenen Ajatollah Ali Khamenei, zum neuen Obersten Führer ernannt. Dies signalisiert Kontinuität in Teherans Haltung und kaum eine Kursänderung gegenüber dem laufenden Krieg. US-Präsident Donald Trump bezeichnete die Ernennung als «inakzeptabel». Auf Truth Social spielte Trump die wirtschaftlichen Risiken des Ölpreisanstiegs unterdessen herunter: Die kurzfristig höheren Preise seien «ein sehr kleiner Preis für die Sicherheit und den Frieden der USA und der Welt».
Die durchschnittlichen US-Benzinpreise sind seit Kriegsbeginn von 2,98 Dollar auf 3,45 Dollar pro Gallone gestiegen – und dürften bei anhaltend hohem Ölpreis weiter klettern. Katar hatte die internationale Gemeinschaft bereits am Freitag gewarnt, der Krieg könne «die Volkswirtschaften der Welt zu Fall bringen».
Im Devisenmarkt zeigen sich die Schockwellen deutlich. Der US-Dollar legt als globale Reservewährung zu, gleichzeitig ist der Schweizer Franken als ultimativer sicherer Hafen gefragt. Das Euro-Franken-Paar fiel am Morgen kurzzeitig unter die Marke von 90 Rappen – ein Niveau, das die Schweizerische Nationalbank in erhöhte Handlungsbereitschaft versetzt.