23.03.2026, 09:20 Uhr
Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten versetzt die Finanzmärkte in Aufruhr. UBS-Konzernchef Sergio Ermotti rechnet mit dauerhaft hohen Energiepreisen – und mahnt zur Vorsicht. Im Hintergrund tobt ein seltener...
Patrick Odier ist ehemaliger Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung und Aufsichtsratsvorsitzender von Lombard Odier. Im Interview erklärt er, warum Stabilität, Innovation und Regulierung entscheidend sind, damit die Schweiz ihre führende Rolle behaupten kann. Patrick Odier ist Referent am Finance Forum Liechtenstein am 29. April 2026.
Der Finanzplatz Schweiz steht unter zunehmendem internationalem Anpassungsdruck. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden Weichenstellungen, damit er auch langfristig wettbewerbsfähig bleibt?
Der Schweizer Finanzplatz steht heute nicht mehr unter zunehmendem Druck als in der Vergangenheit: Jeder internationale Finanzplatz muss sich heute gegenüber seinen Mitbewerbern ständig behaupten. Im globalen Vergleich stehen wir gut da: Ende 2024 verwaltete der Schweizer Finanzplatz 9´284 Milliarden Franken, was einem Zuwachs von 10 Prozent entspricht. Die Schweiz bleibt Nummer eins im internationalen Wealth Management mit CHF 2´400 Milliarden. Das ist ein Marktanteil von 25 Prozent. Ich sehe persönlich folgende Weichenstellungen als Erfolgsfaktoren für die Zukunft: die finanzielle und steuerliche Stabilität, die Qualität und die hohe Kompetenz bei der Kundenberatung, die auf höchstem Niveau beibehalten werden müssen, die Integration der neuesten Technologien wie z.B. e-ID, KI und digital assets und eine schlanke, pragmatische und moderne Regulierung.
Sie haben sich früh und konsequent für nachhaltige Finanzmärkte engagiert. Ist Nachhaltigkeit heute tatsächlich im Kern der Finanzbranche angekommen – oder erleben wir noch immer vor allem einen Reputationsdiskurs?
Nachhaltigkeit ist heute eine tägliche Realität in der Schweizer Bankenwelt. Das ist nicht nur ein «Label», sondern die Überzeugung, dass die Finanzbranche einen wesentlichen Beitrag zu nachhaltigen Geschäftsmodellen leisten kann und dass sie einer der wichtigsten Treiber für Risiko- und Renditedynamik ist. Ich erinnere daran, dass die Schweizer Banken heute in diesem Bereich am weitesten reguliert sind. Doch der Bankensektor kann es allein nicht richten: es braucht alle Akteure der Wirtschaft und der Gesellschaft, um Klimaneutralität zu erreichen. Nachhaltigkeit setzt sich im Kern des Finanzsektors durch, weil sie zu einer ökonomischen Notwendigkeit wird. Heute wird die Transition weniger durch politische Impulse vorangetrieben, sondern durch sehr konkrete Faktoren: Kosten, Skaleneffekte und strukturelle Engpässe – sei es bei Energie, Infrastruktur oder Ressourcen. Deshalb ist ein systematischer Ansatz entscheidend: Kapital gezielt in jene Unternehmen und Projekte zu lenken, die die wirtschaftliche Transition ermöglichen und deren Wettbewerbsfähigkeit stärken.
Regulatorische Komplexität nimmt weltweit zu, während Innovationszyklen immer kürzer werden. Wie gelingt es Finanzplätzen wie der Schweiz, Stabilität und Innovationsfähigkeit gleichzeitig zu sichern?
Die regulatorische Komplexität und die kürzeren Innovationszyklen sind in der Tat eine grosse Herausforderung. Das betrifft nicht nur die Finanzbranche sondern auch alle wirtschaftlichen Akteure sogar der öffentliche Dienst: alle sind damit konfrontiert. Die Schweiz hat den Vorteil, mit führenden Universitäten, Fachhochschulen und ähnlichen Institutionen im Kern der Innovation zu sein, was den Technologietransfer erleichtert: die Banken investieren zurzeit massiv in die innovativen Technologien wie KI, e-ID und digital assets. Damit bleiben sie wettbewerbsfähig. Die Stabilität ist von mehreren Faktoren abhängig, wobei die politische Stabilität der Schweiz durch die direkte Demokratie, das Funktionieren des Staats und der Infrastruktur sowie dem sozialen Frieden eine grosse Bedeutung zukommt. Die ganze Wirtschaft profitiert davon. Regulierung und Innovation stehen aber nicht im Widerspruch. Innovation braucht einen klaren Rahmen, in dem Vertrauen, Rechtssicherheit und Verlässlichkeit zusammenkommen. Die Aufgabe der Regulierung besteht darin, systemische Risiken zu begrenzen – nicht darin, Geschäftsmodelle vorwegzunehmen oder vorzuschreiben. Die Schweiz war immer dann erfolgreich, wenn sie Stabilität als Fundament verstanden hat, auf der Innovation entstehen kann. Bei Lombard Odier sind wir fest davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit ein entscheidender Treiber für langfristige Performance ist.
Der Schweizer Finanzplatz wird oft als global, aber auch als eigenständig wahrgenommen. Welche Lehren kann die Schweiz aus der Zusammenarbeit mit kleineren, hochspezialisierten Finanzplätzen wie Liechtenstein ziehen?
Die Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein pflegen eine lange und erfolgreiche Zusammenarbeit und sind eng zusammen verzahnt. Als ich Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung war, habe ich die Beziehungen mit dem Liechtensteinischen Bankenverband besonders gepflegt und pflege heute immer noch Kontakt mit dieser Organisation. Im Laufe der Jahre konnte ich feststellen, dass der Schweizer Finanzplatz und der Finanzplatz Liechtenstein sehr viele Gemeinsamkeiten innehaben und komplementär sind, so dass die Kooperation einen echten Mehrwert für die beiden Länder anstatt harter Konkurrenz generiert. Die Hauptakteure des Finanzplatzes Liechtenstein gehören mit den Schweizer Banken zu den führenden Vermögensverwaltern weltweit. Beide Finanzplätze sind international ausgerichtet, teilen zentrale Werte und ergänzen sich in ihren jeweiligen Stärken.
Liechtenstein und die Schweiz teilen historische, kulturelle und wirtschaftliche Nähe. Wo sehen Sie konkrete Anknüpfungspunkte für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen den beiden Finanzplätzen?
Die Schweiz und Liechtenstein sind seit vielen Jahrzehnten enge Partner. Wie Sie zurecht darauf hinweisen, sind die beiden Länder historisch gewachsen und rechtlich breit abgestützt, so dass sich die heutige Kooperation auf fast alle Bereiche erstreckt. Diese Nähe ist eine operativ gelebte Realität. Konkrete Anknüpfungspunkte liegen dort, wo sich Stärken ergänzen: in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung, bei spezialisierten Investmentstrukturen, im Fonds- und Produktbereich sowie bei der gemeinsamen Weiterentwicklung regulatorischer Standards. Insbesondere unsere beiden Finanzplätze haben ähnliche Prioritäten definiert, wie zum Beispiel Stabilität, Sicherheit und die Einhaltung internationaler Standards. Dazu kommen Innovation, Digitalisierung, Qualität und Kompetenz auf eine langfristige und hochwertige Beratung. Als letzte und zentrale Priorität möchte ich Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Finanzdienstleistungen erwähnen, die diese enge Zusammenarbeit durch meine Anwesenheit in Vaduz bekundet.
Viele junge Talente hinterfragen heute Sinn, Wirkung und Werte der Finanzbranche. Was muss sich ändern, damit der Finanzsektor auch in Zukunft attraktiv und glaubwürdig bleibt?
Ich bin optimistischer als Sie, wenn ich die verschiedenen Umfragen betrachte, die ganz klar zeigen, dass die Bankenbranche für Jugendliche mit Abstand die attraktivste Branche für eine kaufmännische Lehre ist: Jährlich schliessen über 1´300 Jugendliche eine Bank-KV-Lehre ab, von denen über 85 Prozent sofort nach Abschluss eine Stelle finden. Dank guter Zukunftsaussichten, interessanten Tätigkeiten und solider Rahmenbedingungen bleibt die Finanzbranche einer der beliebtesten Ausbildungswege. Und: Initiativen wie Building Bridges in Genf zeigen, dass der Finanzsektor den Dialog sucht – mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – und bereit ist, Verantwortung aktiv zu gestalten. Für junge Talente ist genau das entscheidend.
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Das Finance Forum Liechtenstein geht am 29. April 2026 zum 12. Mal über die Bühne. Es ist seit mehr als 10 Jahren der zentrale Treffpunkt für die Finanzbranche in Liechtenstein und der Schweiz.