KI-Giganten unter Spannung: OpenAIs Börsendebüt und der Anthropic-Schock

OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, plant den grössten Börsengang der Geschichte (Bild: Adobe Stock)
OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, plant den grössten Börsengang der Geschichte (Bild: Adobe Stock)

Selten lagen technologische Aufbruchstimmung und regulatorische Alarmbereitschaft so nah beieinander wie in dieser Woche: Während OpenAI bei Investoren für seinen geplanten Börsengang wirbt und dabei seinen Rechenvorteil gegenüber Anthropic hervorhebt, löste eben jener Rivale eine der ungewöhnlichsten Notfallrunden in der Geschichte des US-Finanzsystems aus.

10.04.2026, 10:28 Uhr
Fintech | Regulierung

Redaktion: asc

Die Zahlen sind gigantisch: OpenAI, die Firma hinter ChatGPT steuert auf einen der grössten Börsengänge der Geschichte zu. Das Unternehmen schloss zuletzt eine Finanzierungsrunde mit einem Gesamtkapital von 122 Milliarden Dollar bei einer Post-Money-Bewertung von 852 Milliarden Dollar ab. Zu den Hauptinvestoren zählen Amazon mit einer Zusage von bis zu 50 Milliarden Dollar sowie SoftBank und Nvidia mit je 30 Milliarden Dollar. Ein IPO ist laut CNBC bereits für das vierte Quartal 2026 möglich, wobei CEO Sam Altman die Marke von einer Billion Dollar als realistische Zielgrösse nennt.

Im Investoren-Pitching dieser Woche spielte OpenAI offensiv die Karte der Infrastrukturstärke aus: Das Unternehmen betonte explizit seinen Rechenvorteil gegenüber Anthropic - der Firma hinter Claude. Konkret vereinbarte OpenAI laut Bloomberg mit Amazon die Nutzung von zwei Gigawatt Rechenkapazität auf Basis von Amazons eigenem «Trainium»-Chip – und machte AWS zum exklusiven Drittanbieter für seine Unternehmensplattform. Diese Botschaft richtet sich klar an institutionelle Investoren: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die KI-Ökonomie.

Das Unternehmen generiert derzeit 2 Milliarden Dollar Monatsumsatz, was einem Jahresumsatz von rund 24 Milliarden Dollar entspräche. Doch trotz des rasanten Wachstums schreibt OpenAI weiterhin rote Zahlen – interne Projektionen rechnen für 2026 allein mit 14 Milliarden Dollar Verlust, und Profitabilität wird frühestens im Jahr 2030 erwartet. HSBC schätzt, dass OpenAI bis dahin mehr als 207 Milliarden Dollar an zusätzlichem Kapital benötigen wird.

Anthropic: Das Modell, das den Finanzsektor erschreckte

Während OpenAI auf Kapitalmärkte zusteuert, sorgt sein schärfster Konkurrent in Washington für Alarmstufe Rot. US-Finanzminister Scott Bessent und Fed-Vorsitzender Jerome Powell beriefen diese Woche eine Dringlichkeitssitzung mit den CEOs der grössten US-Banken ein – um vor Cyberrisiken durch Anthropics neues KI-Modell «Mythos» zu warnen. Das Treffen fand im Finanzministerium in Washington statt und zielte darauf ab, sicherzustellen, dass Finanzinstitute die potenziellen Gefahren erkennen und ihre Systeme schützen.

Anthropic hatte «Mythos» zwar Anfang der Woche vorgestellt, aber bewusst auf eine breite Veröffentlichung verzichtet. Der Grund ist beunruhigend: Das Modell ist in der Lage, «Tausende hochgradiger Zero-Day-Sicherheitslücken» zu identifizieren – und zwar in «jedem grossen Betriebssystem und jedem grossen Webbrowser». Konkrete Beispiele aus internen Tests belegen die Schlagkraft: Mythos fand eine 27 Jahre alte Schwachstelle im gehärteten OpenBSD-Betriebssystem sowie eine 16 Jahre alte Lücke in der FFmpeg-Bibliothek, die trotz fünf Millionen automatisierter Testdurchläufe nie entdeckt worden war.

Das Modell verfügt zudem über sogenannte «rekursive Selbstkorrektur» – es kann Schwachstellen im eigenen Code autonom erkennen und beheben. Der Zeitraum zwischen der Entdeckung einer Lücke und der Entwicklung eines funktionsfähigen Exploits soll sich durch Mythos von Monaten auf Minuten verkürzt haben. Anthropic beschränkt den Zugang derzeit auf ausgewählte Enterprise-Sicherheitsteams, die das Modell ausschliesslich für Verteidigungszwecke einsetzen sollen.

Rivalität mit strategischem Kalkül

Die Gleichzeitigkeit beider Ereignisse ist kein Zufall: OpenAI nutzt die Mythos-Aufruhr aktiv, um sich bei Investoren als die verlässlichere, stabilere und infrastrukturell überlegene Alternative zu positionieren. Anthropic hingegen hatte zuletzt im Februar 30 Milliarden Dollar eingesammelt und damit seinen Marktwert innerhalb von sechs Monaten mehr als verdoppelt – auch Anthropic gilt als potenzieller IPO-Kandidat im selben Zeitfenster wie OpenAI.

Die eigentliche Frage, die Investoren und Regulatoren gleichermassen beschäftigt: Ist ein KI-Modell, das Tausende unbekannter Sicherheitslücken in Minuten findet, noch ein Produkt – oder bereits eine strategische Waffe? Die Tatsache, dass Bessent und Powell persönlich intervenieren mussten, deutet darauf hin, dass Washington die Antwort kennt – und sie ist unbequem.

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