11.02.2026, 08:06 Uhr
Eine Welle von KI-Produkteinführungen löst branchenübergreifende Verkäufe aus. Anleger fliehen aus allem, was durch künstliche Intelligenz bedroht sein könnte. Betroffen sind auf einmal auch Finanzdienstleister.
2026 könnte laut den Spezialisten von Aberdeen Investments zum Jahr der Emerging Markets werden. Doch Anleger müssen differenzieren: zwischen Gewinnern und Verlierern, zwischen Hart- und Lokalwährung, zwischen Chancen und geopolitischen Risiken.
Lange galten Schwellenländeranleihen als Anlageklasse im strukturellen Gegenwind. Jahrelang dominierten Rating-Herabstufungen die Schlagzeilen, Investoren zogen Kapital ab, die Skepsis wuchs.
Doch zu Beginn des Jahres 2026 hat sich das Bild gedreht: Eine Welle von Rating-Upgrades signalisiert eine grundlegende Verbesserung der Kreditqualität in den Emerging Markets. Die Fundamentaldaten vieler Schwellenländer haben sich nach den Turbulenzen der Pandemie deutlich stabilisiert – die Haushaltsdisziplin ist gestiegen, die Devisenreserven gewachsen, die Schuldenprofile tragfähiger geworden.
Siddharth Dahiya gilt als Head of Emerging Market Debt bei Aberdeen Investments, als einer der erfahrensten Köpfe der Branche. Er sieht die Anlageklasse in einer seltenen Ausgangslage: Positive Impulse kämen gleichzeitig aus mehreren Richtungen – von Staatsanleihen über Unternehmensanleihen bis hin zu Frontier Markets.
Besonders spannend sind derzeit Anleihen in Lokalwährung. Der US-Dollar bleibt historisch betrachtet teuer, was die Renditen von Schwellenländeranleihen in lokaler Währung relativ attraktiv erscheinen lässt. Für Investoren ergibt sich daraus eine doppelte Chance: neben den laufenden Erträgen auch das Potenzial für Währungsaufwertungen – eine Kombination, die auf den globalen Anleihemärkten derzeit Seltenheitswert hat. Sollte der Dollar weiter an Stärke verlieren, dürfte sich dieses Fenster noch weiter öffnen.
Auch auf der Unternehmensseite zeigt sich die Stärke: Die Bilanzen der EM-Unternehmen sind laut Dahiya so robust wie seit der globalen Finanzkrise nicht mehr. Die Nachfrage nach Unternehmensanleihen aus Schwellenländern übersteige derzeit das Angebot – ein technisches Umfeld, das die Spreads eng hält und für solide Erträge sorgt.
Die grössten Renditeversprechen – und die grössten Risiken – liegen in den Frontier Markets. Ghana hat eine erfolgreiche Schuldenumstrukturierung hinter sich, profitiert vom Goldboom und weist inzwischen Leistungsbilanzüberschüsse sowie Devisenreserven von über elf Milliarden US-Dollar auf. Ägypten und Nigeria locken mit disinflationären Trends und hohen lokalen Realrenditen.
Selbst in Extremfällen wie Venezuela, das seit 2017 zahlungsunfähig ist, sieht Dahiya Potenzial. Nach der Festnahme des ehemaligen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA Anfang 2026 zogen die Anleihekurse an – wenngleich sie weiterhin deutlich unter dem Nennwert notieren. Der letztendliche Rückzahlungswert könnte angesichts der gewaltigen Ölreserven des Landes höher liegen als der Markt derzeit einpreist.
Doch gerade bei Frontier Markets gilt: Die Risiken sind weniger globaler Natur als vielmehr länderspezifisch. Eine zu starke Abhängigkeit von Rohstoffexporten, politische Instabilität oder fehlende institutionelle Reformen können einzelne Märkte schnell in Bedrängnis bringen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der genauen Analyse jeder einzelnen Länderstory.
Mehrere geopolitische Themen prägen das EMD-Umfeld in diesem Jahr. Die globale Zollpolitik hat klare Gewinner und Verlierer hervorgebracht. Mexiko etwa profitiert grundsätzlich vom bevorzugten Marktzugang im Rahmen des USMCA-Handelsabkommens, doch fehlende Folgeinvestitionen begrenzen das Aufwärtspotenzial. Indien wiederum, obwohl mit hohen Zöllen konfrontiert, zeigt sich aufgrund seiner vergleichsweise geschlossenen Wirtschaft und seines dienstleistungsorientierten Exportmodells weniger verwundbar als befürchtet.
Transformative Wirkung könnte eine mögliche Lösung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine entfalten. Ein Waffenstillstand oder Friedensabkommen würde voraussichtlich erhebliche multilaterale Investitionen auslösen – insbesondere in der Ukraine – und könnte über sinkende Energiepreise auch jenen Schwellenländern zugutekommen, in denen hohe Energiekosten die Inflation angetrieben haben.
Zinswende als Katalysator
Globale Zinssenkungen wirken wie ein Turbolader für Schwellenländeranleihen. Sinken die risikofreien Zinsen in den Industrieländern, steigt die Attraktivität von Märkten mit höheren Renditen – und Kapital fliesst verstärkt in die Emerging Markets. Zugleich üben Zinssenkungen Abwärtsdruck auf den US-Dollar aus, was die Renditen von Lokalwährungs-Strategien zusätzlich beflügelt. Aberdeen-Experte Dahiya spricht von einem möglichen positiven Kreislauf aus Zuflüssen, Investitionen und Wachstum.
Staatsanleihen mit ihrer typischerweise längeren Laufzeit reagieren dabei besonders empfindlich auf Zinsänderungen und könnten im Falle weiterer Lockerungen eine Outperformance erzielen. Unternehmensanleihen hingegen bieten in einem Umfeld steigender Zinsen oder zunehmender Volatilität eher defensive Qualitäten – was eine Mischung beider Segmente aus Portfoliosicht sinnvoll erscheinen lässt.
Bei der Frage nach der richtigen Allokationsstrategie lässt Dahiya keine Zweifel: In einem derart heterogenen und von idiosynkratischen Faktoren geprägten Markt sei aktives Management passiven Ansätzen klar überlegen. Die Evidenz zeige, dass aktive Manager in der Anlageklasse über längere Zeiträume hinweg durchweg besser abschnitten. Eine geschickte Titelauswahl, fundierte Länderanalyse und konsequentes Risikomanagement – etwa beim Wechselkursrisiko – böten einen Mehrwert, den passive Engagements nicht liefern könnten.
Die gute Nachricht für Investoren: Ob Hartwährung oder Lokalwährung, ob Staats- oder Unternehmensanleihen, ob etablierte Schwellenländer oder Frontier Markets – alle Segmente der EMD-Anlageklasse bieten in diesem Jahr attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Entscheidend sei, die Allokation an die individuellen Ziele und die eigene Risikobereitschaft anzupassen.